Aus der Oberliga in die afghanische Nationalelf

Helden wie wir

Einmal Nationalspieler und zurück: Wie zwei Amateurfußballer aus der Oberliga Hessen für ein langes Wochenende zu Volkshelden in Afghanistan wurden. Die Geschichte eines Fußballertraums, der wahr wurde. Andreas Fischer
Heft #73 12 / 2007
Heft: #
73
E-Mails können ein Leben verändern. Am Morgen des 15. Oktober war Harez Habib nur ein fleißiger Politikstudent an der Uni Göttingen. Als er an diesem Tag jedoch seine Mails checkte, traute er seinen Augen nicht: Im Anhang an eine freundliche Nachricht des Nationaltrainers fand er dort in Englisch die offizielle Einladung des afghanischen Fußballverbandes als Spieler zum WM-Qualifikationsspiel gegen Syrien zu kommen. Der 25-jährige Mittelfeldregisseur des wenig erfolgreichen Kasseler Oberligisten FSC Lohfelden war soeben zum Michael Ballack eines Landes mit fast viermal soviel Einwohnern wie EM-Gastgeber Österreich befördert worden, fast zweimal so groß wie Deutschland.

[ad]

Nur ein paar Kilometer entfernt in seiner Kasseler Bude starrte auch Yusuf Barak etwas ungläubig auf den Bildschirm seines Rechners. Der 22-jährige Lohfelden-Verteidiger wurde ebenfalls per Mail zum afghanischen Nationalspieler hoch gelobt – und zum Länderspiel elf Tage später in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe gebeten. Seit er als Sechsjähriger mit seiner Familie aus dem afghanischen Kriegsgebiet flüchtete, war er nicht mehr in der Heimat gewesen. Nun sollte der Volkswagen-Azubi als Nationalspieler dorthin zurückkehren.

Was war passiert? Kurt Felix, der seine Späße jetzt in zynische Spam-Mails verpackt? Ein aggressiver Killer-Virus? Im Gegenteil. Die Einladung war ein Hilferuf von Klaus Stärk, dem vom DFB entsandten Nationalcoach im afghanischen Krisengebiet. Der Deutsche war mit seinem Kader bereits im Trainingslager in Tadschikistan eingetroffen, doch jede sinnvolle Verstärkung war ihm recht. Schließlich war mit einem hohen Rückspielsieg im K.O.-Match gegen Syrien die Teilnahme an der WM-Vorrunde in der Asien-Gruppe möglich.

Bei der 3:0-Hinspiel-Niederlage in Syrien hatte Stärk auch Ata Yamrali vom ASV Bergedorf berufen. Dem Exil-Afghanen aus dem Hamburger Vorort wiederum waren Habib und Barak beim »Ariana-Cup« aufgefallen, einem Freizeitturnier in der Hansestadt, zu dem 15 Städteteams bestehend aus Exil-Afghanen aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten. In ihren Mannschaften – Barak trat für Paderborn an, Habib für die Kasseler Auswahl – entpuppten sich beide als Führungsspieler. Yamrali fragte, ob er den Kontakt zum Nationalcoach Stärk herstellen solle. Die beiden Oberliga-Kicker aus Hessen willigten erfreut ein. Es folgten ein paar kurze Telefonate mit Stärk, der durch seine Tätigkeit als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball das Improvisieren gelernt hat. Bevor er im September 2003 in Afghanistan anfing, arbeitete er im Libanon, in der Mongolei und in Kasachstan.

Syrien bat, das Spiel wegen nicht in Afghanistan auszutragen

Nun aber war schnelles Handeln gefragt. Die beiden Exil-Afghanen mussten sich die Flüge nach Duschanbe selbst buchen. 24 Stunden vor dem Anpfiff setzte die Maschine mit den Kickern aus Hessen, Ata Yamrali und einem weiteren Amateurspieler, Obaidullah Karimi von Eintracht Norderstedt, auf dem Flughafen der tadschikischen Hauptstadt auf. Das syrische Team hatte aufgrund der unsicheren Situation und der ständigen Gefahr von Anschlägen darum gebeten, das Spiel nicht in Afghanistan auszutragen. Da die Flutlichtanlage im Nationalstadion in Duschanbe nicht den FIFA-Auflagen entsprach, hatte der Weltverband zudem entschieden, den Anpfiff von 20 Uhr auf 13 Uhr vorzuverlegen.

Es blieb also exakt eine Trainingseinheit mit dem Kader, um sich für einen Einsatz zu empfehlen. Habib, der 1985 als Dreijähriger nach Deutschland kam, machte sich wenig Hoffnungen: »Es war schon genug der Ehre, überhaupt dabei sein zu dürfen.« Doch das taktische Verständnis, das die beiden Oberliga-Spieler aus Deutschland offenbarten, überzeugte den Nationaltrainer und seinen Assistenten Ali Askar Lali, der lange in Paderborn gelebt hat. Stärk beorderte Habib und Barak in die Startelf. Murrend nahmen dafür zwei Profis vom afghanischen Meister FC Kabul Bank auf der Ersatzbank Platz.

