Arminias Superlativ

Der treueste Trainer

Ernst Middendorp und Arminia Bielefeld sind füreinander geschaffen. Lange hat es gedauert, bis beide Seiten das einsahen: Der Coach musste erst einmal um die halbe Welt ziehen und Ausdrücke mitbringen wie „Challenge“ und „overexcited.“ Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Es war im Herbst 1997, als drei Arminia-Anhänger Ernst Middendorp in den Sanitärräumen der Uni Paderborn um ein Autogramm baten. Der Coach der Arminia stutzte kurz, er sollte unbedingt auf einem Aufkleber signieren, der den Erzfeind Preußen Münster schmähte. Dann brummelte Middendorp: »Ist ja für einen guten Zweck« und unterschrieb. Arminia spielte zu diesem Zeitpunkt in der Bundesliga, der Rivale zwei Klassen weiter unten.

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Die Signatur machte dennoch Sinn. Denn bis heute verbinden viele Anhänger Ernst Middendorp mit jenen euphorischen Jahren Ende der 80er, als der junge Coach erstmals den Trainerjob beim hochverschuldeten Traditionsklub übernahm und mit Nachwuchsspielern und Hurra-Fußball die Oberliga Westfalen aufmischte. Zweimal scheiterte der Klub denkbar knapp am Projekt Wiederaufstieg und Middendorp wurde zum ersten Mal gefeuert. Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass Middendorp noch einmal zurückkehren würde, zumal er sich als höchst dünnhäutiger Zeitgenosse erwiesen hatte. »Mein Name ist M-i-d-d-e-n-d-o-r-p! Ich sage dies ausdrücklich, weil es bereits dreimal Schwierigkeiten gab«, hatte er Journalisten angeraunzt und nach Pfiffen auch schon mal die Anhänger angefeindet.

»Ich bin verrückt, aber er ist wahnsinnig!«

Es war die pure Not, dass Arminia 1994 Middendorp zurückholte. Die hochgerüstete Regionalligatruppe um die Stars Thomas von Heesen und Fritz Walter musste unbedingt aufsteigen, Middendorp machte sich mit Besessenheit an die Arbeit. Halb bewundernd, halb fürchtend hatte selbst der umtriebige Manager Rüdiger Lamm damals festgestellt: »Ich bin verrückt, aber er ist wahnsinnig!« Arminia stieg mit Middendorp auf, zweimal bis in die Bundesliga und hielt dort im ersten Jahr die Klasse. Erfolgreiche Jahre waren das, da sahen die Anhänger schon mal darüber hinweg, dass Manager Lamm und Coach Middendorp schon in leiser Kritik eine Palastrevolution witterten. Middendorps klare Ansage an einen Reporter: »Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!« wurde zum Klassiker, der Coach hatte das Image eines ungehobelten Klotzes weg. Es waren dennoch jene Jahre und die Erinnerung an die Euphorie der ersten Oberliga-Jahre, die die Arminia-Anhänger wohl bewogen, Middendorp zu ihrem »Jahrhunderttrainer« zu wählen. Und das obwohl Middendorp, ungeachtet aller Verdienste, schon 1998 wieder entlassen worden war, wegen des sportlichen Misserfolgs, zum zweiten Mal.

Als nun Arminia in diesem Frühjahr in ernsten Abstiegsnöten steckte, wurde schon bald ganz automatisch der Name Middendorp gehandelt. Gesprochen wurde über ihn nicht wie über einen neuen Übungsleiter, nein, als Retter, als Erlöser sollte er kommen. Und plötzlich war Middendorp tatsächlich wieder da. Indes, er hatte sich stark verändert, wie die Presse, die die Neuigkeit mit gemischten Gefühlen aufgenommen hatte, bald erleichtert feststellte. Wenige Wochen zuvor war Middendorp, der früher Ballonseide in grellen Farben bevorzugte, zum bestgekleideten Mann in Südafrika gewählt worden. Und wirklich erschien der Heimgekehrte im Maßanzug zum ersten Medientreffen und gab auch sonst den charakterlich Geläuterten. Zwar dozierte er immer noch in endlosen Schachtelsätzen, diese waren mittlerweile aber besser strukturiert und man konnte ihnen in Ansätzen sogar folgen. Vorausgesetzt, man war der englischen Sprache mächtig, denn der neue Middendorp sagte gerne schillernde Dinge wie »Challenge«, »Competition« und »overexcited«. So redet der Mann von Welt, das kommt gut an. Jedenfalls musste bei diesem charmanten, umgänglichen Plauderer niemand mehr befürchten, sich als Bratwurst beschimpfen und auf die Knie fallen zu müssen.

»Damage is done«, sagte Middendorp milde zu den frühen Eskapaden. Was blieb, war jedoch sein Hang zu extremen Maßnahmen. Kurz nach seinem Amtsantritt strich er sämtliche Stammplatzgarantien, er machte den 19-jährigen Robert Tesche, der bis dahin im Oberligateam gekickt hatte, zum Stammspieler und holte den bereits abgeschriebenen Tobias Rau zurück ins Team. Ein Ritt auf der Rasierklinge, wäre das alles schief gegangen, hätte man ihm blinden Aktionismus vorgeworfen. Es ging gut. Arminia hielt im Husarenritt die Klasse und so wurde Middendorp als exzellenter Motivator und gewiefter Taktiker bejubelt.

Nun trauen sie sich bei Arminia alles zu. Wieder die Klasse zu halten und in ferner Zukunft mal UI-Cup zu spielen. Mehr nicht, reicht schon. Und sollte es bei Arminia mal nicht so laufen und Middendorp irgendwann wieder entlassen werden, ist das auch egal. Dann zieht er wieder ein paar Jahre um die Welt, bis sie ihn zurückholen.

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