Die Umfragebögen flatterten alle sechs Monate in meinen Briefkasten. Der kicker suchte halbjährlich nicht nur nach den besten Torhütern und Abwehrspielern, den kreativsten Mittelfeldspielern und treffsichersten Stürmern, sondern auch nach dem »unbeliebtesten Spieler der Bundesliga«. Jeder Profi in der Liga bekam diese Frage- bögen zugeschickt. Und wer hatte die Ehre, den Titel des »Bad Boy« gleich mehrfach zu gewinnen? Natürlich ich. Machen wir uns nichts vor: Das Image des brutalen Treters, der mit allen legalen und illegalen Mitteln seine Gegenspieler ausschalten wollte, habe ich bis heute weg. Ich habe ja auch einiges dafür getan, nicht als der Sonnenschein des deutschen Fußballs durchzugehen. Zeit, mich an dieser Stelle ein wenig mit meinem Image zu befassen.
»Thon, komm mir heute nicht in die Quere, sonst breche ich dir beide Beine ...«
Beginnen wir mit der berühmten Auseinandersetzung mit Olaf Thon. Thon machte 1984 eines seiner ersten Spiele für Schalke, ein blutjunges Talent, noch längst nicht so ausgekocht wie in den späteren Jahren seiner Karriere. Aber schon gut genug, um meiner Mannschaft Schaden zuzufügen. Also zog ich meine Psychonummer durch. Schon beim Aufwärmen starrte ich ihn die ganze Zeit böse an und als wir kurz vor dem Einlaufen ins Stadion gemeinsam im Gang standen, raunte ich ihm zu: »Thon, komm mir heute nicht in die Quere, sonst breche ich dir beide Beine ...« Und was machte der junge Kerl? Eingeschüchtert ging er Zweikämpfen mit mir aus dem Weg. Einen Teil meiner Arbeit als Manndecker hatte ich also schon vor dem Anpfiff erledigt.
Diese Masche habe ich eigentlich mit allen Gegenspielern durchgezogen, viele zeigten sich durchaus beeindruckt. Wie Jürgen Klinsmann, den ich später, als ich schon für Werder spielte, wenige Wochen nach der halbjährlichen kicker-Wahl vor dem Spiel fragte: »Klinsmann, hast du mich gewählt?« »Quatsch, Uli, ich doch nicht!« »Und wo kommen dann die ganzen Stimmen her? Verarschen kann ich mich alleine, heute gibt es doppelt auf die Stöcker!« Keine Methode, mit der ich mich in die Herzen der Fußballästheten spielte, die mir aber meistens den gewünschten Erfolg brachte. Ein Olaf Thon, ein Jürgen Klinsmann oder ein Andreas Möller, der sich besonders von verbaler Kriegsführung beeinflussen ließ, waren ja großartige Fußballer, häufig talentierter, meistens kreativer als ich; und um diese Spieler zu stoppen, war mir damals jedes Mittel recht. Auch meine Trainer merkten natürlich schnell, wie sie von meinem ganz speziellen Ruf profitieren konnten. Nicht selten kam es vor, dass mich Jupp Heynckes oder Otto Rehhagel mit der Anweisung »Geh nach vorne und mach denen ein bisschen Angst« in die gegnerische Hälfte schickten.
Wobei ich mich dagegen wehre, dass ich Gegenspieler bewusst verletzt habe. Sprüche, wie jener gegen Olaf Thon, waren einfach das, was sie waren: Sprüche, nicht mehr. Jeder gute Verteidiger muss auch ein guter Schauspieler sein, muss sich vor seinen Gegnern auf- plustern und ein wenig Angst und Schrecken verbreiten. Nur wenige Verteidiger im Profifußball sind so gut, dass sie auf diese Spielchen verzichten können. Aber ich bin mir sicher, dass selbst ein Mats Hummels seinen Gegenspielern auf dem Platz ab und an ein paar Nettigkeiten an den Kopf wirft.
Im Winter spielten wir quasi auf Spikes...
