Aus aktuellem Anlass: Die 11FREUNDE-Reportage über RB Leipzig

Der große Red-Bull-Bluff

In 11FREUNDE #148 berichteten wir ausführlich über den Retortenklub RB Leipzig. Wie jetzt bekannt wurde, hat die DFL dem Verein drei Forderungen gestellt, die mit der Lizenzvergabe für die 2. Bundesliga verknüpft sind. Zeit für uns, erstmalig die Reportage von Philipp Köster online zu veröffentlichen.

David von Becker

»Für die Fußballkultur ist der Klub eine schallende Ohrfeige«, eröffnete 11FREUNDE-Herausgeber Philipp Köster im März diesen Jahres seine Reportage über RB Leipzig. Der Text hat viele Reaktionen ausgelöst, erst jüngst verbat RB seinen Fans eine Choreo, in der auch 11FREUNDE auf die Hörner genommen werden sollte.

Aller Voraussicht nach wird RB in dieser Saison den Aufstieg in die zweithöchste deutsche Spielklasse schaffen. Wenn die Leipziger ihr Spiel gegen Darmstadt an diesem Spieltag gewinnen, ist ihnen der zweite Platz in der 2. Bundesliga nicht mehr zu nehmen. Wie jüngst bekannt wurde, hat die DFL dem Leipziger Drittligisten drei Forderungen gestellt, um eine Lizenz für die 2. Bundesliga zu erhalten. So soll der Verein sowohl sein Logo ändern, als auch die Mitgliedsbeiträge senken. Zudem muss die Besetzung des Führungsgremiuns geändert werden. Sie widerspricht gegenwärtig dem zentralen Grundgedanken der 50+1-Regelung, die den Einfluss von Dritten auf sportliche Entscheidungen eines Klubs verbietet.

Auf www.11freunde.de veröffentlichen wir deshalb aus aktuellen Anlass erstmals die komplette Reportage aus unserer Ausgabe 148. Nochmals der Hinweis: Dieser Text erschien in dieser Form im März 2014 und wurde seitdem nicht aktualisiert.

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Wer in Leipzig den vollen Namen des größten örtlichen Fußballvereins sucht, muss lange suchen. Im Stadion ist er nicht zu finden, selbst im Impressum der Webseite wird er abgekürzt, nur wer tatsächlich in der Geschäftsstelle am Neumarkt vorbeischaut, findet ihn auf einer Wegetafel. Dritter Stock: Rasenballsport Leipzig e.V.

Dass der Verein seinen Geburtsnamen gerne unter den Tisch fallen lässt, hat nachvollziehbare Gründe. Schließlich dient das Wortungetüm stets nur dazu, das Kürzel »RB« herzustellen. RB für Red Bull, den Finanzier des 100-Millionen-Euro-Projekts in der größten Stadt Sachsens. 2009 ritt der Getränkehersteller aus dem österreichischen Fuschl am See in Leipzig ein und entwarf am Reißbrett einen Klub der neuen Generation. Spitzenfußball und familienfreundliches Entertainment nach amerikanischem Vorbild, alles immer im Dienste der Marke Red Bull.

Ein viel zu hoher Mitgliedsbeitrag

Im sechsten Jahr seines Bestehens gerät nun das unscheinbare Kürzel »e.V.« für »eingetragener Verein« ins Zentrum einer Debatte um den Klub und seine Zukunft im deutschen Profifußball. Weil sich RB, obwohl vollständig von einem Konzern gesteuert, mühsam ins Korsett des deutschen Vereinsrecht gezwängt hat, um so geschickt die 50 + 1-Regel zu umkurven, wird derzeit über marginal anmutende Passagen der Klubstatuten gestritten. Formell könnten ein derzeit noch viel zu hoher Mitgliedsbeitrag und die ebenfalls unüblichen Hürden für einen Vereinsbeitritt zur Lizenzverweigerung für RB Leipzig führen.

Hinter dem juristischen Hickhack verbergen sich zwei grundsätzlichere Fragen. Die erste betrifft das Verhältnis des sächsischen Kunstvereins zu seinen Mitbewerbern in den Bundesligen. Verstößt das Red-Bull-Modell in neuer Qualität gegen Schrift und Geist der 50 + 1-Regel oder ist RB Leipzig nur die konsequente Weiterentwicklung konzerngelenkter Klubs, wie sie in Wolfsburg und Leverkusen ohnehin schon existieren? Die zweite Frage ist noch fundamentaler: Was bedeutet es für die Kultur des Fußballs, wenn sich Klubs im Profifußball tummeln, deren zentrales Anliegen die Profitmaximierung ist? Ist inzwischen ohnehin alles egal, weil der Profifußball bereits heute vom Kommerz bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist? Oder gibt es einen kulturellen Konsens jenseits der Geldmacherei, für den es sich zu kämpfen lohnt?

Schon im Februar: Schwierigkeiten mit der Lizenzvergabe

Ob es dieses richtige Fanleben im falschen gibt, wird sich jeder Anhänger schon einmal gefragt haben, dessen Herz an einem Verein hängt, der telefonbuchdicke Fankataloge veröffentlicht oder seine Trikotbrust an einen skrupellosen Hähnchenschlachter verhökert. Dass diese Frage nun am Beispiel von RB Leipzig diskutiert wird, hat mit dem nachweisbaren Erfolg des Projekts zu tun. Mittlerweile ist der Klub aus der Oberliga zweimal aufgestiegen und klopft als Tabellenzweiter der Dritten Liga an die Tür zur zweiten Bundesliga. Was der Debatte über RB und seine Rolle im deutschen Fußball eine plötzliche, gleichwohl durchaus vorhersehbare Dynamik gegeben hat. Den Startschuss gab DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig im Februar auf dem Berliner Fankongress, als er Schwierigkeiten bei der Lizenzvergabe andeutete und dabei insbesondere auf die Vereinsstrukturen bei RB Leipzig abhob. Ein nachvollziehbarer Hinweis, denn die Lizenzierungsordnung der DFL verpflichtet in Paragraf 4 die Klubs ausdrücklich, die Rechte der Mitglieder bei der Berufung des Vereinsvorstandes sicherzustellen.

Schon ein flüchtiger Blick auf die Satzung von RB macht jedoch klar, dass in Leipzig nichts weniger gewünscht ist als ein aktives Vereinsleben. Der Rasenballsport e.V. ist eine einzige Farce. Der Ehrenrat: ein Trio aus alteingesessenen Red-Bull-Prokuristen aus Fuschl. Der Vorstand: ebenfalls ein Trio aus langjährigen Gefolgsleuten des Firmengründers Mateschitz. Der Verein: hatte früher sieben und inzwischen elf stimmberechtigte Mitglieder, alle sind mit Red Bull verbandelt. Der Mitgliedsbeitrag: 800 Euro pro Jahr plus 100 Euro Aufnahmegebühr. Kaum verwunderlich, dass es seit der Gründung 2009 keinen einzigen Beitrittsantrag gab.

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