Auf dem Bolzplatz-Friedhof

Fußball, wo bist du hin?

Unser Autor Schorsch Ess hat ein Herz für Bolzplätze. Im Südosten Frankreichs hat Ess ein wahres Schmuckstück gefunden und er fragte sich: Wer hat hier gespielt? Welche Geschichten hat dieser Platz zu erzählen? Eine Beobachtung. Auf dem Bolzplatz-FriedhofSchorsch Ess

Es ist der 6. August. An diesem Samstagnachmittag bin ich bei herrlichem Wetter im Südosten Frankreichs unterwegs. Auf dem Schlussstück einer kleinen Wanderung, die ich mit meiner Frau Maria verbringe, fühle ich nervöse Spannung bei mir aufkommen. Doch die innere Unruhe ist weder den bis dahin erlebten Eindrücken und Aussichten noch einem Beziehungszwist geschuldet. Der Umstand, dass zur gleichen Zeit, in etwa zwanzig Minuten, die neue Bundesligasaison beginnt, nimmt mehr und mehr von meinem Bewusstsein Besitz. Und die bange Frage, ob sich meine Freiburger beim Bundesliganeuling in Augsburg behaupten können, umgarnt mein Gemüt mit deutlich werdender Anspannung.

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Die Gegend hier ist landschaftlich wunderschön. Gebirgszüge, verschlungene Täler, bizarre Schluchten, und schon seit Tagen blauer Himmel, der immer wieder ein paar Wölkchen zulässt. Die touristische Infrastruktur besteht aus chambre d’hôtes und Campingplätzen, die an kleinen Flüsschen liegen. Auf diese Art den Urlaub zu verbringen, wird außer von Franzosen selbst,  augenscheinlich nur noch von den Holländern geschätzt. In kälteren Jahreszeiten ist hier der Hund begraben und die Einheimischen sind wieder unter sich.

Ein einsamer Bolzplatz mitten im Nichts

Schon von weitem hatte ich durch die Büsche das Eisengestänge wahrgenommen und sogleich (anscheinend kann ich nicht anders!) ein Riesenfußballtor assoziiert. Dass es ein paar Momente später, beim Blick dahinter, tatsächlich ein Fußballtor ist – ja, sogar deren zwei – lässt mein altes Herz, das schon vor über 50 Jahren höher schlug, wenn irgendwo auf Reisen plötzlich ein Bolzplatz auftauchte, einen kleinen Freudensprung machen. Schon allein deshalb zählt der Bildband »Fußballplätze in Deutschland« von Rainer Sülflow zu meinen Lieblingsbüchern.

Wann wurde hier das letzte Mal gespielt? Was ging hier ab? Hatte man immer elf Mann zusammen, oder fehlten dem Gegner auch mal so viele Spieler, dass man zwei der untalentierteren aus den eigenen Reihen abgetreten hat, damit das Spiel überhaupt zustande kommen konnte? Das Häuschen im Hintergrund diente bestimmt als Umkleide, und lässt vermuten, dass es einen Spielbetrieb gegeben hat. Unterste Klasse in einer der regionalen französischen Divisionen. War es die Folge einer schicksalsträchtigen Niederlage, die zum Stillstand führte? Oder gab es auch mal goldene Zeiten, eine grandiose Saison mit mehr als 37 Zuschauern an einem Sonntag, seinerzeit…?

Der Blick schweift wieder zu den Toren. Warum hat man sie nur an der Seite abgelegt und nicht gleich ganz weggeschafft, war ein Neubeginn noch nicht ausgeschlossen? Die Szenerie nimmt mich gefangen, mein Fußballherz blutet ein wenig.

Augsburg ist auf einmal ganz weit weg.

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