Auf und ab mit Werder Bremen

Der Boris Becker der Liga

Erst 0:0 gegen den zyprischen Niemand Famagusta verlieren, dann 5:2 in München triumphieren – das kann nur Werder. Neun Jahre nach Boris Beckers Karriereende hat Deutschland endlich wieder eine Drama-Queen. Auf und ab mit Werder BremenImago 0:40 lag Boris Becker in einem Match gegen Andrei Medwedew zurück. Er war ein paar Mal plump zum Netz gewalzt und hatte ungelenke »unforced errors« produziert. Zu einem flüssigen Ballwechsel war es nicht gekommen – und dabei sollte es auch bleiben. Medwedew, der sich eben noch über die drei geschenkten Break-Punkte gefreut hatte, berührte den Ball in diesem Aufschlagsspiel nicht mehr. Zack-zack-zack-zack-zack! Mit fünf blitzsauberen Assen hintereinander schickte ihn Becker auf die Bank.

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Eine Szene, die zeigt, wie nah Triumph und Versagen im Schaffen Boris Beckers beisammen lagen. Indem er zwischen diesen Extremen pendelte, riss er Jahre lang an den Nerven von Millionen Tennisfans. Man litt mit ihm, man jubelte mit ihm, Bumm-Bumm-Becker sorgte für Katharsis.

Frank Busemann? Och, nö.

Ein solches Phänomen, darauf war man gefasst, als Becker seine Karriere 1999 beendete, würde es nicht wieder geben. Seine Epigonen Nicolas Kiefer und Tommy Haas scheiterten auf wesentlich flacherem Niveau, die Schwimmerin Franziska van Almsick wurde auf seltsame Weise immun gegen das Scheitern, der Formel-1-Pilot Michael Schumacher scheiterte nie. Einzig der Radrennfahrer Jan Ullrich hatte ein ähnlich dramatisches Potenzial wie Becker und zog ebensolche Sympathien auf sich. Doch durch den allzu laxen Umgang mit seinen Doping-Sünden banalisierte er sich selbst in Grund und Boden.

Lange mangelte es den deutschen Sportfans deshalb an einem Helden, der sie in dieses herrliche Wechselbad der Gefühle hätte schleudern können. Frank Busemann? Och, nö. Isabell Werth? Lass mal.

Es ist kein Einzelsportler, der nun in dieses Vakuum drängt – es ist eine ganze Fußballmannschaft: Der SV Werder Bremen. Schon vor zwei Jahrzehnten zeigte der Verein einen Hang zu drastischen Formschwankungen innerhalb kurzer Zeitspannen, denken wir nur an das 6:2 gegen Spartak Moskau im Jahre 1987 nach einem 1:4 im Hinspiel, das 5:0 gegen Dynamo Berlin 1988 (Hinspiel: 0:3) oder gar das 5:3 gegen den RSC Anderlecht nach 0:3-Rückstand in der Champions-League 1993/94.

Diese als »Wunder von der Weser« Legende gewordenen Thriller sind in den Charakter dieses Vereins eingewachsen, und auch wenn Spieler kamen und gingen – die sich immer wieder neu bildende Mannschaft blieb gleichermaßen unberechenbar, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

In den Jahren unter Trainer Thomas Schaaf erlebten die Fans sowohl eine Niederlage im UI-Cup gegen das österreichische Kuhdorf Pasching und eine 0:3- und 2:7-Doppelklatsche gegen Olympique Lyon als auch einen triumphalen Sieg gegen Real Madrid, Meisterschaft und Pokal. Das ist nicht gut für die Pumpe – aber der gemeinsame Gang durch alle Höhen und Tiefen bindet Verein und Fans untrennbar aneinander.

Als hätte Manfred Müller, Werders Marketing-Chef, die theatralische Begabung seines Vereins zum Gegenstand einer Kampagne erklärt, lotet die Mannschaft in dieser Saison die Extreme nun im Wochen-Rhythmus aus. Nach Unentschieden gegen Bielefeld und Schalke soff sie in Mönchengladbach mit 2:3 ab, schwang sich zu einem 3:0 gegen Cottbus auf, verlor vier Tage später 0:0 gegen den zyprischen Niemand Famagusta, düpierte noch vor Wochenfrist Bayern mit 5:2, um dann durch ein 2:1 gegen den Drittligisten Aue haarscharf an einer Pokal-Blamage vorbeizuschrammen.

Dieser sinusartige Saisonverlauf lässt mit Blick auf das Spiel gegen Hoffenheim am Samstag auf vieles, ja auf alles hoffen: Zwischen einem haushohen Sieg und einer vernichtenden Niederlage ist nichts undenkbar. Ein Horrorszenario für alle Profi-Tipper, eine paradiesische Aussicht für alle Liebhaber des ewigen Wechsels von Aufstieg und Fall. Bumm-Bumm-Becker ist zurück.


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