Angriff der EM-Drohnen
14.06.2008

Angriff der EM-Drohnen

Ein Joint in der Dämmerung

Während vor der WM 2006 die Sicherheitsfrage allgegenwärtig war, köchelt das Thema diesmal auf kleiner Flamme. Man gibt sich gelassen, und die Tickets sind ohne Chips – wenn da nur nicht die Sache mit den Drohnen wäre.

Text:
Fabian Jonas
Bild:
Imago
Es wirkt auf den ersten Blick ziemlich martialisch: Über 27 000 Polizisten, dazu etwa 3000 Soldaten sollen während der EM allein in Österreich zum Einsatz kommen. Ein Aufgebot ähnlicher Größenordnung steht in der Schweiz bereit, wobei dort, aufgrund eines deutlich kleineren Polizeiapparats, sogar bis zu 15 000 Soldaten im Einsatz sein werden. Bei einem Blick auf die WM 2006 relativieren sich diese Zahlen allerdings schnell. Vor zwei Jahren waren in Deutschland insgesamt 260 000 Sicherheitskräfte im Einsatz, die, von kleineren Ausnahmen abgesehen, für einen reibungslosen Ablauf sorgten. Seitdem gilt das damalige Sicherheitspaket als internationaler Standard und Vorbild für die Euro 2008.



Im Mittelpunkt steht die sogenannte 3D-Strategie, bestehend aus den drei Schlagworten Dialog, Deeskalation und Durchsetzung. Was etwas weniger verschwurbelt heißt: Die Ordnungskräfte sollen sich im Hintergrund halten, solange ein Einschreiten nicht unbedingt erforderlich ist, dann aber mit aller Vehemenz durchgreifen. Zur Verstärkung der örtlichen Polizeieinheiten werden wieder szenekundige Beamte aus den Teilnehmerländern vor Ort sein, um bekannte Hooligans zu identifizieren, falls diese es überhaupt bis in die Alpenländer schaffen. Denn wie schon im Vorfeld der Weltmeisterschaft sollen einschlägig bekannte Gewalttäter bereits im Vorfeld in ihren Heimatländern Meldeauflagen und Reiseverbote erhalten.

Testlauf führte zur Festnahme zweier Männer


Ein Novum ist der geplante Einsatz von Armee-Drohnen zur Überwachung von Menschenmassen und Verkehrsströmen, der vor allem in der freiheitsliebenden Schweiz für einen Aufschrei der Empörung sorgte – können die unbemannten Flugkörper doch weitaus größere Areale überwachen als Stadien oder Public-Viewing-Bereiche. Für besondere Brisanz sorgte deshalb die Meldung, dass der Testlauf einer solchen Drohne zur Festnahme zweier Männer geführt hätte. Sie waren aus 30 Kilometern Entfernung zur Abenddämmerung in einem entlegenen Waldstück gesichtet und von den überwachenden Offizieren für verdächtig befunden worden. Die darauf entsandte Polizeistreife fand in der Tat einen Grund, dienstlich tätig zu werden: Die beiden Männer hatten einen Joint geraucht.

Trotz der akribischen Vorbereitungen mehrten sich in letzter Zeit besonders in Österreich kritische Stimmen, die mahnten, dass die Organisatoren das Fanaufkommen während der EM gewaltig unterschätzen würden. So sei in Klagenfurt, wo die deutsche Mannschaft ihre Vorrundenspiele gegen Polen und Kroatien austrägt, nur ein Public-Viewing-Gelände für 6000 Zuschauer vorgesehen, was bei weitem nicht ausreichen würde. Manfred Pock, der Chef des örtlichen Organisationskomitees, kann über solche Meldungen nur den Kopf schütteln. Sofort nach der Gruppenauslosung habe man reagiert und die Bereiche für die Fans deutlich ausgeweitet. »Wir sind für bis zu 150 000 Fans gerüstet«, sagt Pock, der aber mit derartigen Massen im nur 94 000 Einwohner zählenden Klagenfurt nicht rechnet. Auch möglichen Ausschreitungen durch polnische, kroatische oder deutsche Hooligans sieht er gelassen entgegen. Mit der Verstärkung durch szenekundige Beamte aus den drei Ländern sei man auf alle Eventualitäten vorbereitet und gewiss, den Standard der Weltmeisterschaft 2006 einhalten zu können.

Standards hatte die WM in Deutschland auch in einem anderen Bereich setzen wollen und dabei gewaltigen Unmut provoziert. Die Speicherung einer ganzen Reihe persönlicher Daten auf einem Chip in den Tickets war monatelang heiß diskutiert und schließlich sogar mit dem von Datenschützern verliehenen »Big Brother Award« belohnt worden. Name, Anschrift, Geburtsdatum, Kreditkarten- und Ausweisnummer, ja sogar die Fanzugehörigkeit musste für jede Begleitperson angegeben werden.

Das System erwies sich allerdings als derart aufwendig und unpraktikabel, dass die EM-Organisatoren zum Prozedere der Euro 2004 zurückkehrten, bei dem nur der Kartenkäufer selbst seine Daten angeben muss, die überdies bloß intern und nicht auf der Eintrittskarte gespeichert werden. Auf den bis zu vier Karten pro Person und Tag ist lediglich der Name des Bestellers vermerkt, allerdings müssen Kartenkäufer auf Nachfrage Angaben zu ihren Begleitern machen und sind auch für sie haftbar. Nur wer sein Ticketkontingent komplett aus den Händen gibt, ist verpflichtet, die Organisatoren darüber zu informieren. Bereits während der WM hatte Martin Kallen, der Geschäftsführer der Euro 2008, die Defizite des deutschen Systems kritisiert: »Das Umschreiben ist für den normalen Fan zu kompliziert. Es ist zwar eine gute Idee, aber in der Praxis nicht durchführbar. Die Stadien werden dadurch nicht sicherer.«

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