13.02.2014

Auf dem 11mm-Festival: »Das zweite Spiel«

Fußball im Schatten des rumänischen Geheimdienstes

Corneliu Porumboiu ist einer der wichtigsten Regisseure Rumäniens. Sein neuestes Werk »The Second Game« lief auf der Berlinale und ist am Sonntag auf dem 11mm-Festival zu sehen. Der Film zeigt ein Fußballspiel von 1988, das vom Filmemacher und seinem Vater, Schiedsrichter dieser Partie, aus dem Off kommentiert wird.

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The Second Game

Vor dem vielen, vielen Schnee ist es schwarz. Bildschirmschwarz. »Ich war sieben oder acht«, steht dort, »das Telefon klingelte und ein Mann am anderen Ende der Leitung gab mir einen Auftrag. Ich solle meinen Vater dazu bringen, mit der Schiedsrichterei aufzuhören, ansonsten würde er in einem Sarg nach Hause kommen.« Der Sohn erzählt dem Vater von dem merkwürdigen Anrufer. »Aber mein Vater«, steht dort, »pfeift weiter.«

»Hattest du keine Angst vor solchen Spielen?«

26 Jahre später sitzen Vater und Sohn vor dem Fernseher. Sie sehen ein altes Fußballspiel und reden darüber, ein Film entsteht dabei. Corneliu Porumboiu, der Sohn, ist Regisseur und gilt als einer der wichtigsten intellektuellen Filmemacher Europas. Sein Film »Al Doilea Joc -  The Second Game« läuft gerade im Rahmen der Berlinale und wird von den Kritikern gefeiert. Adrianu Porumboiu, der Vater, war Schiedsrichter. Mit einem gelben Ball unter dem Arm betritt er das Feld, den Film, zittert mit dem Schnee und den flirrenden, alten Bildern und pfeift an. Auf den Tribünen, es ist 1988, schützen sich die Menschen mit Schirmen vor dem Wetter. In den Untertiteln, es ist 2014, reden Vater und Sohn. Es geht um den Schnee und doch wieder nicht. »Warum hast du angepfiffen?«, fragt der Sohn und: »Hattest du keine Angst vor solchen Spielen?« »Sie konnten mir nichts tun«, sagt der Vater. Aber auch: »Wenn sie dich mit etwas erwischten, haben sie es gegen dich verwendet. Dann wurdest du ihr Sklave.«

»Sie«, das meint im Rumänien von 1988 die Securitate, die mächtige und gespenstische Sicherheitspolizei. Menschen verschwinden, Bukarest ist mit einem Tunnelsystem unterlegt, damit die Securitate schnell und still gegen Oppositionelle vorgehen kann. Die Gesellschaft ist ausgehöhlt und arm, Pläne existieren, nach denen Dörfer zerstört und deren Bewohner in sogenannten agroindustriellen Zentren zusammengeführt werden sollen. Zwangsumsiedlung und Zerstörung, sagen die Bürger, Systematisierung, nennt das die Regierung, es brodelt im Land. Ein Jahr noch, dann wird das Volk revoltieren, dann wird die Securitate auf die Bevölkerung schießen und die Armee wird sich weigern, es ihr gleichzutun. Nicolae Ceaușescu wird gestürzt und hingerichtet werden. Wenn also 1988 ein Spiel zwischen Steaua Bukarest, dem Armee-Klub, und Dinamo Bukarest, dem Securitate-Klub stattfindet, wenn ein Anrufer dem Vater nahe legt, er solle das Schiedsrichtern lieber bleiben lassen, wie lässt sich dann noch trennen zwischen Politik und Fußball? Was bedeutet es, ein solches Spiel zu pfeifen? Und was, es als Sohn im Fernsehen zu sehen?

 
 
 
 
 
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