28.03.2007

Auf der Suche nach Herrn Berg aus Konz

„Man sieht ihn nirgendwo“

Weil Alfons Berg aus Konz den Frankfurtern im letzten Spiel der Saison 1991/92 einen Elfer verweigerte, brachte er sie um die Meisterschaft und stürzte sie in die ewige Depression. Jahre später begeben sich Eintracht-Fans auf die Suche nach ihm.

Text:
Matthias Thoma und Michael Gabriel
Bild:
Imago
Natürlich ist er noch heute eine, wenn nicht gar die zentrale Gestalt, wenn es um die Ereignisse von Rostock geht: Die aus Frankfurter Sicht folgenreichste Fehlentscheidung der Fußballhistorie wird für immer mit seinem Namen verbunden bleiben. In der 76. Spielminute verweigerte er uns den vielleicht klarsten Elfmeter der Bundesligageschichte. Noch heute stehen wir fassungslos vor dem Schirm, wenn wir uns das Spiel zum 100. Mal auf Video anschauen.



Ebenso klar war, dass wir – zehn Jahre danach – versuchen würden, ein Gespräch mit ihm zu führen. Nach zehn Jahren sollten wir stark genug sein, ihm begegnen zu können, ohne dass ein Zaun uns trennt.

Wir schrieben ihm einen sehr freundlichen (ehrlich, unser Ehrenwort) Brief und baten um einen Rückruf, aber aus Konz blieb alles stumm.

Der zweite Versuch schon ein wenig schlauer eingefädelt. Ein unverdächtiger Mittelsmann, der im privatem Kontakt zu ihm steht, sollte ein gutes Wort für uns einlegen und ihm die Angst nehmen, zehn Jahre Abstand könnten doch nicht genug sein. Und die ersten Rückmeldungen aus dem Ort bei Trier stimmten uns hoffnungsfroh. Er werde sich demnächst bei uns melden, hieß es, doch auch jetzt: Nichts geschah. Auch nachdem unser Mittelsmann nochmals die Unbedenklichkeit unserer Anfrage bezeugte, meldete er sich nicht.

„Ich möchte nichts darüber sagen“


Nun haben wir uns gedacht, wenn er sich nicht bei uns, so müssen wir uns halt bei ihm melden. Über eine neue Quelle bekamen wir seine Telefonnummer heraus, doch zu unserem Bedauern war das folgende Gespräch sehr kurz. „Ich möchte nichts darüber sagen“, mehr war, außer dem kleinen Hinweis, dass ihn die Sache damals sehr beschäftigt habe, nicht zu entnehmen. „Uns auch“, konnten wir ihm gerade noch zurufen, bevor die Leitung verstummte und uns ratlos zurückließ.

Was also tun? Ein Buch über das Rostocker Trauma, in dem der Auslöser aus Konz bei Trier nicht vorkommt – undenkbar. Also machten wir uns an einem grauen Donnerstag im Vorfrühling, ausgestattet mit dem dafür notwenigen Ermittlungsutensilien, auf den Weg an die Mosel. Wir wollten bei Recherchen direkt vor Ort erfahren, wieso sich dieses einst so unschuldige Schiedsrichterdasein dermaßen hat zum Nachteil entwickeln können. Vielleicht liegen die Gründe ja tiefer. Womöglich war er nur eines der vielen Opfer des pfälzischen kleinbürgerlichen Terrors (in Reiseführern wird das dann Idyll genannt), der seinen Eingeborenen schon in frühester Kindheit die Fähigkeit zu eigenständigen und selbstbewussten Entscheidungen nimmt.

Hierauf erhofften wir uns in Konz eine Antwort.



Nach der Fahrt über endlose Landstraßen, vorbei am „Rhein-Main“ (was für ein Witz) – Flughafen Hahn, verstummten, je näher wir dem Ziel kamen, unsere nervösen Witzeleien. Das Ortseingangsschild stellte die erste hohe psychische Hürde da. Sollte es uns möglich sein, hier wieder raus zu kommen, ohne bleibende Schäden für unser beider noch junges und unschuldiges Leben?

Würden wir es schaffen, hier ein Bier zu trinken?

Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Auf der linken Seite der Hauptstraße lag uns zum Hohn, unscheinbar und wie selbstverständlich das Gasthaus Weber! Würden wir es schaffen, hier ein Bier zu trinken und vielleicht mit dem Wirt ein Wort wechseln können? Denn natürlich wollten wir auch herausfinden, wie sie denn so sind, die pfälzischen Ureinwohner, und was sie denn eine Meinung von ihm haben, den bekanntesten Bürger Konz´. Dafür hatten wir ein aussagekräftiges Foto präpariert, welches wir nun einem repräsentativen Querschnitt der Einwohnerschaft unter die Nase hielten. Ein erster Junger Mann dementierte jeglichen persönlichen Kontakt nach Konz, und mit einem „mit Konz will ich nichts zu tun haben“ ließ er uns im Regen stehen. Hätte uns diese erste Begegnung zu denken geben sollen?

Vier ältere Mitbürgerinnen wollten ihn anfangs auch nicht erkennen, aber nach unserem Hinweis "Bundesligaschiedsrichter" änderten sie ertappt ihre Verteidigungsstrategie: „Ach ja, das ist der Alfons, der wohnt in Niedermennig, das ist ein Guter. Nur beim Fußball, da übertreibt er manchmal, da ist er ein Hunderprozentiger.“ Wie ein Hohnlachen der Geschichte klangen uns diese Worte in den Ohren, und wir entschieden, schnurstracks weiterzufahren.

Weil wir Niedermennig nicht sofort fanden - spielte uns unser Unterbewusstsein einen Streich? – beschlossen wir, erstmal den Mittelpunkt von Konz in Augenschein zu nehmen.
Protzig liegt das Rathaus im Stadtzentrum. Die Erste Bürgermeisterin, die wir mit Bild und Frage konfrontieren, sucht stehenden Fußes und mit den zugerufenen Worten „Ich weiß nichts“ das Weite und verschwindet in der Sparkasse. Ein anderer verweigert ebenso die Aussage.

Wir geben auf, verlegen den Ort der Nachforschugen nach Niedermennig. Werden wir das Kartell des Schweigens brechen können?, fragen wir uns gerade in dem Moment, als wir den Sportplatz vom SV Tälchen Krettnach passieren, jenes Vereins, deren Mitglied er ist. Der einzige Verein dieses Moseltals repräsentiert die Ortschaften Nieder- und Untermennig sowie Krettnach und spielt in der Verbandsliga. Das nächste Ziel unser Nachforschungen war die „Mertesschänke“, denn wir entschieden, die zungenlösende Funktion des Alkohols in unserem Sinne zu nutzen.



Geschickt verstrickten wir den Wirt in ein unverfängliches Gespräch, bis wir schließlich zum Thema unserer Nachforschungen kamen. „Kommt der Alfons auch ab und an mal hier vorbei und trinkt einen Dämmerschoppen?“ schien der richtige Einstieg in die Befragung zu sein, denn der Wirt begann – zwar irgendwie misstrauisch, aber immerhin – zu reden. Erstens sei der A. B. nicht der bekannteste Bürger von Konz, das sei vielmehr der Karl-Hans Riehm, der ehemalige Weltrekordler im Hammerwurf, erst dann sei A. B. zu nennen. Nein, er komme kaum hier vorbei, habe ja jetzt gebaut und ließe sich kaum sehen. Nein, auch 1992 nach dem Spiel habe er sich nicht hier betrunken, um zu vergessen, da sei er ja auch schon mit seiner Familie ausgezogen gewesen, nachdem so viele Drohanrufe kamen. Selbst nach dem Urlaub hätten sie weiter im Hotel bleiben müssen. Er sei ein großer Bayernfan, was aber keiner wissen dürfe, aber nach der Saison sei ja mit der Pfeiferei ja sowieso Schluss. Es stimme auch, dass er Mitglied beim SV Krettnach sei, aber woher die das Geld hätten, um die Verbandsliga zu finanzieren, das wisse hier keiner.

