In Fankreisen des FC Arsenal kursiert seit einiger Zeit ein amüsanter E-Mail-Dialog. Er hat vor einigen Wochen stattgefunden und beginnt mit einer Nachricht aus der Arsenal-Ticketabteilung: »Sehr geehrter Herr xy, der Arsenal Football Club freut sich, Ihnen oder Ihrer Firma ein hervorragendes Angebot zu machen.« Danach folgt eine Liste mit Ticketpreisen für Logen und exklusive Suiten. Der Verein bietet zum Beispiel zwölf Dauerkarten in der Box 90 für einen Paketpreis von 81.627,50 Pfund oder der zehn Plätze in Box 43 für 71,585 Pfund an. Wem das zu teuer ist: Es gibt auch Einzeltickets für diese Boxen, sie kosten 5775 Pfund.
Der Empfänger dieser E-Mail ist ein Arsenal-Anhänger, der nie um dieses Angebot gebeten hat, aber vom Klub aus irgendeinem Grund als potenzieller Luxus-Kunde eingestuft wurde. Er antwortet flapsig: »Oh, ja, wie sieht's denn mit 25 Plätzen aus?« Der Mitarbeiter des Ticket-Services wittert das große Geschäft: »Rufen Sie mich doch bitte an. Wir haben auch noch andere Angebote!«
Der Fan ruft nicht an. Im Gegenteil, er verstrickt den Mitarbeiter in einen absurden E-Mail-Dialog, der nach einigem Hin und Her damit endet, dass der Fan zugibt, kein Geld für ein solches Angebot zu haben, aber anbietet, für eine Dauerkarte bei eventuellen Malerarbeiten an der Stadionfassade mitzuhelfen. »So wie damals in Highbury«, schreibt er. Spätestens hier merkt der Service-Mitarbeiter, dass der Anhänger ihn zum Narren gehalten hat. Der Fan beendet den Dialog mit diesen Worten: »Senden Sie mir nie wieder Emails, in denen Sie mir ach so fantastische Benefits anbieten, wenn ich Fan vom FC Arsenal werde. Ich sage Ihnen was: Ich bin Fan seit 40 Jahren. Ich bin durch ganz Europa gereist, um diesen Klub zu sehen, aber ich werde heute keinen Penny mehr zahlen, um vom Klub angelogen und abgezogen zu werden.«
Eine Antwort hat er danach nicht mehr erhalten.
David O’Leary, 32, geht seit über 25 Jahren zum FC Arsenal. Er kennt diesen Dialog. Er weiß auch, dass es in den achtziger Jahren tatsächlich üblich war, Schülern, Studenten oder Schlechtverdienern Dauerkarten gegen ehrenamtliche Tätigkeiten zu schenken. Damals trafen sich vor Saisonstart oft hunderte von Arsenal-Fans in Highbury und putzten die Gänge in den Katakomben oder strichen die Rückseiten der Tribünen neu. Das ist lange vorbei. »Heute gibt es keine Geschenke mehr!«, sagt O’Leary. »Heute gibt es kein Stadion in Europa, in dem Fußball so teuer ist wie beim FC Arsenal! Das ist die traurige Wahrheit!«
Die billigste Dauerkarte kostet 1215 Euro
Das günstigste Ticket in dieser Saison gab es beim letzten Heimspiel gegen den FC Swansea – es kostete umgerechnet 25 Pfund (30 Euro). Ansonsten sind Preise um die 60 Euro für durchschnittliche Plätze gang und gäbe. Der Klub erhöhte die Dauerkartenpreise für die Saison 2011/12 um 6,5 Prozent und versprach, dass man die Preise für das nächste Jahr einfrieren würde. Doch der Verein legte um weitere zwei Prozent nach. Die billigste Dauerkarte gibt es heute für 1215 Euro. Zum Vergleich: Beim FC Bayern kostet die billigste Stehplatzdauerkarte 120 Euro, die billigste Sitzplatzdauerkarte 300 Euro. Allein, der FC Bayern spielt seit Jahren auf Topniveau. Beim FC Arsenal wartet man seit sieben Jahren auf einen Titel.
Auch wegen dieser Entwicklung hat O’Leary schon 2009 mit Freunden das »Black-Scarf-Movement« (BSM) gegründet. Die Gruppe versteht sich als kritische Fanbewegung, die nicht nur gegen die hohen Ticketpreise bei Arsenal protestiert, sondern auch für die Wiedereinführung der Stehplätze plädiert oder Vorschläge zur Verbesserung der Stimmung im Emirates Stadion macht. Neben der »Anti-Glazer-Initiative« bei Manchester United, die sich gegen den US-amerikanischen Vorstandvorsitzenden Malcom Glazer richtet, ist das BSM eine der wenigen Fangruppen, die sich aktiv mit der Entwicklung des Fußballs in England auseinandersetzt. Das ist durchaus erstaunlich.
