18.04.2014

Auszug aus der Alex-Ferguson-Biografie

»Das war Beckhams Todesstoß«

Seite 2/3: Beckhams neue Frisur
Text:
Alex Ferguson
Bild:
Mike King

Am nächsten Tag rief ich ihn dann zu mir, um gemeinsam die Videos vom Spiel anzuschauen. David wollte seinen Fehler aber noch immer nicht einsehen. Während er dasaß und mir zuhörte, sagte er kein Wort. Kein einziges Wort. »Begreifst du, worüber wir reden, was wir meinen?«, fragte ich. Er würdigte mich nicht einmal einer Antwort.
Am nächsten Tag stand die Geschichte in allen Zeitungen. Sein Haarreif machte die durch den Fußballschuh verursachte Wunde vor aller Welt noch besonders sichtbar. An einem der folgenden Tage erklärte ich dem Vorstand, dass David gehen müsse. Man kannte mich nur allzu gut, um darüber überrascht zu sein. Wenn ein Spieler von Manchester United meint, sich über den Trainer stellen zu können, muss er gehen. Ich sagte nicht zum ersten Mal: »In dem Augenblick, in dem der Trainer seine Autorität verliert, habt ihr keinen Klub mehr. Die Spieler werden das Sagen haben, und ihr habt dann richtige Schwierigkeiten.«

David hielt sich für mächtiger als Alex Ferguson. Das steht für mich zweifelsfrei fest. Es spielt aber keine Rolle, ob der Trainer nun Alex Ferguson heißt oder irgendwie anders. Der Name ist irrelevant. Es geht um Autorität. Man darf keinesfalls zulassen, dass ein Spieler in der Kabine das Kommando übernimmt. Das haben schon viele versucht. Das Zentrum der Autorität ist bei Manchester United ein für alle Mal der Trainer. Dass David sich für mächtiger hielt, war für ihn der Todesstoß bei Man United.

David schnaubte und ging

Nachdem wir in der Champions-League-Gruppenphase Erster wurden, bekamen wir Real Madrid zugelost. Beim Hinspiel in Spanien schien David besonders wild darauf zu sein, Roberto Carlos, dem Linksverteidiger von Madrid, die Hand zu schütteln. Nach unserer 1:3-Niederlage im Bernabéu-Stadion klinkte sich David vor dem Spiel gegen Newcastle am folgenden Samstag unter dem Vorwand aus, er sei nicht fit genug. Ich setzte Ole-Gunnar Solskjær ein, der bei unserem 6:2-Sieg mit einer fantastischen Leistung für die Mannschaft glänzte.
Davids Form war meiner Meinung nach nicht gut genug, um Solskjær beim Rückspiel gegen Real im Old Trafford aus einem winning team zu nehmen. Während einer Runde Fußballtennis, die wir vor dem Rückspiel angesetzt hatten, nahm ich David zur Seite und sagte ihm: »Ich werde Ole zu Beginn des Spiels einsetzen.« Er schnaubte wütend und ging.

Am Abend des Rückspiels herrschte ein furchtbares Tohuwabohu. Beckham kam in der 63. Minute als Ersatz für Verón ins Spiel und lieferte den Zuschauern im Old Trafford eine super Vorstellung, die wie ein Abschied wirkte. Ihm gelang mit einem Freistoß ein Treffer, und in der 85. Minute erzielte er das Tor zum Sieg. Wir gewannen 4:3, doch Ronaldos wunderbarer Hattrick und die Niederlage in Spanien warfen uns aus dem Wettbewerb.

David rechnete zwar mit dem Zuspruch und der Unterstützung der Fans, doch stand für sie zweifelsfrei fest, dass es von ihm einen direkten Angriff auf mich gegeben hatte. Der Wechsel zu Real Madrid gewann an Dynamik. Soviel wir wussten, hatten bereits Gespräche zwischen Davids Berater und Real Madrid stattgefunden. Den ersten offiziellen Kontakt hatten wir Mitte Mai, als die Spielzeit beendet war. Unser Geschäftsführer, Peter Kenyon, meldete sich bei mir mit der Nachricht: »Real Madrid hat angerufen.«

»Wir lassen ihn erst gehen, wenn wir die 25 Millionen kriegen«

»Na ja«, sagte ich, »das haben wir ja erwartet.« Wir verlangten 25 Millionen Pfund. Ich war im Urlaub in Frankreich und saß gerade mit meinem Freund Jim Sheridan in einem Restaurant beim Essen, als mich Peter auf dem Handy anrief. Ich wollte das Gespräch aber lieber in Ruhe und nicht in aller Öffentlichkeit führen. Und wie es der Zufall wollte, wohnte Jim genau über dem Restaurant. »Geh hoch in mein Apartment und benutze dort mein Telefon«, schlug Jim vor. Das machte ich dann auch.

»Wir lassen ihn erst gehen, wenn wir die 25 Millionen kriegen«, erklärte ich Peter. Ich glaube, am Ende erhielten wir knapp 18 Millionen Pfund, inklusive etlicher Zusatzzahlungen.
Seinen Abschied auf dem Feld hatte er da schon gefeiert. Am 3. Mai 2003 hatten wir uns im Old Trafford die Meisterschaft mit einem 4:1-Sieg über Charlton gesichert. Bei diesem Spiel erzielte er einen Treffer wie auch am 11. Mai beim 2:1 gegen Everton. Ein Freistoß aus 18 Metern Torentfernung war für ihn keine schlechte Art, goodbye zu sagen. Unsere Abwehr wurde dabei von einem jungen Evertoner Talent mit Namen Wayne Rooney stark gefordert. David hatte seinen Teil zu unserem Titelgewinn beigetragen, und deshalb gab es für mich keinen Grund, ihn im Goodison Park nicht zu berücksichtigen.

Vielleicht war David damals einfach nicht reif genug, um mit all dem, was auf sein Leben einstürmte, vernünftig umzugehen. Heute scheint er die Dinge besser im Griff zu haben. Inzwischen hat er seinen Platz gefunden und alles besser unter Kontrolle. Aber damals begann mich sein Promi­gehabe zunehmend zu nerven.

»David, nimm deine Mütze ab, du bist in einem Restaurant«, sagte ich

Ein Beispiel: Als ich vor einer Fahrt nach Leicester City an unserem Trainingsgelände ankam, sah ich, wie am Straßenrand Richtung Carrington schon eine Meute von Presseleuten wartete. Es mussten etwa zwanzig Fotografen gewesen sein. »Was ist hier los?«, fragte ich. »Beckham präsentiert offenbar morgen seine neue Frisur«, erfuhr ich. David erschien mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Auch beim Abendessen trug er sie. »David, nimm deine Mütze ab, du bist in einem Restaurant«, sagte ich. Nichts dergleichen. »Sei nicht albern«, beharrte ich, »nimm sie ab.« Aber das tat er nicht. Ich tobte, hatte aber keine Handhabe, auf ihn einzuwirken. Viele Spieler hatten auf dem Weg zu Spielen oder sonst wo Baseballkap- pen getragen, aber keiner war je so unverschämt gewesen, sie während eines Mannschaftsessens nicht abzunehmen.

 
 
 
 
 
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