Eine Bürgerin verneinte beim Kebab-Bestellen jeglichen Kontakt zum Fußball

In der Gewissheit, mit diesen neuen und interessanten Erkenntnissen auf dem richtigen Weg zu sein, verlegten wir die Nachforschungen zurück nach Konz. Na ja, um ehrlich zu sein, trieb uns der Hunger in das "Bistro Europa", eine Dönerbude an der Hauptstraße. Auch hier blieben wir selbstverständlich am Ball. Eine Bürgerin verneinte beim Kebab-Bestellen jeglichen Kontakt zum Fußball, und auch die neun Türken, die sich um zwei Tische versammelt hatten, bestritten vehement, den Mann auf unserem Steckbrief zu kennen. Erst nach unserem Hinweis, das sei A. B. aus K. bei T., lösten sich ihre Zungen. Und plötzlich fiel ihnen alles wieder ein, sogar dass er mal ein Spiel gepfiffen habe zwischen ihrem Verein, Efus Bosporus Konz, und Eintracht Trier. Ob ihnen da was aufgefallen sei, fragten wir sofort. Nein, angeblich habe man sich über seine Schiedsrichterleistung bei der 1:9-Niederlage nicht beschweren können. Aber nach unsere Frage, ob er denn einen Elfer gepfiffen habe, fiel es ihnen wier Schuppen von den Augen. Natürlich hat es auch in diesem Spiel keinen Elfmeter gegeben. Verwirrt blieben die neun Türken zurück.

„Geh fort, ich kenn' von dene Fußballer nur den Müller und den Beckenbauer“

Nun, gestärkt sowohl durch viele interessante Informationen als auch durch die hervorragende mediterrane Kost, wagten wir uns in die Nähe der Gaststätte Weber. Eine weitere, verdächtige Person musste sich in alter Kriminalistenmanier einer Spontanbefragung unterziehen, wobei insbesondere ihre Katze unsere Aufmerksamkeit auf sich zog, die beim Anblick unseres mitgebrachten Bildes überstürzt die Fensterbank verließ. Ihre älteres Frauchen behauptete, wie alle Frauen zuvor, nichts zu wissen. „Geh fort, ich kenn´ von dene Fußballer nur den Müller und den Beckenbauer“ waren die Worte, die uns schließlich den letzten Kick gaben, die Gaststätte Weber zu betreten.
Am Nachmittag waren die Plätze an der Theke schon alle belegt. Fünf Männer und eine Frau tranken sich, bedient von einer freundlichen Wirtin, in den Abend hinein. Ab und an stand einer auf und fütterte die Geldspielmaschine. Es war, wie sich herausstellte, ein illustrer Kreis.

Der frühere Nachbar, dessen Tochter angeblich mit dem von uns gesuchten Mann befreundet sei, meinte auf die Frage, ob er den vielleicht kleinen Kindern beim Spielen den Ball wegnehme, nein, der A. B. sei ein Pfundskerl. Nachdem wir uns von diesem Schock erholt hatten, erklärten wir uns diese Charakterisierung mit der Vielzahl von Strichen auf seinem Deckel und möglichen persönlichen Verquickungen, die einem neutralen Urteil im Wege gestanden haben müssen.

„Man sieht ihn nirgendwo, nicht in der Apotheke und auch nicht in der Kirche“

Wir förderten bei dieser Befragung weitere aufschlussreiche Details zu Tage. Einer sprach: „der A. B., der lebt hier total zurückgezogen. Man sieht ihn nirgendwo, nicht in der Apotheke und auch nicht in der Kirche.“

Ein weiterer der Trinkfreunde schien zufälligerweise der Pfarrer der Gemeinde gewesen zu sein, sprachen ihn doch alle der Gäste mit `Hochwürden` an. Er war mit Abstand der Fußballsachverständigste und entpuppte sich nach intensiver Nachfrage als Fan von Eintracht Trier. Auch konnte er sich gut an den 16. Mai 1992 erinnern. Um uns Mut zuzusprechen und gleichzeitig die ökumenische Versöhnung nicht aus den Augen verlieren, wie es sich für einen Geistlichen gehört, sprach er beschönigend von einem schlechten Tag, den A. B. im Mai 1992 wohl gehabt habe. Auf unsere insistierende Nachfrage, ob er denn öfter mal einen schlechten Tag habe, antwortete die - bestimmt heidnische – Wirtin: „Hat der überhaupt schon mal einen guten Tag gehabt?“, und sprach uns somit aus dem Herzen.

Mit diesem ausgewogenen Schlussurteil der erfahrenen Wirtin im Gepäck konnten wir Konz schließlich hinter uns lassen und die Blicke wieder gen Frankfurt und in die Zukunft richten.

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Der Text stammt aus dem lesenswerten Buch "Das Rostock-Trauma" von Matthias Thoma und Michael Gabriel. Es ist hier www.fanabteilung.de erhältlich.



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