13.08.2012

Anschlag oder fehlerhafte Konstruktion? Zur Absage in Zwickau

Schraube locker


Weil sich Bauteile auf der Gästetribüne gelöst hatten, wurde das Regionalliga-Spiel zwischen Zwickau und Jena abgesagt. Ein »Mordanschlag«, wie der Boulevard titelte? Oder eine fehlerhaft errichtete Tribünenkonstruktion? Die Ermittlungen laufen. Verlierer bleiben in jedem Fall mehrere zurück.

Text:
Christoph Erbelding
Bild:
Imago

Der Wachmann unternahm einen letzten Gang rund ums Stadion, dann machte er Feierabend. Es war zwei Uhr. Alles schien friedlich zu sein in der Nacht vor dem Saisonauftakt. Elfeinhalb Stunden später sollte die Partie des FSV Zwickau gegen Carl Zeiss Jena angepfiffen werden, dem Auftakt in die Regionalliga sehnten sie beim Aufsteiger aus Zwickau entgegen. Dazu kam es nicht. Um 14.05 Uhr stand fest: Das Spiel wird ausfallen. Der Grund: An der Tribüne, die für die Gäste-Fans errichtet worden war, hatten sich Schrauben gelöst. Jena-Fans trugen Trageflächen davon und übergaben sie den Ordnern. Petrik Sander, Trainer von Carl Zeiss, sprach von einem »Skandal«. Die ersten Spekulationen machten die Runde: Hier wurde mutwillig sabotiert.

Ob abgefeuerte Leuchtraketen in den gegnerischen Fanblock oder Schlägereien auf der Tribüne: 

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Fußball in letzter Zeit durch Gewalt geprägt wird. Eine sabotierte Tribüne als Anschlag auf den gegnerischen Fanblock wäre allerdings ein neues unrühmliches Element in dieser Aufzählung. Eine neue Dimension der Gewalt wäre erreicht. 


»Quertreiber gibt es überall«

Lief es in Zwickau wirklich so ab? Haben Fans des FSV versucht, ihren Rivalen den Tribünenboden unter den Füßen wegzuziehen? »Zwischen Zwickau und Jena herrscht eine Fan-Rivalität. Dass die Zwickauer mutwillig eine solche Aktion starten, die möglicherweise Menschenleben gefährdet, kann ich mir aber nicht vorstellen«, sagt Matthias Stein, Leiter des Jenaer Fanprojekts. »Zwischen Zwickau und Jena herrscht keine Fanfreundschaft, so viel ist gewiss«, urteilt Gerhard Neef, der Vorsitzende des FSV Zwickau, »aber eine solche eine Aktion traue ich unseren Anhängern eigentlich nicht zu.« Ausschließen möchte Neef dennoch nichts. »Eine Fanszene ist ein kompliziertes Gebilde, in dem es Quertreiber gibt. Damit hat jeder Verein seine Probleme.«


Auch der FSV hat Problemfans in seinen Reihen. »Das sind Jungs, die einem Fußballverein mit Aktionen mutwillig schaden wollen«, sagt Neef. »Der FSV Zwickau kann es sich nicht leisten, solche Leute umzuerziehen.« Ob tatsächlich ein Fremdeinwirken dafür sorgte, dass sich Tribünenteile in der Gästekurve lösten, oder aber mit dem Schraubenzieher nachgeholfen wurde, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen.



Dass die Zwickauer überhaupt in einem Stadion spielen, das durch eine zusätzliche Stahlrohrtribüne ergänzt werden muss, liegt am maroden Zustand des alten Westsachsenstadions. Dieses sollte ursprünglich umgebaut und modernisiert werden. Die veranschlagten Kosten überstiegen jedoch das Budget um ein Vielfaches, weshalb weitere Bauarbeiten abgesagt wurden. Nun soll ein modernes Stadion mit Platz für 11.000 Zuschauer errichtet werden. Die Pläne dafür sind in der Bearbeitung, im Oktober wird endgültig über den Bau entschieden. Bis dahin spielt der FSV im öffentlichen Sportforum »Sojus 31«. Dort musste die zusätzliche Tribüne für die Gäste-Fans errichtet werden, die nun zum Teil polizeilischer Ermittlungen geworden ist. 


Wie groß die Gefahr in Zwickau wirklich war, blieb zunächst unklar. Der Fall wurde schnell von den Medien aufgegriffen. Die »Bild« fragte: »Mordanschlag in der 4. Liga?«. Die »Thüringische Landeszeitung« schrieb von einem »Eklat in Zwickau«. FSV-Vorstand Neef verurteilt diese journalistische Schärfe. »Es handelte sich bei den gelösten Tribünenteilen um Metallabdeckungen, die mit der Standfestigkeit nichts zu tun hatten.« Oliver Wurdak, der Pressesprecher der Zwickauer Polizei, wird konkreter: »Wenn man die Standfestigkeit der Tribüne weiter hätte beeinträchtigen wollen, hätte man die Teile abnehmen und darunter weiter schrauben müssen.« Neef untermauert die Notwendigkeit einer Absage mit einem Vergleich: »Wenn Sie ein Haus bauen und danach die Türklinke abschrauben, fällt das Haus nicht um – aber Sie haben etwas zu werfen. Wir konnten nicht gewährleisten, dass die gelösten Teile nicht als Wurfgeschosse verwendet werden.«

Jenas Fans hatten Angst

 
 
 
 
 
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