In den Pubs ist die Stimmung großartig
Viele Jahre verharrten die Fans in einer sonderbaren Lethargie, obwohl der Fußball sich in England in den neunziger Jahren in einem Wahnssinnstempo in einen Sport für eine gesellschaftliche Elite verwandelte. Ohne großen Aufschrei tauschte sich ein Großteil des Publikums komplett aus, viele Alt-Fans fanden sich plötzlich in den Kneipen wieder, weil sie sich die Tickets nicht mehr leisten konnten. »In den Pubs ist es heute lauter als in den Stadien, die Stimmung ist dort großartig«, sagt O’Leary. »Doch kann das unser Ziel sein?«
Kein Anti-Wenger-Movement
O’Leary kann sich noch Tickets für Arsenal-Spiele leisten, doch er fühlt sich im Emirates zunehmend unwohl. Er kann etliche Geschichten von den »Johnny Come Latelies«, den Modefans, erzählen. Vor einer Woche, sagt er, beim Spiel gegen den FC Swansea, saß eine Frau vor ihm, die 90 Minuten lang ein Videospiel auf ihrem Smartphone spielte. Ein anderes Mal saß auf diesem Platz ein amerikanischer Geschäftsmann, der eine Arsenal-Baseball-Kappe trug, an der noch das Preisschild hing. O’Leary sprach ihn darauf an, doch der Amerikaner nahm das Schild nicht ab. »Nach dem Spiel sah ich ihn am Merchandise-Stand, wo er das Cap wieder umtauschte«, sagt O’Leary. Arsenal hatte verloren.
Kein Anti-Wenger-Movement
In England gibt es zwar Fans, die solche Verhältnisse als problematisch betrachten, doch sie sind zu passiv. »In England ist es schwierig, sich als kritischer Fan zu positionieren«, sagt O’Leary. »Die Leute denken sofort, man wolle dem Verein schaden.« So geht es auch dem BSM, das drei Jahre nach der Gründung vielerorts immer noch als Anti-Wenger-Bewegung verstanden wird. Weil eine andere Gruppe vor dem Spiel gegen West Bromwich Albion tatsächlich gegen Arsenals Trainer Arsène Wenger protestieren wird, musste das BSM diese Woche wieder einmal eine Pressemitteilung an Medienvertreter und Vereinsfunktionäre verschicken: »Wir bestätigen hiermit, dass dieser Protest nicht von uns organisiert wurde und dass wir daran nicht teilnehmen werden!«
Wenger war für das BSM nie ein Thema. »Es ist schade, dass wir seit Jahren keine Titel mehr geholt haben, doch um Erfolge geht es uns nicht primär«, sagt O’Leary. »Es geht darum, dass sich der Verein immer weiter von den echten Fans entfernt!« Was O'Leary sagt, gilt für viele englische Fans seines Alters. Ihnen sind die Geschichten der Väter und Großväter zu präsent, die davon berichten, wie sie noch in den achtziger Jahren gemeinsam mit den Spielern am Tresen saßen. Oft – wie etwa bei West Hams Frank Lampard Senior – in deren eigenen Pubs.
Dass englische Fans heute, 20 Jahre nach Gründung der Premier League, zu einem Gespräch mit den Klubbossen oder Verbandsvertretern eingeladen werden, um über Fankultur zu diskutieren, ist für die meisten Anhänger unvorstellbar. O’Leary hofft dennoch, dass sich die Vereine in den kommenden Jahren bewegen werden. Auch weil die kritischen Fans stetig mehr werden. Vor dem Spiel gegen den FC Swansea organisierte das BSM einen Protestmarsch, bei dem man auf ein paar hundert Fans hoffte. Am Ende kamen über 3000, und auch Fans von West Ham United und dem FC Swansea schlossen sich an.
»Der Klub ist nichts ohne Fans!«
»Es geht ja nicht nur um Ticketpreise, es geht um die gesamte Fankultur«, sagt O'Leary, und er hört sich dabei ein bisschen an wie ein Ultra-Vertreter aus Deutschland. Auch die Slogans des BSM klingen so. Auf der Homepage steht etwa: »Der Klub ist nichts ohne Fans!« Oder: »Wir wollen keinen Sugardaddy. Wir wollen keine ManCity- oder Chelsea-Verhältnisse bei Arsenal!« Ultras nennen sie sich dennoch nicht. »Der Begriff ist in England negativ behaftet«, sagt O'Leary. »Die Leute denken sofort an Hooligans.«
Am Samstag ist David O'Leary wieder im Stadion. Der FC Arsenal spielt gegen West Bromwich Albion. Früher hat er sich seinen Sitznachbarn häufig mit seinem vollständigen Namen vorgestellt: »David O’Leary – wie der David O’Leary! 1975 bis 1992, 722 Einsätze für Arsenal. Klubrekord!« Heute macht er das nicht mehr. Die Johnnies haben ihn zu häufig ratlos angeguckt.