Argentiniens WM-Helden erinnern sich an Mexiko '86

Die verhöhnte Seleccion

Die eigenen Fans verabschiedeten Diego Maradona und Kollegen mit Spott in Richtung WM 1986 in Mexiko. Heute, 25 Jahre später, erzählen Argentiniens Spieler, warum sie trotzdem als gefeierte Helden in die Heimat zurückkehrten. Argentiniens WM-Helden erinnern sich an Mexiko '86imago

Die argentinischen Anhänger frohlockten bereits im Gefühl des sicheren Sieges, als auf dem Rasen des Aztekenstadions in Mexiko-Stadt etwas geschah, das sieben Minuten zuvor keiner der 114.600 Zuschauer auf den vollbesetzten Rängen für möglich gehalten hatte: Rudi Völler erzielte den Ausgleich. Exakt 80 Minuten waren an jenem 29. Juni vor 25 Jahren in der sengenden Mittagssonne der mexikanischen Hauptstadt gespielt, als das WM-Finale wieder offen war.

[ad]

Leichtfertig hatten die von Diego Maradona angeführten Argentinier ihren komfortablen 2:0-Vorsprung jeweils nach einer Standardsituation aus der Hand gegeben. Zunächst gelang Karl-Heinz-Rummenigge der Anschlusstreffer für Deutschland, ehe der im zweiten Durchgang eingewechselte Völler per Kopf zur Stelle war.

»Jetzt schlagen wir die Deutschen erst recht«

Für viele Fans sei dies »ein außergewöhnlicher Moment« gewesen, erinnert sich Jorge Burruchaga. Nicht jedoch für jene elf Spieler, die damals in den Trikots mit den himmelblau-weißen Streifen auf dem Platz standen. »Als wir zum Mittelkreis schritten, habe ich Maradona tief in die Augen geschaut«, erzählt Burruchaga. Auch ohne Worte sei die Botschaft klar gewesen: »Auf geht’s! Das lassen wir uns heute nicht mehr nehmen. Jetzt schlagen wir die Deutschen erst recht.«

Der mittlerweile ergraute Ex-Nationalspieler reibt sich diebisch grinsend die Hände und sagt: »So ist es dann ja auch gekommen.« Was Burruchaga schildert, war der Beginn vom Ende aller Titelträume der von Franz Beckenbauer betreuten DFB-Elf.

Knapp drei Minuten später schritt das konspirative Duo zur Tat. Aus dem linken Fußgelenk heraus spitzelte Maradona den Ball auf eben jenen Burruchaga, der plötzlich auf der rechten Seite freie Bahn auf das Gehäuse von Toni Schumacher hatte. Die Chance zum wichtigsten Treffer seiner Karriere ließ sich der heute 48 Jahre alte Burruchaga nicht entgehen.

Eine Szene, die der Siegtorschütze niemals vergessen wird. »Ich lief so schnell ich konnte, da ich Briegel dicht in meinem Rücken spürte. Doch dann stand plötzlich auch schon Schumacher vor mir«, sagt Burruchaga. Als er den Ball über die Linie rollen sah, habe er sein Glück kaum fassen können: »Das Tor ist mir genauso wichtig wie die Geburt meiner vier Söhne.« Ein Vierteljahrhundert ist seit jenem Husarenstück vergangen. Seitdem warten die Argentinier sehnsüchtig auf den dritten Weltmeistertitel.

Vor der WM wurde die Selección verhöhnt

Vollbracht wurde der Triumph 1986 ausgerechnet von einer Elf, auf die in der Heimat zuvor niemand einen Pfifferling gesetzt hatte. »Die Leute haben uns verhöhnt und sich über uns lustig gemacht«, sagt Héctor Enrique. Selbst die Sponsoren wendeten sich von der Selección ab. »In den Testspielen vor der WM lief ich in Schuhen auf, die mir mein Teamkamerad Giusti geliehen hatte. Eigene besaß ich nicht«, witzelt Enrique, der bei der WM im vergangenen Jahr in Südafrika zum Trainerstab von Maradona gehörte.

Die Zweifel am eigenen Team reichten bis in höchste Regierungskreise. Wenige Monate vor der WM versuchten einflussreiche Politiker, den kauzigen Nationaltrainer Carlos Bilardo aus dem Amt zu befördern. Doch Bilardo setzte sich erfolgreich zur Wehr. »Er war ein unglaublicher Typ, der alles bis ins letzte Detail geplant hat. Ein vom Fußball Besessener, ein Verrückter«, beschreibt Ricardo Giusti den Mann, der sich während seiner Profilaufbahn zum Gynäkologen ausbilden ließ.

