29.01.2014

Auf der Jagd nach Trifon Iwanow

Panzer, Trapper, Nasenpflaster

Er war der Kultspieler der Neunziger. Mit dem Gesicht eines Vorbestraften ging der Bulgare auf die gegnerischen Stürmer los. Dann zog er sich zurück und schwieg. Jetzt spricht er wieder.

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imago

Auch wenn Weliko Tarnowo mit seinen 70 000 Einwohnern gerade einmal die sechzehntgrößte Stadt Bulgariens ist, reklamierte sie nach dem Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs im 14. Jahrhundert den Titel »Drittes Rom« für sich. Vielleicht ein bisschen anmaßend, aber ausreichend, um 700 Jahre später zu den schönsten Städten des Landes zu zählen. Das Viertel ums Yvailow-Stadion ist dafür aber nicht repräsentativ. Schlaglöcher in den Straßen und glanzlose Gebäude, an denen außen die Klimaanlagen hängen, lassen eher an sowjetischen Realismus als an mittelalterliche Romantik denken. Und der Rasen des OFC Etar Weliko Tarnowo ist aufgrund von Instandsetzungsmaßnahmen unter Erdhügeln und Bauschutt verschwunden.

Der Mann, der unterhalb einer der Tribünen des Stadions auftaucht, gehört in jede Sammlung von Kultfußballern. Sein Paninibild wird hervorgekramt, um Kindern Angst zu machen oder um Erwachsene zum Lachen zu bringen. Inzwischen aber hat Trifon Iwanow die Haare zurückgegelt und einige graue Härchen im Eremitenbart. Das knallbunte Trikot aus den Neunzigern ist einer Lederjacke, einem gestreiften Lacoste-Hemd und einer etwas unvorteilhaft geschnittenen Jeans gewichen. Sie ist aber eine gute Wahl, um Iwanows Körperfülle zu verdecken, die sich in den zwölf Jahren seit seinem Karriereende angesammelt hat.

Eins ist aber bis heute nicht verändert: sein irrer Schlafzimmerblick aus dem immer noch bemerkenswert schiefen Gesicht.

Außerdem geht er nach wie vor entschlossen in jede neue Begegnung. Früher auf dem Rasen hatte der raue Innenverteidiger stets ein schnelles Tackling oder einen Ellenbogenstoß für den von ihm bewachten Stürmer bereit, eine Spielweise, die sein Mitspieler Hristo Stoitschkow einmal in einem knappen Satz zusammenfasste: »Er macht keine Gefangenen.« Als Iwanow nach langen Verhandlungen einem Treffen zustimmte, stellte er auch gleich klar, was er erwartet: »Ich bitte um eine ernstgemeinte Berichterstattung. Vor nicht allzu langer Zeit kamen Journalisten, weil sie gehört hatten, dass ich die ganze Zeit am Seeufer sitze und mir einen Panzer gekauft hätte. Sie haben mich nur dazu befragt.« Gut, die Nachricht ist angekommen, aber wie ist das Gerücht vom Panzerkauf zustande gekommen? »Es ist kein Gerücht. Noch als Spieler habe ich mir tatsächlich einen alten Armeepanzer gekauft, ihn auf den Feldern hier in der Gegend ein oder zwei Mal ausprobiert und wollte ihn dann wieder loswerden. Ich finde nur, dass es deutlich interessantere Geschichten zu erzählen gibt!«

»Als Spieler habe ich für Schlagzeilen gesorgt«

Das ist wohl wahr, auch wenn Trifon Iwanow eigentlich ein zurückhaltender Mensch ist. Während die Balakows, Stoitschkows, Letschkows und andere ehemalige Mitspieler der ruhmreichen bulgarischen Mannschaft von 1994, die Deutschland aus dem Viertefinale des WM-Turniers beförderte, Trainer oder Manager geworden sind, wollte er nach seinem Rücktritt 2001 nichts mehr mit dem Fußballzirkus zu tun haben. »Als Spieler habe ich für Schlagzeilen gesorgt, heute möchte ich ein ruhiges Leben führen und mich meiner Familie widmen.« Zuletzt ist Iwanow davon aber ein wenig abgekommen. Seit kurzem ist er Regionalbeauftragter des bulgarischen Verbandes, was auch mit ein paar finanziellen Schwierigkeiten in Zusammenhang stehen soll, wie man munkelt. Er hingegen spricht von Demut: »Meine Sportausbildung war noch zu hundert Prozent durch die Regierung finanziert, nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes verschwand das alles. Also versuchen wir nun, die Sportschulen wieder zu eröffnen, um Talenten eine Chance zu geben, sich zu entwickeln.«

Iwanow scheint zwischen dem Heute und der Jahrtausendwende zu leben.