Am 26. Oktober 2007 standen Harez Habib und Yusuf Barak also in der Mittagssonne von Duschanbe auf dem ausgeblichenen Rasen des Zentralstadions und lauschten den Klängen der Nationalhymne »Soroud-e-Melli«. Der afghanische Kanal »Ariana TV« übertrug das Spiel live in 41 Länder, rund zehn Millionen Afghanen fieberten vor den Bildschirmen mit. Während die Spitzenspiele in Lohfelden im Höchstfall 500 Zuschauer mobilisieren, waren nun 2000 im Stadion. Yusuf Barak war von seinem Orthopäden in Deutschland kurz vor der Abreise unterrichtet worden, dass er zwei Leistenbrüche habe. Noch in der Umkleide plagten ihn so schlimme Bauchschmerzen, dass er fürchtete, nicht auflaufen zu können. Nun schossen ihm bei der Hymne die Tränen in die Augen und das Adrenalin betäubte das unangenehme Ziehen im Unterleib. »Erst in diesem Moment begriff ich, was für eine unglaubliche Geschichte mir widerfuhr.«

Einen Pass von Habib vollstreckte Karimi

Stärk hatte eine Mixtur aus sieben Leistungsträgern vom Meister FC Kabul Bank und vier deutschen Exilanten aufgeboten. Schon nach wenigen Minuten folgte das Team den Kommandos von Habib im zentralen Mittelfeld. Mit Erfolg. Eine deutsch-deutsche Co-Produktion brachte die Not-Truppe nach 15. Minuten in Führung. Einen Pass von Habib vollstreckte Karimi aus Norderstedt zum 1:0. Ein geschichtsträchtiger Moment, von dem auf dem Platz noch niemand etwas ahnte: Es war das erste Pflichtspieltor einer afghanischen Nationalelf seit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen 1979. Im Krieg hatte es keinen organisierten Fußball gegeben. Während des Taliban-Regimes drohte jedem Afghanen, der den Sport ausübte, eine Gefängnisstrafe. Erst mit der Demokratisierung 2003 kehrte das Spiel nach Afghanistan zurück.

Habib und Barak wurden ohne ihr Wissen zu Geburtshelfern einer neuen Fußball-Euphorie in ihrer Heimat. Einer Heimat, die sie fast nur noch aus den Erzählungen der Eltern und den Fernsehberichten kannten. In ganz Afghanistan gibt es nur ein Stadion, das über einen Rasenplatz verfügt
 – das 60 000 Zuschauer fassende Olympiastadion in Kabul. Und auch das ist ein besserer Acker, weil fast alle Ligaspiele dort ausgetragen werden. In dem Wissen, dass es den Team-Kollegen am Nötigsten mangelt, brachten die beiden Kicker aus Hessen 20 Aufwärmtrikots als Geschenk für die Mannschaft mit.

Am Ende siegte Syrien mit 2:1. Doch Afghanistan feierte, als gäbe es kein Morgen. Mädchen kamen mit ihren Müttern von der Tribüne und umringten mit Tränen der Rührung in den Augen die Spieler. Habib und Barak mussten Autogramme schreiben und in die Mikrophone von wild gestikulierenden Reportern sprechen. Die Ersatzspieler fielen den beiden Hessen um den Hals und versicherten nun: »Für euch setzen wir uns gerne auf die Bank.« Bei den Eltern in Kassel stand das Telefon nicht mehr still. Bekannte aus Afghanistan riefen an, um sich zu bedanken und zu gratulieren. Habib erklärt: »Die haben sich gefreut, dass wir aus Deutschland unsere Ärsche dahin bewegt haben, um mitzuhelfen.« Für den angehenden Politologen und Sozialpsychologen war die Reise nach Tadschikistan auch die Chance, Verantwortung zu zeigen. »Unsere Flucht nach Deutschland war ein großes Glück für mich und meine Familie – es wird Zeit, dass wir etwas davon zurückgeben.«

Das Wochenende verbrachten die Oberliga-Spieler mit einem Großteil des Kaders in Duschanbe. Immer wieder fiel den Exilanten auf, dass ihnen doch die eine oder andere Dari-Vokabel fehlte. Aber der Fußball als bindendes Element half über die kleinen Sprachhindernisse hinweg.

Gemeinsam bummelte das Team durch die Innenstadt, in der die Armut an jeder Straßenecke sichtbar war. Beim Essen kam ein bettelnder Junge an den Tisch der Mannschaft. Statt dem Kind Geld zu geben, luden ihn die Spieler ein. Habibs schlichte Bilanz seiner emotionalen Reise: »Die drei schönsten Momente: Die Hymne, die Tränen nach dem Spiel – und schließlich die Freude dieses Kindes über einen Happen Essen.« Der Stoff, aus dem die Helden sind.

Dienstags drauf stand Yusuf Barak wieder brav an der Werkbank bei VW. Harez Habib besuchte pünktlich sein Seminar an der Uni. Doch etwas in ihrem Leben hatte sich verändert. Lokalreporter gaben sich plötzlich bei ihnen die Klinke in die Hand. In der Nachbarschaft fingen die Leute an zu winken, wenn die Kicker auf der Straße vorbei gingen. Bei einer Rede des Werksleiters vor 800 Azubis wurde Barak lobend erwähnt. Doch endete mit dem Aus in der WM-Quali auch der Fußball-Traum der beiden Amateure aus der Oberliga? Nein. Afghanistan will im Frühjahr bei den Südostasien-Meisterschaften antreten. Und irgendwann wollen Habib und Barak – der sagt: »Ich trau’ mich nicht allein zurück, es ist dort immer noch sehr gefährlich« – mit der Mannschaft dann in Kabul im Olympia-stadion auflaufen. Und endlich heimkehren. Bis es soweit ist, checken sie regelmäßig ihren Mail-Account.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!