Es fällt schwer, an dieser Stelle nicht die »Früher-war-alles-härter-Keule« auszupacken, denn tatsächlich hatten wir in den achtziger und frühen neunziger Jahren mehr Möglichkeiten auf dem Platz. Allein schon deshalb, weil es noch nicht so viele TV-Kameras gab, die selbst den kleinsten Ellenbogenschlag brühwarm in der Wiederholung servierten. Bei Standardsituationen, wenn sich im Strafraum teil- weise 16 Mann auf den Füßen standen, flogen die Arme nur so durch die Luft, und wenn der Schiedsrichter gerade nicht hinsah, dann trat ich meinem Gegenspieler auf die Zehenspitzen oder griff kurz mal in die Familienplanung. Ich will mich mit diesen Geschichten nicht rühmen, doch es wäre auch lächerlich, diese schmutzigen Tricks zu verheimlichen. Wobei ich meine Grenzen kannte. Wenn wir im Winter auf gefrorenem Boden spielen mussten, half nur eines, um auf dem knüppelharten Platz einen sicheren Stand zu haben: Vor dem Warm- machen feilten wir in der Kabine unsere Stollen mit einer kleinen Dreikantfeile an, ein wenig Schuhcreme auf den Stollenspitzen half, um bei der Schuhkontrolle durch den Schiedsrichter nicht aufzufallen. Da die Stollen damals aus Lederstücken bestanden, die auf kleinen Nägeln am Schuh befestigt waren, dauerte es nur wenige Spielminuten, bis die obere angefeilte Lederkante abfiel – und wir quasi auf Spikes unterwegs waren. Mit solchen Waffen an den Füßen ging ich natürlich nicht mit gestreckten Grätschen in den Zweikampf, auf- gerissene Waden und Oberschenkel wären sonst nicht zu verhindern gewesen...
Eine Grätsche von Borowka – und das Weserstadion kochte
Mit meiner rustikalen Spielweise stach ich vielleicht aus der Masse heraus, doch auch meine Kollegen in der Bundesliga waren keine Kinder von Traurigkeit. Wenn ich bereits mit einer gelben Karte vor- gewarnt war, suchten die Gegenspieler natürlich verstärkt den Zweikampf mit mir – ein Platzverweis gegen mich hätte ihrer Mannschaft einen entscheidenden Vorteil verschafft. An die so viel gepriesene Vorbildfunktion denken Profifußballer im Spiel nicht. Es geht einzig und allein darum, der eigenen Mannschaft einen Vorteil zu verschaffen. Der Gegenspieler fliegt vom Platz, weil man ihn so lange piesackt, bis er die Nerven verliert? Gut so! Der Stürmer schindet einen Elfmeter und die eigene Mannschaft erzielt ein Tor? Genau richtig! Nein, mit Fairness hat das nichts zu tun, aber mit Cleverness. Menschen, die noch nie in ihrem Leben für Geld, die noch nie vor 50 000 Zuschauern gespielt haben, werden diesen Mechanismus nicht begreifen können. Zeitungsnoten für Fußballer sind auch deshalb ein Witz, weil die meisten Notengeber im Grunde genommen nicht dafür qualifiziert sind, eine Berufsgruppe zu beurteilen, die sie gar nicht kennen. Aber ich schweife ab.
Das Gesetz der Liga: Wenn du deinen Ruf hast, dann tust du alles dafür, ihn nicht mehr zu verlieren!
Vermutlich würde ich anders denken und reden, wenn ich das Talent eines Andres Iniesta oder Mario Götze in den Füßen hätte. Doch meine Talente beschränkten sich darauf, härter, ehrgeiziger und aus- dauernder als meine Gegner zu sein. Im Laufe der Jahre schaffte ich es, mir aus dieser Handvoll Talent ein Image aufzubauen, von dem ich, zumindest sportlich, profitierte. Viele Gegenspieler in der Bundesliga hatten vor den Spielen gegen Borussia Mönchengladbach oder später Werder Bremen keine Lust auf den Platz zu gehen. Weil sie wussten, dass ich dort mit gewetztem Messer auf sie wartete. Und nicht nur ich: Spieler wie Winnie Hannes, Norbert Ringels, Lothar Matthäus, Hans-Günter Bruns, Mirko Votava oder Dieter Eilts waren ja genauso gefürchtet! Und so ein Image ist hart erarbeitet. Wenn du deinen Ruf hast, dann tust du alles dafür, ihn nicht mehr zu verlieren!
Ich konnte mein Image auf unterschiedlichste Arten nutzen. Natürlich vor allem, um meine Gegner einzuschüchtern. Da gab es die bösen Blicke schon vor dem Spiel, ein paar freundliche Gesten beim Warmmachen und die besagten Sprüche. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mit einer einzigen Grätsche ein volles Stadion aufrütteln konnte. Wenn das Weserstadion mal wieder von Lethargie befallen wurde, jagte ich meinen Gegenspieler eben bei nächster Gelegenheit über die Seitenlinie – sofort waren 35 000 wieder hellwach und brüllten uns im Idealfall zum Sieg. Als Abwehrspieler sind deine Möglichkeiten dies- bezüglich stark eingeschränkt. Läufst du dem Stürmer elegant den Ball ab, weil du schon Sekunden zuvor seinen Laufweg erahnt hast, merkt das kein Mensch. Stehst du geschickt im Raum, blockst einen Steilpass und leitest damit den Gegenangriff ein, gibt es höchstens leisen Szenenapplaus. Aber wenn Uli Borowka Jürgen Klinsmann auf die Socken trat, dann kochte der Kessel!