Inzwischen gibt es acht solcher Schulen in Bulgarien, in Weliko Tarnowo soll Iwanow eine weitere aufbauen. In seinem Büro steht in einer Ecke ein Flatscreen, darunter ein Videorekorder, in der anderen Ecke Laptop und Faxgerät. Iwanow scheint zwischen dem Heute und der Jahrtausendwende zu leben. Da passt es auch, dass er keine ­E-Mail-Adresse hat. »Ich möchte im Hintergrund bleiben, viele Leute wissen nicht einmal, dass ich das hier überhaupt mache.«

>> Das bewegte Leben des Trifon Iwanow in der Bildergalerie

Was aber unvergessen ist: Iwanow war ein Innenverteidiger, der immer etwas Wildes an sich hatte. Guy Roux, der ihn 1992 zu einem Probetraining beim AJ Auxerre einlud, erinnert sich: »Er war ein unerschrockener Verteidiger, der jede Abwehraktion mit einem Tackling verbunden hat.« Juan Merino, in den Neunzigern Vereinswirt bei Betis Sevilla, wo Iwanow ab 1990 und dann wieder ab 1993 spielte, hat ähnliche Erinnerungen: »Als ich ihn das erste Mal sah, war ich total beeindruckt. Er sah aus wie ein Trapper, als käme er direkt aus der Wildnis. Er passte perfekt ins Bild, das man damals von Männern aus dem Ostblock hatte. Niemand, dem du nachts alleine in einer engen Gasse begegnen möchtest.« Eine Visage wie die eines Vorbestraften, die heute noch dazu führt, dass Iwanow regelmäßig zum hässlichsten Spieler aller Zeiten gewählt und ein kleines Turnier in Brasilien unter seinem Namen ausgespielt wird.

 »Irgendwann nannte mich jemand ›der Wolf‹; das ist geblieben, und damit kann ich gut leben. Ich glaube aber nicht, dass ich den Stürmern durch mein Äußeres Angst eingejagt habe. Respekt entwickelt sich nur durch das, was du auf dem Rasen zeigst, nicht weil man Hörner oder lange
Haare hat.«

Trifon Iwanow kommt nicht wirklich vom Land, aber auch nicht wirklich aus der Stadt. Er ist zwar im Dorf Gorna Lipnitza geboren worden, aber im Alter von vier Jahren mit seinem Vater, einem Zimmermann, und seiner Mutter, einer Schneiderin, sowie seinen beiden Schwestern nach Weliko Tarnowo gezogen. Die Autobahn von der Hauptstadt Sofia dorthin endet auch heute noch einige hundert Kilometer vorher und lässt einen auf einer Art Landstraße zurück, die sich über die diesigen Hügel des Balkans schlängelt, die man hier die »alten Berge« nennt, vorbei an von alten Gäulen bearbeiteten Äckern.

Es ist schwierig sich vorzustellen, dass fünf der 22 bulgarischen Auswahlspieler bei der WM 1994 hier in der Gegend zur Schule gegangen sind. »Es gab sechs große Sportschulen in Bulgarien, unsere brachte die besten Spieler des Nordens zusammen«, erklärt Iwanow. Er selbst kam mit elf Jahren dazu, zunächst als Mittelstürmer, bevor er von einem seiner Trainer zum Innenverteidiger umgeschult wurde. Eine vernünftige Entscheidung. »Er war einmalig auf dieser Position, sehr begabt, technisch sehr stark und hat sich unglaublich entwickelt, so sehr, dass er in jeder Mannschaft sofort Abwehrchef wurde«, erinnert sich Krassimir Balakow, der mit dem ein Jahr älteren Iwanow zusammen aufgewachsen ist.

 
 
 
 
 
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