Auf den Spuren von BVB-Torjäger Robert Lewandowski

Das ist Polen

Spätestens seit gestern ist Robert Lewandowski der Held von Dortmund. 11FREUNDE-Mann Andreas Bock hat sich in Lewandowskis Heimatland Polen auf Spurensuche begeben, traf alte Trainer und bullige Kneipenbesucher.

imago

Neulich hat er wieder angerufen. Es ging um Fotos aus Warschauer Tagen, die er für seine neue Website benötigt. Krzysztof Trzeciakowski wühlte sich also durch die alten Alben und die Ordner auf seinem Computer. Er fand kein einziges. »Das ist doch total bescheuert«, sagt er, »auch der Präsident sucht schon seit Wochen nach einem Foto von Robert aus seiner Zeit bei Delta.« Krzysztof Trzeciakowski ist so was wie das Mädchen für alles beim KS Delta, einem kleinen Verein im Südosten Warschaus. Er – Mitte 20, acht-Tage-Bart, wildes Haar – ist Trainer-Praktikant, Jugendleiter, Pressesprecher und Zeugwart. Bis vor kurzem spielte er selbst in der dritten polnischen Liga. Nun ist er wieder daheim, bei einem Klub, der sich vor wenigen Jahren vom professionellen Fußball abgemeldet hat und heute ausschließlich Jugendarbeit betreibt.

Das Vereinsheim sieht aus wie eine Gartenlaube, in dem Vier-Quadratmeter-Büro steht ein Schreibtisch, es gibt eine winzige Umkleidekabine, an der Wand hängt das Trikot des 1.FC Köln, ein Mitbringsel von einem Jugend-Benefizturnier, hier wirkt es wie eine Trophäe. Hinter dem Fußballfeld ein Tennisplatz, dahinter ein See, Wohnsiedlungen, Fabriken, Schornsteine, das Fußballfeld. Und, ja, den Präsidenten gibt es tatsächlich, er heißt Andrzej Trzeciakowski, er ist Krzysztofs Vater.

Hier verdiente Robert Lewandowski sein erstes Geld

Hier, bei Delta Warschau, hat Robert Lewandowski sein erstes Geld als Fußballer verdient. Als er 16 wurde, gab es ein paar Zloty, ganz offiziell, richtig mit Vertrag. Damals, im Sommer 2004, dachte Krzysztof allerdings nicht an Fotos und Websites. Und eigentlich dachte auch niemand daran, dass Lewandowski den Verein so schnell wieder verlassen würde. Schließlich gab es große Pläne. Delta wollte in die Zweite Liga aufsteigen, ein kleines Stadion sollte gebaut werden. Man kündigte das Vorhaben schließlich beim Verband an, um rechtzeitig über die nötigen Auflagen informiert zu werden.

Im Reiseführer steht: Die Kneipe gehört dem Tiger

Zwei Tage später, Mittwochabend, Danzig. Laut Reiseführer betreibt Dariusz Michalczewski hier eine Sportsbar mit dem Namen Tiger Pub. Doch dort, wo sich diese eigentlich befinden soll, steht nun ein Kiosk. »Lange her«, sagt die Dame hinter dem Tresen. Sie weist den Weg zu einem Irish Pub in der Danziger Altstadt.

In einem riesigen Kellerverließ sitzen dort acht Männer um einen Tisch. Einer sieht aus, als hätte er sich von den anderen mit Luft aufpumpen lassen. Typ He-Man, Typ Lkw-Zieher. Er starrt auf seinen Longdrink. Aus den Boxen »Dirty Dancing«, da hinten ein paar Jugendliche, flotte Frisuren, enge Jeans, hohe Absätze, heute ist 80s-Night, aber das ist im Grunde völlig egal. 

Die anderen Männer reden wild durcheinander, dann singen sie, trinken, schnippen mit ihren Finger. Es geht um Politik und Frauen.

Lewandowski? Ja, ja, super Spieler...

Über den Bildschirm flimmert tatsächlich das Spiel Bayern gegen Dortmund, es läuft bereits die 42. Minute, es steht noch 0:0. Die Männer interessiert das nicht, doch natürlich kennen sie Robert Lewandowski, ja, super Spieler, sie heben den Daumen. Dann trinken sie weiter, fünf von ihnen mit dem Rücken zum Bildschirm. Ist der BVB hier die polnische Nationalmannschaft? Ist Lewandowski ihr Heilsbringer? Ach, und findet hier in Danzig in knapp 60 Tagen eine Europameisterschaft statt? In der 77. Minute der Schuss aus der Distanz, die Hacke, 1:0. Der BVB hat nun sechs Punkte Vorsprung auf den FC Bayern. Einer der Männer bestellt ein neues Bier, der Mann, der auf den Bildschirm blickt, sagt: »Robert Lewandowski.« Die anderen lachen, der Lkw-Zieher stellt auf dem Weg zur Toilette das Tor nach.

Der Präsident würde sagen: »Stümperhaft.« Und dann weiter nach diesem verdammten Foto suchen.

Doch der Aufstieg klappte nicht, die junge Mannschaft aus Halbprofis wurde kurze Zeitspäter vom Betrieb abgemeldet. Warum, will der Präsident nicht sagen. Auch Krzysztof hält sich zunächst bedeckt. Dann sagt er: »Das ist Polen!« Ein Satz, der hier für gewöhnlich impliziert, dass Ausführungen zu Bestechung und Korruption in Ganztagesreferate ausarten könnten. Die bewusste Auflösung der Herren-Abteilung wird heute jedenfalls auch andernorts als klare Stellungnahme verstanden. Als Absage an das System eines zwielichtigen Fußballverbandes, unter dem, so deutet Krzysztof an, nur noch die Jugendligen sauber sind. 

 Heute besteht das älteste Delta-Team aus 16-Jährigen, und bei ihren Spielen sitzen die Scouts von Legia oder Polonia Warschau auf den Tribünen. Ihr Objekt der Begierde heißt momentan Madenski Arkadiusz, 96er-Jahrgang, Jugendnationalspieler, und angeblich besser ist als Lewandowski im selben Alter. Sicher ist, dass er geht. Wohin, steht noch dahin. Der Präsident sagt: »Wir können ihm keine Tipps geben, wohin er gehen soll, wir können ihm nur einen ehrlichen Sportsmanship mit auf den Weg geben.«

Das sagte der Präsident auch zu Robert Lewandowski. Der wechselte mit 18 Jahren zu Legia Warschau und wurde dort ausgemustert, weil ein Arzt diagnostizierte, dass Lewandowskis Körper für den Profisport nicht gemacht ist. Nun spielt er beim amtierenden deutschen Meister, nun ist er ein Volksheld und Borussia Dortmund wird hier zu so etwas wie der polnischen Nationalmannschaft stilisiert. So war es in der jüngeren Zeit jedenfalls häufig in der deutschen Presse zu lesen. So häufig, dass der BVB nun die Eröffnung eines eigenen Fanshops in Warschau in Erwägung zieht. Der Präsident hält davon nichts, er guckt sich keine Spiele von Borussia Dortmund an: »Das ist doch stümperhaft. Interessiert mich nicht!« Er ist Fan vom FC Barcelona.

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