Ausschreitungen beim Hamburger Hallenturnier

»Die Angst, dass einer stirbt«

Am Freitag kam es beim Hamburger Schweinske Cup zu Auseinandersetzungen zwischen Fans des VfB Lübeck, des FC St. Pauli und der Polizei. Es gab 49 Verletzte und 74 Festnahmen. Das Turnier wurde abgebrochen. Wir haben die Stimmen dokumentiert. Ausschreitungen beim Hamburger Hallenturnierimago

Das 26. internationale Hamburger Hallenfußballturnier um den Schweinske Cup endete am Freitagabend in einer Massenschlägerei. »Es ist eine Schande, das so etwas passieren konnte«, sagte Veranstalter Wolfgang Engelmann dem Sport-Nachrichtensender Sky Sport News. »Das war in meinen Augen organisierte Kriminalität. Wir haben eine Entwicklung bei den Fußballfans, die ist grausam.«

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Die Hamburger Polizei teilte mit, dass es vor der Alsterdorfer Sporthalle gegen 17:30 Uhr zu ersten Handgreiflichkeiten zwischen Fans des Regionalligisten VfB Lübeck und Anhängern des Zweitligisten FC St. Pauli gekommen sei. Laut Aussagen der Polizei sollen auch aus Lübeck angereiste Fans des Hamburger SV mitgemischt haben. Weiter ging es dann im Innern, als Lübecker Anhänger St. Pauli-Fahnen stahlen, Becher flogen und Fans sich auf den Tribünen prügelten.

Pfefferspray- und Schlagstock-Einsatz von über 300 Polizisten

»Ein Großteil sehr aggressiver Fans des FC St. Pauli hat die Auseinandersetzung gesucht, auch mit der Polizei«, sagte Einsatzleiter Robert Golz dem Sender Sky Sport News. »Wir hatten heute eine Gewaltbereitschaft, die wir in dieser Form bisher nicht hatten.« Erst nach einem Pfefferspray- und Schlagstock-Einsatz von über 300 Polizisten, so informiert die Sport-Nachrichtenagentur SID, soll gegen 22:30 Uhr Ruhe eingekehrt sein. Insgesamt gab es 49 Verletzte, 74 Randalierer wurden in Gewahrsam genommen.

So weit die Berichte der Agenturen und der Polizei Hamburg. Wir haben hier Statements verschiedener Fans zusammengestellt.

Ein St. Pauli-Fan, der unter dem Namen Magischer FC bloggt, sieht die Schuld für die Ausschreitungen vornehmlich bei der Polizei den Turnier-Organisatoren. Man habe bei der Auswahl der Teams das übermäßig hohe Konfliktpotenzial übersehen. So hätten im Block der etwa 80 Lübeck-Fans »Typen gestanden«, die mit Sprüchen wie »›Deutsche wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli‹ bereits nach 2 Minuten des ersten Turnierspieles klar mach(t)en, welches Geistes Kind sie sind«. Die Polizei stellte den »80 Leuten (...) 10 Beamte an die Seite, ohne Helm und locker formiert«. Die 1000 St.Pauli-Fans hingegen wurden komplett »mit behelmten Kräften« eingekesselt.

Von wem ging das Bedrohungspotenzial aus?

Ähnlich argumentiert auch der Blog Fußball von Links. Der/die Autor/in hielt es für eine »eine dumme Idee«, den VfB Lübeck einzuladen, »von dem leider nur zu gut bekannt ist, dass dort eine ganze Menge rechtes Pack herumlungert«. Weiter schreibt Fußball von Links, dass bei den Ausschreitungen in und um die Halle »sicher auch Anhänger_innen des FC St. Pauli nicht nur defensiv agiert haben«. Dies sei allerdings eine »nur logische Konsequenz daraus, dass die Polizei von Anfang an nicht geschnallt hat, von wem hier das Bedrohungspotential ausgeht«.

Das Stadtteil-Magazin Supra prangert ebenfalls das Vorgehen der Polizei an: »Was für eine erbärmliche Scheiße! Wer denkt sich bei der Hamburger Polizei eigentlich solche beschissenen Einsätze aus? Nicht dass mir die Worte fehlten, aber über so eine idiotische Glanzleistung sollte man vielleicht noch mal ne Nacht schlafen. Ihr StümperInnen! Kleine Kinder vermöbeln - richtig geil! Arschlöcher!«

»Was bleibt, ist die Angst, dass einer stirbt«

Auch der Blogger fredericepusteblume spricht davon, dass die Polizei »überfordert« war und »so gehandelt« habe. Allerdings ist er auch »entsetzt über die Anzahl der gewaltbereiten St.Pauli-Fans«. Ein Schläger (angeblich ein St.Pauli-Fan) habe sich etwa auf einen gegnerischen Anhänger geworfen und »minutenlang heftig« auf den am Boden Liegenden eingeschlagen.

Der Blog Fabulous Sankt Pauli hält sich bei der Beurteilung des Polizeieinsatzes zurück: »Über polizeiliche Maßnahmen und Gefahrenabwehrtechniken- und taktik kann ich nichts sagen, anscheinend war das gestern auch wieder kein geglückter Einsatz.« Die Autorin kritisiert vor allem Aufarbeitung solcher Geschehnisse in den Medien und Fanszenen. Statt das Problem als solches zu verstehen, werde die Gelegenheit genutzt, »mit der Vereinsbrille bewaffnet die Schuld an Randalen rund um den Fussball einzelnen Gruppen und Vereinen zuzuweisen und sich im Bewusstsein der eigenen vermeintlich weissen Weste genüsslich zurückzulegen. Das ›die sind sonst nie da‹- und ›es sind immer die anderen‹-Prinzip.« Die Autorin kommt zu dem Fazit, dass die Gewaltbereitschaft im Fussball bundesweit kein vereinsspezifisches Problem ist, es gebe sie überall: »Jeden Tag woanders. Jeden Tag wieder. Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Und die Angst, dass einer stirbt.«

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