Ansgar Brinkmann über Preußen Münster

»Das kannst du keinem zumuten«

Für mehr als ein Dutzend Vereine hat Ansgar Brinkmann, der weiße Brasilianer, gespielt. Gleich drei Mal kickte er bei Preußen Münster. Wir sprachen mit ihm über das Preußenstadion, das unter seiner Tradition zusammenzubrechen droht.
Heft #75 02 / 2008
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Ansgar Brinkmann, wie heruntergekommen ist das Preußenstadion wirklich?

Wenn man bedenkt, dass das Stadion die Anfänge mit Adi Preißler erlebt hat, muss man schon sagen, dass es eine »Antik-Arena« ist. Ich kenne das Stadion wirklich sehr gut und muss sagen: Das Ding kannst du den Fans, den Zuschauern und den Sponsoren eigentlich nicht zumuten.

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Das Mauerwerk ist so marode, dass es nicht ganz ungefährlich ist, ein Spiel von den Rängen zu beobachten?

Kann man so sagen, ja. Wenn es Derbys gibt wie gegen Osnabrück, muss man schon Angst um die Gesundheit der Menschen haben, die Eintritt zahlen.

Wie ist die Situation für die Spieler?

Auch in der Bundesliga in Bielefeld oder damals in Frankfurt am Riederwald habe ich Kabinen und Einrichtungen erlebt, die nicht so optimal waren. Aber ein Spieler braucht keinen Luxus.

Und was braucht das Stadion?

Es muss gewährleistet sein, dass man ein Punktspiel reibungslos austragen kann. Wenn die Familie mit Mutter, Vater und vier Kindern kommt, müssen die auf der sicheren Seite sein. Darum geht’s. In Deutschland ist die Sicherheit ja fast überall gegeben, aber im Preußenstadion ist der Zug leider zu oft ohne Preußen Münster abgefahren und das muss man ändern. Sehr viele Faktoren wie Tradition und Zuschauer sprechen dafür, und der Verein braucht eine Renovierung auch, um sportlich weiterzukommen. Wenn du einen guten Sponsor hast und der mit seiner Frau in der S-Klasse vorfährt, wird sie aussteigen und nach zehn Metern sagen: »Jetzt pass mal auf, wir fahren nach Dortmund, das ist 50 Kilometer weiter, und geben dort unser Geld aus.« Was ich sagen will: Es ist sauschwer, Sponsoren zu bekommen, und im Moment sind in Münster nur Leute, die richtig Herzblut haben. Die braucht man natürlich auch, aber ohne große Sponsoren, das wissen wir alle, geht es nicht.

Sie haben drei Mal bei Preußen Münster gespielt, sind immer wieder zurückgekehrt. Warum?

Münster hat mir immer gefallen, ich habe eine gute Zeit hier gehabt. Meine Freundin hat hier auch studiert, ich bin mit Münster stark verbunden.

Sie sind 1991 und 2006 trotz Abstieg hier geblieben.

1991 blieb ich, obwohl ich auf jeder Einkaufsliste der Bundesliga stand. Ich habe von 38 möglichen Spielen 38 gemacht, neun Tore geschossen und 19 vorbereitet. Wenn du das heute machst in Deutschland mit 20 Jahren, kannst du dir den Verein aussuchen. Aber ich wollte dem Klub einfach helfen und habe noch zwei Jahre drangehängt. 2006 kam ich dann aus Dresden zurück, habe meine Karriere ausklingen lassen und wieder alles versucht, um den Verein oben zu halten. Leider hat es nicht gereicht.

Es gibt nachhaltig Tendenzen gegen den »modernen Fußball«. Das Preußenstadion besitzt noch immer das Flair eines traditionellen Fußballstadions. Ist das nicht ein Pfund, mit dem der Verein wuchern könnte?

Ein sehr interessanter Aspekt, den Sie da ansprechen. Natürlich fehlt einem in den modernen Arenen manchmal die Windböe von links oder rechts oder das Besondere, was die ganz alten Stadien noch haben. Aber um wirtschaftlich mithalten zu können, muss dieses Stadion voll saniert werden. Am besten gestaltet man gleich ein ganz neues. Das muss kein WM-Stadion werden, aber es muss für alle Beteiligten ein solider Rahmen geboten werden.

