Aues Superlativ

Das größte Stadionbiotop

Nirgendwo ist die Spielstätte so in die Natur eingebettet wie im Erzgebirge. Förster Klaus Petzold kümmert sich um die Pflege der Botanik. Wir haben ihm einen Besuch abgestattet. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
Heft: #
69
Klaus Petzold braucht sich nicht groß vorzustellen. Seine Tätigkeit lässt sich an seiner Krawatte ablesen. Sie ist in dunklem Grün gehalten und direkt unterhalb des Knotens mit einem Widder bestickt. So etwas tragen nur Jäger oder eben – wie in Petzolds Fall – Förster. Der 56-Jährige beaufsichtigt ein mehrere tausend Hektar großes Revier im Erzgebirge. Ein kleiner Teilbereich, den er regelmäßig mit seinem Geländewagen ansteuert, liegt direkt rund um das Stadion in Aue.

[ad]

Eigentlich wird einem erst am Erzgebirgsstadion bewusst, dass man in der angepeilten Stadt gelandet ist. Der verfallene Bahnhof lässt zumindest nicht den Schluss zu, dass hier schon seit vier Jahren Profifußball gespielt wird. Doch das Stadion schiebt alle Zweifel beiseite: In einen Kessel eingebettet ist es umgeben von bewaldeten Hängen, auf die am frühen Morgen regelmäßig die Sonne scheint. Vom Stadiontor aus kann man das gesamte Naturschauspiel überblicken. Die Tribünen flankieren den Rasen und links davon erstreckt sich 110 Meter hoch der Buchberg, zur Rechten ragt der Hirschknochen 160 Meter gen Himmel. Diese Maßangaben sind vom Stadiongrund aus gemessen, der selbst schon 340 Meter über Normalnull liegt. An vielen Stellen sticht einem, als einziger Gegensatz zum dominierenden Grün, die violette Vereinsfarbe ins Auge: Am Eingangstor, an den Geländern oder auf der Tartanbahn.

Während Petzolds Rauhaardackel Seppel im Kofferraum bleiben muss, trifft der Förster auf dem Parkplatz zwischen Geschäftsstelle und Stadion einen Kollegen. Andreas Schuster ist ebenfalls beim Forstamt beschäftigt und mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut. Der 30-Jährige ist der Gegenentwurf zu Petzold, der mit seiner wettergegerbten Haut, dem dauerhaften Rauchen und der entsprechenden Stimme fast wie ein in die Jahre gekommener Tom Selleck wirkt. Schuster hingegen sieht aus wie ein Bankkaufmann. Dabei wollte er genau das nie sein und hat sich deswegen für den Beruf des Försters entschieden.

»Alles ganz sauber handschriftlich notiert«

Während Petzold in medias res geht und von den Funktionen des Waldes, vom Emissionsschutz und der Baumzusammensetzung erzählt, liest er von einem Zettel ab, »alles ganz sauber handschriftlich notiert«. Ob die beiden auch Fußballfans seien? »Nee, das bin ich nicht«, wehrt Petzold in seinem sächsischen Dialekt ab, und fügt großväterlich an: »Aber ich toleriere das.« Schuster nickt zustimmend. Dann geht es mit Petzolds Subaru in den Wald hinein. Sturm »Kyrill« bereitet Petzold immer noch viel Arbeit. Für einen Autobahnzubringer wurden vor ein paar Jahren die Waldränder »angeschnitten«, wie Petzold es ausdrückt, und der heftige Sturm konnte von den Bäumen nicht vernünftig abgefangen werden. »In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar wurde doppelt so viel Holz von den Bäumen gerissen, wie sonst in einem Jahr«, erzählen die beiden Förster. Über 150 Jahre alte Buchen hat es damals umgehauen.

Als er über den harten, roten Schieferboden läuft, fällt Petzold auf einem Berg eine erloschene Feuerstelle mit zerschlagenen Bierflaschen auf. So etwas regt ihn mehr auf, als es die Fußballanhänger je taten. Natürlich werde in der Nähe des Parkplatzes viel in die Botanik geschifft, aber so lange das nur alle zwei Wochen passiere, könne die Natur das schon vertragen, gibt er sich nachsichtig. Auch der anfallende Müll sei kein Problem. Nur manchmal hat Petzold Angst: Wenn Spieltag ist und er in seinem Haus in Lößnitz Böller aus dem Stadion hört. »Wenn die Leuchtkörper oder so ein Zeugs abfeuern, dann hoffe ich schon manchmal, dass alles gut geht.« Sollte einmal etwas passieren, würde er schnell Bescheid wissen, denn sein Nachbar – ein Jäger – sitzt immer im Stadion. Letztes Jahr hat es einmal nach einem Fußballspiel in seinem Wald gebrannt, es war Brandstiftung, aber ob das Feuer durch Stadionbesucher, zündelnde Kinder oder Spaziergänger ausgelöst worden war, konnte niemand aufklären.

Für Petzold hat der jagende Nachbar aber noch eine Funktion: Er übermittelt ihm stets die Ergebnisse auf bewährte Erzgebirgsart: »Wenn der nach Hause kommt und den Holzmichel singt, weiß ich, dass sie gewonnen haben«, lacht Petzold. Auch den Tieren scheint das Erzgebirgsstadion nichts auszumachen. Sie trauen sich laut Petzold immer näher an die Spielstätte heran und haben sich an den Lärm gewöhnt. Doch noch ist kein Wildschwein in das Stadionareal eingedrungen, um den Spielern das Rasenumpflügen abzunehmen. Die Viecher scheinen sich eher für Berliner Vorstadtkleingärten zu interessieren. Und warum deren Besitzer ihren Urlaub lieber im Erzgebirge statt an der Ostsee verbringen sollten, weiß Schuster auch: »Bei uns gibt es einfach mehr Wald!« Diesmal nickt Petzold zustimmend.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nichts akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!