Ausstellung: Die Ukraine im Vorfeld der EM

Von Trockenfischen und SS-Uniformen

Ausstellung: Die Ukraine im Vorfeld der EM Privat

Nach 27-stündiger Busfahrt war die Gruppe der Schalker Fan-Initiative um Susanne Franke froh, endlich in Lviv angekommen zu sein. Man hatte sich dort zu einem internationalen Fußballturnier verschiedener Fangruppen verabredet. Weil die Organisation FARE (Football Against Racism in Europe) federführend war, hatten sich die Gelsenkirchener zu der langen Reise in die Ukraine entschlossen. Ein Turnier gegen Rassismus hielt man für eine gute Sache. In dem weitgehend unbekannten Fußballland knöpfte die Gruppe schnell Freundschaften, es wurde in maroden Stadien Fußball gespielt, man lernte eine sympathische Kultur kennen und feierte wilde Partys. Der Trip im Jahr 2009 sollte die Gruppe derart prägen, dass sie sich ein Jahr später erneut in die Ukraine aufmachte.  

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Neo-Nazis stürmen den Platz

Bald schon stellte sich heraus, dass es nicht nur bei den positiven Eindrücken bleiben sollte. Bereits am Vorabend des Abschlussturniers hatten sich zwei Neo-Nazis mit eindeutigen politischen Botschaften auf den T-Shirts unter das Feiervolk gemischt. Was anfangs nur irritierend zur Kenntnis genommen wurde, sollte am Finaltag richtig ausarten. Als das Turnier zu Ende war, stürmten Anhänger der rechten Szene mit Messern bewaffnet einen Gästeblock, brüllten dabei »Sieg Heil« und rissen die antirassistischen Banner ab. »Wir waren alle unter Schock«, erinnert sich Franke. »Keiner wusste, wie und ob die Provokationen in Gewalt ausarten würden.« Von der Polizei und den Sicherheitskräften kam keine Reaktion.  

Dass in der Ukraine Rechtsextremismus im Zusammenhang mit Fußball so normal ist wie das Amen in der Kirche, wurde den Reisenden schnell bewusst. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen findet sich bei fast allen Erstligaklubs eine große Zahl von rechten Fanszenen, die keinen Hehl daraus machen, dies öffentlich kund zu tun. Faschistische Symbole auf Bannern und Hakenkreuze auf Stadionmauern gehören zur Normalität. Auf Flohmärkten kann man gar SS-Uniformen kaufen – im Original, versteht sich. »Es scheint hier im Allgemeinen wenige Aufklärungsarbeit geleistet worden zu sein«, stellte Susanne Franke fest. »Man hat es leider mit einer Gesellschaft zu tun, die Konflikte oft mit Gewalt löst.« Auch das musste die Gruppe ein Jahr später feststellen. Während eines Erstligaspiels beobachteten Sie, wie Stadionordner einzelne Personen ohne ersichtlichen Grund aus dem Zuschauerblock zerrten. Diese wurden kurz später von einer Gruppe Unbekannter zusammengetreten. Ein ukrainischer Freund der Fan-Initiative hielt – ganz unverblümt – mit seiner Handykamera drauf. Der Videoschnipsel fand seinen Weg in einen Bericht der ARD.  

Was bedeutet das für die Euro 2012?

Zurück in Deutschland, entschied sich die Schalker Fan-Initiative, die Eindrücke der beiden Reisen in einer Ausstellung zu präsentieren. »Innenansichten von außen – Ukrainische Fußballkultur im Vorfeld der Euro 2012«, nennt sich das Projekt, bei dem es Fotos und Videomaterial zu sehen gibt, von den Reisenden selbst gemacht und ausgewählt. Doch was bedeutet das nun für die kommende EM? Wie Franke sagt, soll die Ausstellung keine sozialwissenschaftliche oder politische Analyse sein, sie soll lediglich einen Einblick geben in diese unbekannte Kultur mit ihren positiven wie negativen Facetten. »Wenn sich die Massen im nächsten Jahr in die Ukraine aufmachen, dann schadet es nicht, sich über die Gegebenheiten in dem Land zu informieren. Was dann während der EM passiert, kann ohnehin niemand voraussehen.« 

Im Gelsenkirchener »stadt.bau.raum« hat man sich jedenfalls sehr bemüht, die Kultur der Ukraine wiederzugeben. Im Hintergrund ertönt ukrainischer Ska. Statt Erdnüssen gibt es Trockenfische aus der Packung, dazu einheimischen Vodka oder wahlweise ein Bier. Ein Besuch, der sich lohnt.  

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»Innenansichten von außen – Ukrainische Fußballkultur im Vorfeld der Euro 2012« Eine Fotoausstellung der Schalker Faninitiative e.V. 
stadt.bau.raum, Boniverstr. 30, 45883 Gelsenkirchen
21. August – 9. September 2011
tägl. 15 – 19 Uhr, Sa. und So. zusätzlich von 11 – 13 Uhr.

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