Der größte Giftzwerg der Bundesliga:
Man spricht bei Fußballern, die von Jahr zu Jahr besser werden, gerne von der Erfahrung oder Routine, die sich im Laufe eines Fußballerlebens eben ansammelt. Bei mir war es nicht anders. Ich wurde vielleicht nicht schneller, größer oder technisch begabter, aber ich wusste sehr genau, mit welchen Kniffen und Tritten ich die Stürmer aus der Bundesliga an den wunden Punkten treffen konnte. Der eine hasste es, wenn man ihn während des Spiels vollquatschte, den anderen trieb es zur Weißglut, wenn ich ihn am Trikot zog. Nach Jahren in der Liga hatte ich eine Art Karteikästchen in meinem Kopf, wenn ich bestimmte Informationen benötigte, brauchte ich nur im Gedächtnis kramen.
Ich habe nur sehr wenige Spieler erlebt, bei denen meine Methoden nicht fruchteten. Und hatte trotzdem, oder gerade deshalb, meinen Spaß mit ihnen. Ulf Kirsten war so ein Fall. Dem brauchte ich nicht mit bösen Blicken kommen, er schaute einfach noch böser zu- rück. Und wenn das Spiel begann, war er es, der mir die ersten blauen Flecken verpasste. Trat ich ihn, trat er mich – so ging das 90 Minuten lang. Ein geiles Duell! Das mögen andere masochistisch finden, ich zollte einem solchen Gegenspieler Respekt. Selbst wenn er mir zu- vor gezielt in die Knöchel gesprungen war. Ein ähnlicher Giftzwerg war Fritz Walter vom VfB Stuttgart, ein wuseliger Typ, mit allen Ab- wassern gewaschen, vielleicht der größte Stinkstiefel der Bundesligageschichte. Den so genannten Dirty Talk konnte man mit Fritz voll und ganz durchexerzieren.
Mit George Weah war es noch einmal etwas anderes. Den späteren Weltfußballer, damals noch im Trikot vom AS Monaco, traf ich 1992 im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger. Schon beim Einlaufen musste ich unweigerlich seinen Körper bestaunen: 1,90 Meter groß, 90 Kilo Muskelmasse, Weah platzte vor lauter Kraft fast das Leibchen. Das konnte ja heiter werden. Und das wurde es auch. Bei unseren Zweikämpfen kam ich mir vor, als würde ich gegen einen Wandschrank rennen. Weah war definitiv der stärkste Fußballer, gegen den ich jemals gespielt habe. Das zeigte sich besonders in einer Szene: Mit gestreckten Beinen flog ich auf Weah zu, verpasste den Ball und rammte meine Stollen in seinen Oberschenkel. Weah schüttelte sich kurz, sah an mir vorbei und stand wieder auf. Mit dieser At- tacke hätte ich normalerweise die Bäume in unserem Garten fällen können. Doch ihm machte es nichts aus. Schlimmer noch: Als ich wenige Minuten später mein Schuhwerk inspizierte – ich lief etwas unrund –, war doch tatsächlich einer der 16-Millimeter-Plastikstollen abgebrochen! Mein Stollen, an Weahs Oberschenkel zerschellt. Un- fassbar. Gegen diese Urgewalt wirkten meine Angriffe geradezu lächerlich. Noch ein paar Mal zog ich ihm bei Eckbällen meinen Ellenbogen ins Gesicht, doch nie eine Reaktion. Ich war froh, als dieses Spiel endlich beendet war.
Abwehrbösewicht und Alkoholiker – das Leben eines Junkies
Stürmer erinnern sich an ihre Tore. Mittelfeldspieler an schöne Pässe. Torhüter an Glanzparaden. Ich erinnere mich vor allem an Zweikämpfe. An 90-minütige Eins-gegen-eins-Situationen. An Grätschen über feuchten Rasen, an die blauen Flecken auf den Schienbeinen.
Woran liegt das?
