08.12.2012

Arsenal-Fans protestieren gegen astronomische Preise

Oh, Johnnies!

Seite 2/15: Kein Anti-Wenger-Movement
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O’Leary kann sich noch Tickets für Arsenal-Spiele leisten, doch er fühlt sich im Emirates zunehmend unwohl. Er kann etliche Geschichten von den »Johnny Come Latelies«, den Modefans, erzählen. Vor einer Woche, sagt er, beim Spiel gegen den FC Swansea, saß eine Frau vor ihm, die 90 Minuten lang ein Videospiel auf ihrem Smartphone spielte. Ein anderes Mal saß auf diesem Platz ein amerikanischer Geschäftsmann, der eine Arsenal-Baseball-Kappe trug, an der noch das Preisschild hing. O’Leary sprach ihn darauf an, doch der Amerikaner nahm das Schild nicht ab. »Nach dem Spiel sah ich ihn am Merchandise-Stand, wo er das Cap wieder umtauschte«, sagt O’Leary. Arsenal hatte verloren.

Kein Anti-Wenger-Movement
 
In England gibt es zwar Fans, die solche Verhältnisse als problematisch betrachten, doch sie sind zu passiv. »In England ist es schwierig, sich als kritischer Fan zu positionieren«, sagt O’Leary. »Die Leute denken sofort, man wolle dem Verein schaden.« So geht es auch dem BSM, das drei Jahre nach der Gründung vielerorts immer noch als Anti-Wenger-Bewegung verstanden wird. Weil eine andere Gruppe vor dem Spiel gegen West Bromwich Albion tatsächlich gegen Arsenals Trainer Arsène Wenger protestieren wird, musste das BSM diese Woche wieder einmal eine Pressemitteilung an Medienvertreter und Vereinsfunktionäre verschicken: »Wir bestätigen hiermit, dass dieser Protest nicht von uns organisiert wurde und dass wir daran nicht teilnehmen werden!«
 
Wenger war für das BSM nie ein Thema. »Es ist schade, dass wir seit Jahren keine Titel mehr geholt haben, doch um Erfolge geht es uns nicht primär«, sagt O’Leary. »Es geht darum, dass sich der Verein immer weiter von den echten Fans entfernt!« Was O'Leary sagt, gilt für viele englische Fans seines Alters. Ihnen sind die Geschichten der Väter und Großväter zu präsent, die davon berichten, wie sie noch in den achtziger Jahren gemeinsam mit den Spielern am Tresen saßen. Oft – wie etwa bei West Hams Frank Lampard Senior – in deren eigenen Pubs.

Dass englische Fans heute, 20 Jahre nach Gründung der Premier League, zu einem Gespräch mit den Klubbossen oder Verbandsvertretern eingeladen werden, um über Fankultur zu diskutieren, ist für die meisten Anhänger unvorstellbar. O’Leary hofft dennoch, dass sich die Vereine in den kommenden Jahren bewegen werden. Auch weil die kritischen Fans stetig mehr werden. Vor dem Spiel gegen den FC Swansea organisierte das BSM einen Protestmarsch, bei dem man auf ein paar hundert Fans hoffte. Am Ende kamen über 3000, und auch Fans von West Ham United und dem FC Swansea schlossen sich an.

»Der Klub ist nichts ohne Fans!«
 
»Es geht ja nicht nur um Ticketpreise, es geht um die gesamte Fankultur«, sagt O'Leary, und er hört sich dabei ein bisschen an wie ein Ultra-Vertreter aus Deutschland. Auch die Slogans des BSM klingen so. Auf der Homepage steht etwa: »Der Klub ist nichts ohne Fans!« Oder: »Wir wollen keinen Sugardaddy. Wir wollen keine ManCity- oder Chelsea-Verhältnisse bei Arsenal!« Ultras nennen sie sich dennoch nicht. »Der Begriff ist in England negativ behaftet«, sagt O'Leary. »Die Leute denken sofort an Hooligans.«
 
Am Samstag ist David O'Leary wieder im Stadion. Der FC Arsenal spielt gegen West Bromwich Albion. Früher hat er sich seinen Sitznachbarn häufig mit seinem vollständigen Namen vorgestellt: »David O’Leary – wie der David O’Leary! 1975 bis 1992, 722 Einsätze für Arsenal. Klubrekord!« Heute macht er das nicht mehr. Die Johnnies haben ihn zu häufig ratlos angeguckt.

 
 
 
 
 
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