Wie haben Sie das Fiasko rund um den geplanten »Preußenpark« erlebt?

Darüber kann man sicher streiten. Die Kaufleute haben damals gesagt: »Mensch, das wollen wir nicht, da laufen uns die Kunden davon.« Das kann ich nachvollziehen. Aber stattdessen hätte man ein reines Fußballstadion bauen und das vermarkten können, indem man dort auch Konzerte und Events veranstaltet. Zu der Stadt Münster gehört neben den Studenten und dem schönen Panorama auch der Leistungssport Fußball. Warum in der Stadt immer wieder Kräfte dagegen anrudern, verstehe ich nicht. Warum ist man nicht in der Lage einen Kompromiss zu finden – zumal auch die sportliche Seite dazu bereit ist.

Sie glauben also nach wie vor an ein modernes Stadion in Münster?

Die Hoffnung stirbt immer zuletzt (lacht). Im Ernst: Ich würde es allen wünschen. Wenn man ein bisschen Erfolg in Münster hat, dann ist das auch gerechtfertigt. Ich habe es selber miterlebt in der 2. Liga, das große Fanpotenzial in der Stadt. Wir sind damals abgestiegen aus der 2. Liga und hatten die dritthöchsten Zuschauerzahlen der gesamten Klasse. Das sind doch mal Fakten. Da waren 25000 bei jedem Spiel. Bis heute haben sie einen Zuschauerschnitt von 5000, das ist einmalig in Deutschland. Sie spielen halt leider nur in der falschen Liga.

Gibt es ein Spiel im Preußenstadion an das Sie sich besonders gern zurückerinnern?

Ich persönlich denke gerne an das 3:1 gegen Gütersloh Anfang der 90er. Damals ging es für Gütersloh, ich glaube Ernst Middendorp war Trainer, um den Klassenerhalt und für uns um den Aufstieg. Da hab ich ein schönes Tor gemacht, und da denkt man natürlich gerne zurück. Gütersloh hatte gerade das 1:2 in der 87. Minute gemacht, und ich sagte zu Christof Orkas, der an der Mittellinie stand: »Du kannst hier auf mich warten«. Ich ging direkt vom Anpfiff weg und traf. Den Ball hat keiner mehr berührt. Das war zwar nur vierte Liga damals, aber ein Tor und somit auch ein Spiel, was man nicht schnell vergisst. Die Leute, glaub ich, auch nicht.

Sie sind ja mittlerweile als Spielerberater tätig.

Ich würde eher sagen ich bin Scout. Im Rahmen dieser Tätigkeit durchlebe ich gerade eine sehr, sehr lehrreiche Zeit. Ich werde beraten von Rainer Calmund und war jetzt zum Beispiel vier Wochen in Brasilien. In Brasilia, Sao Paolo oder Porto Alegre, wo ich mir überall die Strukturen ansehen konnte. Ich habe Freitag, Samstag und Sonntag Spiele gesehen, und das hat irrsinnig Spaß gemacht. Außerdem bin ich auch viel in den Benelux-Ländern unterwegs. So bleibe ich dem Fußball erhalten. Aber ich sehe mich eben nicht als Spielerberater. Ich denke, wir sind Fußballexperten. Wenn man 21 Jahre Fußballer war, will man keine Spieler sammeln oder so, auch wenn wir natürlich nach Qualität suchen. Da ich ja auch den Trainerschein machen werde, ist diese Arbeit nur von Vorteil, es gibt keine bessere Vorbereitung, als so viele Spieler zu sehen.

Sie planen auch ein Abschiedsspiel?

Ja, und das wird eine nette Sache. Da werden ein paar gute Freunde von mir zusammenkommen. Ich hoffe auf einen Mehmet Scholl und ähnliche, ein paar coole Typen auf jeden Fall. Ich freue mich auf diesen Tag und darauf, dass ich Freunde einladen darf. Ich glaube, nach 21 Jahren hat man sich auch so eine Veranstaltung verdient.

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Im aktuellen 11FREUNDE-Heft findet Ihr ein Poster vom guten alten Preußenstadion.


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