Arie van Lents Wunderschuhe

Erlösung per Post

Auch der beste Schuh bekommt Löcher. Also spendete Arie van Lent seine Buffer für eine Tombola – und traf danach nicht mehr. Hier erinnert er sich, wie er eines Tages ein Paket bekam und es gleich wieder besser lief. Arie van Lents Wunderschuhe Fußballer und Schuhe – eine intensive Beziehung. Erinnern Sie sich noch an das WM-Finale 1990 zwischen Deutschland und Argentinien? Damals wollte Lothar Matthäus den Strafstoß kurz vor Schluss nicht schießen, weil seine alten Treter in der ersten Halbzeit kaputtgegangen waren und er in der Pause neue anziehen musste. In diesen fühlte er sich angeblich noch nicht wohl und ließ Andreas Brehme den Vortritt. Der traf, Deutschland gewann 1:0 und wurde Weltmeister.  

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Auch ich hing sehr an meinen alten Schuhen, einem echten Erfolgsmodell aus feinstem Känguruleder. In zwei Zweitliga-Spielzeiten für Borussia Mönchengladbach hatte ich mit ihnen 37 Mal getroffen. Nach dem Wiederaufstieg 2001 zog ich sie noch ein halbes Jahr an. Aber dann waren sie ziemlich hinüber: Die Spitzen waren auf beiden Seiten eingerissen, und die rechte Fersenkappe war ziemlich zerfleddert. Bei der Gladbacher Weihnachtstombola habe ich sie für einen guten Zweck zur Verfügung gestellt. Dass ich damit gleichzeitig meine Treffsicherheit weg gegeben hatte, war mir in dem Moment natürlich nicht bewusst.   Sie müssen wissen, ich bin kein abergläubischer Mensch. Aber ob Zufall oder nicht, in den drei ersten Spielen der Bundesliga-Rückrunde schoss ich kein einziges Tor mehr, es herrschte die totale Flaute. Dann kam der 21. Spieltag, das prestigeträchtige Derby gegen den Nachbarn 1. FC Köln. In diesem Duell kam es auf mich an, fand ich, und setzte mich unter Druck. Ich wollte, ich musste wieder treffen! Was sollte ich nur tun?

Ein Stürmer kann im Prinzip nur fleißig trainieren und warten, bis der Knoten endlich platzt, und dann geht es wieder wie von selbst. Meine guten, alten Schuhe kamen mir gar nicht in den Sinn, zumal die neuen nicht drückten oder unbequem waren. Der Fan, der sie bei der Tombola gewonnen hatte, dachte jedoch weiter als ich. Am Morgen vor dem Spiel bekam ich ein Paket überreicht, in dem die Schuhe lagen, dazu ein netter Brief: »Ich hoffe, dass es damit wieder besser läuft.«  

Ich musste lachen, als ich die Galoschen wieder erkannte. Die sahen nicht gerade nach professionellem Arbeitsgerät aus. Aber in dieser Situation dachte ich: »Warum nicht? Vielleicht helfen sie ja!« Mir war jedes Mittel recht, und ich schlüpfte hinein. Sie passten noch, als hätte ich sie nie ausgezogen. Unser Zeugwart prüfte sie, und trotz der Schäden am Leder gab er grünes Licht: »Die halten.« Und nicht nur das – mit den Schuhen kehrte auch mein Glück zurück.  

Ich erzielte einen lupenreinen Hattrick, drei Tore in nur einer Viertelstunde, alle drei mit dem rechten, komplett heruntergespielten Schuh. Wir gewannen 4:0 gegen den FC, es war ein ganz wichtiger Sieg für uns. Das Thema des Tages waren natürlich meine Erfolgsschuhe. Ich trug sie noch bis zum Ende der Saison, die wir mit dem Klassenerhalt abschlossen. Dann übergab ich sie dem Archivar der Borussia, der sie eines Tages im Museum ausstellen will.  

Abergläubisch bin ich, wie gesagt, vor dieser Geschichte nicht gewesen, und eigentlich bin ich es auch danach nicht geworden. Trotzdem lasse ich heute als Trainer nicht zuletzt wegen dieser Erfahrung meinen Spielern Freiraum für kleinere Spleens. Schließlich scheint es so, als gäbe es zwischen Trainingslehre, Schulmedizin und Psychologie etwas, was einem Spieler helfen kann. Und seien es alte, völlig kaputte Schuhe.

Protokoll: Dirk Gieselmann

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