Vor dem ersten Gruppenspiel gegen Südkorea habe Bilardo stundenlange Videoanalysen des Gegners betrieben, verrät Giusti. »Für damalige Verhältnisse war es ein riesiger Aufwand, das Bildmaterial zu beschaffen. Zumal in einem so chaotische Land wie Argentinien«, scherzt der Ex-Angreifer, der in Mexiko alle Spiele über die volle Distanz absolvierte.

Doch damit nicht genug. Als seine Elf nach der Siegerehrung ausgelassen in den Katakomben des Aztekenstadions feierte, verschwand Bilardo mit grimmiger Mine in der Kabine. Burruchaga berichtet, er habe seinen Coach gefragt, was denn los sei. Schroff blaffte Bilardo daraufhin zurück: »Es kann nicht angehen, dass die Deutschen zwei Tore nach Standardsituationen gegen uns erzielt haben.« Immer wieder hatte er im Vorfeld auf diese besondere Stärke der DFB-Auswahl hingewiesen.

Valdano – der Schlüssel zu den zwischenmenschlichen Beziehungen

Bilardo war ein Perfektionist, der seine zum Schlendrian neigenden Landsleute nicht selten zur schieren Verzweiflung trieb. Bereits 40 Tage vor WM-Beginn hatte der argentinische Tross in Mexiko Quartier auf dem Vereinsgelände von »Club América« bezogen. Früher als alle anderen Konkurrenten. Julio Olarticoechea erinnert sich noch genau an Bilardos Worte: »Wir reisen als die Ersten an, und kehren auch als die Letzten wieder nach Hause zurück.« Zudem sollten sich seine Spieler an den Smog der rund 20 Millionen Einwohner zählenden mexikanischen Hauptstadt gewöhnen. »Anfangs konnten wir in den Trainingseinheiten nicht richtig atmen«, sagt Verteidiger Olarticoechea.

Für Ricardo Bochini, Maradonas Idol aus Kindheitstagen, war der gute Mannschaftsgeist ein wichtiger Mosaikstein für den unerwarteten Triumph. »Wir sind Weltmeister geworden, weil wir eine verschworene Gemeinschaft bildeten«, sagt er. Dabei war die Gefahr des Lagerkollers durchaus gegeben. Dass es nicht so weit kam, dafür sorgte Jorge Valdano. Den langjährigen Sportdirektor von Real Madrid nannten seine Kollegen damals »Philosoph«, ob seiner Leidenschaft für Bücher. »Jorge war der Schlüssel zu den zwischenmenschlichen Beziehungen. Er hat im richtigen Moment immer die passenden Worte gefunden, eine absolute Respektsperson«, sagt Bochini.

»Wenn ich die Vergleiche mit Messi höre, dann muss ich lachen«

Sportlich über allem stand jedoch Maradona. Der Superstar des Turniers hatte eine Woche vor dem Endspiel im Viertelfinale gegen England mit einem spektakulären Sololauf das schönste WM-Tor aller Zeiten erzielt. »Einen wie ihn, wird es nie wieder geben. Wenn ich die Vergleiche mit Messi höre, dann muss ich lachen«, sagt Enrique. Er ist sich sicher: »Ohne Maradona wären wir schon im Viertelfinale rausgeflogen.« Olarticoechea schwärmt ebenfalls vom genialen Mittelfeld-Ass: »Maradona im Training zuzuschauen war der helle Wahnsinn. Der hat mit dem Ball Dinge gemacht, die waren unglaublich!«

Burruchaga, dem Diebe seine WM-Medaille vor Jahren bei einem Einbruch in sein Haus gestohlen haben, sagt: »Für uns alle war das damals der bedeutendste Tag unser Karriere.« Doch nicht nur für die Weltmeister war der Titelgewinn ein einschneidendes Ereignis, wie eine Anekdote von Burruchaga verdeutlicht.

»Auf einer Reise habe ich vor einiger Zeit ein Ehepaar getroffen, das sich am Tag des Endspiels in einer Bar kennengelernt hat«, sagt er. Der Mann habe der unbekannten Schönheit neben ihm an der Theke damals versprochen, sie zu heiraten, sollte Argentinien den Titel holen. Burruchaga traf – und der Mann hielt Wort.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!