26.04.2012

Atletico Madrids Torjäger Falcao

Gefangen in Europas Zweitklassigkeit

Atletico Madrid steht dank Radamel Falcao vor dem Einzug ins Europa-League-Finale. Der Kolumbianer gilt als einer der besten Stürmer in Europa – und doch haftet ihm ein Makel an: Die Champions League findet ohne ihn statt.

Text:
Christoph Erbelding
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Imago

Karl-Heinz Mödrath war die große Karriere nicht vergönnt. In vier Bundesligaspielen traf er zweimal, eine starke Quote, doch es kamen eben keine weiteren Einsätze hinzu. In Liga zwei aber, da wurde Mödrath zur ganz großen Nummer: 272 Spiele, 150 Tore, Platz zwei in der ewigen Unterhaus-Torjägerliste, Jupp Heynckes' Pendant sozusagen. Doch hat das gereicht, um in Erinnerung zu bleiben?

Radamel Falcao spielt heute Abend mit Atletico Madrid im Halbfinal-Rückspiel der Europa League beim FC Valencia. 4:2 haben Madrilenen das Hinspiel gewonnen, und Falcao tat das, wofür er vor der Saison vom FC Porto geholt worden war: Er schoss zwei Tore. Das zweite, ein fulminanter Kracher unter die Latte, hätten Didier Drogba oder Mario Gomez auch nicht schöner erzielen können. Und doch haben beiden dem Kolumbianer etwas voraus: Sie jubeln regelmäßig in der Champions League. Falcao nicht. Er gilt als einer der besten Stürmer, die derzeit in Europa spielen. Doch wird das reichen, um in Erinnerung zu bleiben?

40 Millionen blätterte Atletico im August des Vorjahres für Falcao hin. Eine fürstliche Ablösesumme, die notwendig wurde, nachdem der heute 26-Jährige seinen Vertrag beim FC Porto kurz zuvor bis 2015 verlängert hatte. Das hatte den FC Chelsea und Real Madrid abgeschreckt, sie stiegen aus dem Poker um Falcao aus – und kamen ins Halbfinale der Champions League.

Kopfballtraining mit dem Vater

Falcao spielt Europa League und ist dort über jeden Zweifel erhaben. Kein Spieler schoss in diesem Wettbewerb jemals mehr Treffer in einer Saison (17). »Seine Tore sind unglaublich«, jubelt Ex-Porto-Trainer André-Villas Boas, wenn er an Falcao denkt. Beidfüßigkeit und Durchsetzungsvermögen zeichnen den Kolumbianer aus. Doch am auffälligsten ist seine Kopfballstärke. Trotz bescheidenem Gardemaß (1,77 Meter) ist er in der Luft kaum zu stoppen. Eine Spezialität, die ihm der Vater mit auf den Weg gegeben hat. »Er war ein toller Abwehrspieler und hat mir gezeigt, wie man es anstellt, um in der Luft zu schweben«, sagt Falcao über Radamel Senior, einen ehemaligen kolumbianischen Profifußballer, der ihm in der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta die ersten Kniffe zeigte.

Auch die spanische Primera Division hat Falcao erobert. 22 Treffer in 30 Spielen setzen ihn in der Torjägerliste auf den dritten Platz, nur den Fabelwesen Cristiano Ronaldo (42) und Lionel Messi (41) muss er sich beugen. Doch was ist die Freude über diese Treffer wert? Selbst die Europa-League-Qualifikation ist für den Tabellensiebten Atletico momentan in Gefahr. 40 Millionen hat Falcao gekostet. Sein Ruf eilt ihm voraus. Der Vertrag läuft bis 2015. Er scheint in der zweiten europäischen Liga gefangen zu bleiben.

Dabei lernte Falcao früh die Überholspur kennen. Als 13-Jähriger machte er 1999 sein erstes Spiel in der zweiten Liga Kolumbiens. 2001 wechselte er zu CA River Plate nach Argentinien – mit gerade einmal 15 Jahren. Vier Jahre später debütierte er im Profiteam und schoss neun Tore in acht Spielen. Dann wurde er durch eine schwere Knieverletzung ausgebremst. Das Ende der Profikarriere? Falcao grübelte. »Ich habe mich immer gefragt, warum Gott mir das angetan hatte«, gab er der Internetseite unfpa.org einmal Einblick in sein Seelenleben, »doch ich erkannte, dass das alles einen Grund hatte. Diese Dinge sollten mir helfen zu wachsen und zu reifen. Ich sollte immer daran denken, dass Ruhm vergänglich sein kann.« Schon als Jugendlicher war er in kirchlichen Organisationen aktiv gewesen, in dieser Zeit fand er in seinem Glauben noch mehr Zuflucht. Ebenso wie in seinem Journalistikstudium, das er in dieser Zeit intensivierte. Auf einen Hochschullabschluss war er dann allerdings doch nicht angewiesen. 2007 feierte er sein Comeback, mit 45 Toren in 109 Spielen schoss er sich nach Europa. Statt weiter in die Uni ging es 2009 zum FC Porto.

Die Champions Leauge ist Pflicht für einen wie ihn

Zwei Jahre Portugal ließen ihn mehrere Titel sammeln: Pokalsieger 2010 und 2011, Meister 2011, Europa-League-Sieger 2011. Das kleine Triple. Eine Karriere fast wie im Märchen. Nur mit der Champions League wurde er nicht warm: Vier Tore in acht Spielen 2009/10 für den FC Porto. Keine schlechte Quote. Aber letztlich auch nicht besser als die Ausbeute Karl-Heinz Mödraths in der Bundesliga.  

Als Atletico Madrid die Kohle auf den Tisch legte, ging es schnell. Vielleicht etwas zu schnell. Oder unüberlegt. Ein weiteres Jahr in Porto, mehr Einsätze in der Champions League, mehr Tore, und vielleicht wäre es doch noch etwas geworden mit dem Transfer zu Chelsea oder Real. Jetzt muss er donnerstags ran, dienstags und mittwochs glänzen andere.

Atletico Madrid wurde letztmals 1996 spanischer Meister, seit der Jahrtausendwende sprangen zwei vierte Plätze als größte Erfolge heraus. Und international? 2010 gewannen die Madrilenen die Europa League. Jetzt könnte es wieder klappen. Doch reicht das Falcao? »Ich stehe noch am Anfang, ich lerne noch», sagte der Angreifer, als er mit dem FC Porto vor dem Gewinn der Europa League stand. Das war vor einem Jahr. Nun kann sich Geschichte wiederholen. Falcao hätte ausgelernt. Der Mann, den sie den Tiger nennen, blieb stets bescheiden. Doch die Champions League ist für einen wie ihn eigentlich Pflicht. Wenn nicht bei Atletico, dann woanders. Insgeheim wird er das auch selbst wissen.

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