Heute weiß ich es. Ich war ein Süchtiger. Süchtig nach dem nächsten Kick, den mir ein gewonnener Zweikampf brachte. Süchtig nach dem Gefühl, von 50000 gegnerischen Fans gehasst zu werden, weil alle wussten, dass ich ihrem Superstar das Leben schwer machen würde. Deshalb lief ich bei Auswärtsspielen in Dortmund immer als Letzter ein, deshalb machte es mir nichts aus, wenn auf dem Betzenberg Dutzende Bierbecher nach mir geworfen wurden: Um den Hass eines ganzen Stadions zu genießen. Das klingt pervers? Ist es auch, aber ich, Fußballspieler und Adrenalinjunkie, sog die Energie, natürlich auch die positive, wie ein Schwamm in mich auf. Die Emotionen machten mich stärker, schneller, härter. Ich spielte Fußball mit dem Wissen: Wenn ich einen Zweikampf verliere, wenn mein Gegner besser ist als ich, kassieren wir wahrscheinlich ein Gegentor, verlieren wir vielleicht. Man muss sich als Fußballer nicht zwingend einen solchen Druck aufschultern, aber ich tat es aus Überzeugung. Es ist kein Wunder, dass einer meiner besten Freunde in Bremen Oliver Reck wurde. Als Torhüter hatte Olli noch mehr Verantwortung zu tragen. Kleinste Fehler entscheiden bei Torhütern über Sieg und Niederlage. Lass einen Torwart in 85 Minuten zehn Glanzparaden machen, wenn er in der 90. Minute den Ball durch seine Hände rutschen lässt, ist er der Idiot, wird er zum »Pannen-Olli« gekürt. Man muss mental schon so stark sein wie Oliver Reck, um sich von einem so ungerechten Image nicht fertigmachen zu lassen. Mich sollte niemand »Pannen-Uli« rufen. Mich sollte man feiern, fürchten und respektieren. Dafür tat ich auf dem Platz alles. Und wenn die Droge Fußball wieder wirkte, hatte ich mein Ziel erreicht. Dann war der Junkie für einen kurzen Moment ganz mit sich im Reinen.
Mein Körper wurde zu einer Waffe
Doch das Leben eines Junkies ist nie gesund. Egal, ob die Droge Fußball, Arbeit, Ruhm, Alkohol oder Heroin heißt. Die Abhängigkeit kommt schleichend, und dann frisst sie dich genüsslich auf. Im Laufe der Jahre wollte ich immer mehr von diesen rauschähnlichen Zuständen erleben, die mir der Fußball geben konnte. Also formte ich meinen Körper zu einer echten Waffe und setzte diese Waffe auch ein.
Kein Mensch kommt mit so einer Einstellung unbeschadet über die Runden. Ich natürlich auch nicht.
Wie eine Kerze, die von beiden Seiten angezündet wird, brannte ich nach und nach herunter. Wenn man es nicht schafft, für so einen Job den richtigen Ausgleich zu finden, sind persönliche Probleme unausweichlich. Ich hatte zwar meine Frau und zwei wunderbare Kin- der, doch als es in unserer Ehe zu Beginn der neunziger Jahre immer heftiger kriselte, wurde auch das Familienleben zu einer heftigen Herausforderung, der ich schließlich nicht gewachsen war. Weil ich immer volle Pulle geben wollte – auf und neben dem Platz – glitt mir mein Leben immer weiter aus den Händen. Die Droge Fußball reichte nicht mehr, um die täglichen Herausforderungen auszugleichen. Der Alkohol, schon in den achtziger Jahren mein stiller Begleiter, wurde Anfang der Neunziger zum Strohhalm, an den ich mich klammerte. Wenn ich mir einen ansoff, lösten sich die Probleme, der Druck, der Stress, plötzlich sanft und leise auf. Eine Droge ersetzte die andere. So wurde ich zum Trinker und der Alkohol meine Medizin. Herbert Grönemeyer hat schon recht: Alkohol ist dein Sanitäter in der Not. Aber wenn du den Sanitäter tagtäglich in Anspruch nimmst, dann sind es keine Beulen und Schrammen, die behandelt werden müssen. Dann bist du schwer krank.
Jeder Zweikampf trieb mich weiter in die Sucht
Heute weiß ich es: Ich war zu schwach, um mich all den Problemen im Alltag nüchtern zu stellen. Ich war nicht stark genug, um mir einzugestehen, dass mein selbst erbautes Image zu einem selbst- zerstörerischen Image verkommen war. Jeder Zweikampf, jeder Gedanke an den nächsten Sieg, jeder Streit mit meiner Frau trieb mich mehr in die Sauferei. Eine fatale Spirale. Dem Spagat zwischen einem Leben als Fußballprofi und Privatmann war ich bald nicht mehr gewachsen. Als die achtziger Jahre zu Ende gingen, hatte sich mein Leben bereits in eine andere Richtung gedreht. Aber das konnte zu diesem Zeitpunkt niemand erkennen.
Am allerwenigsten ich selbst.
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