Andrej Schewtschenko lässt Tore sprechen

Die Nacht seines Lebens

Andrej Schewtschenko wandelt mit zwei Toren gegen Schweden alle Kritiker in Fans. Und wird damit endgültig zum Nationalhelden der Ukraine. Sein Trainer Blochin hatte davon geträumt.

Zur Halbzeit hat der Co-Trainer gesagt: »Andrej, es ist an der Zeit, das bessarabische Tor zu öffnen!« – »Gut. Ich werde sehen, was ich machen kann.« Das mit dem bessarabischen Tor ist eine Geschichte, die weit zurückreicht. Weiter, als Andrej Schewtschenko sich erinnern kann. Hinter dem Tor links von der Haupttribüne des Kiewer Olympiastadions steht die Bessarabische Markthalle, sie ist gerade 100 Jahre alt geworden und die berühmteste der Stadt, benannt nach der ukrainischen Provinz im Südwesten, die bis zum Zweiten Weltkrieg zu Rumänien gehörte. Die Legende besagt, dass schon der ukrainische Nationaltrainer Oleg Blochin früher seine wichtigsten Tore auf der Seite des Bessarabischen Marktes geschossen hat. Und Blochin sagt, schon zu seiner Jugend hätten ihm ältere Spieler erzählt … aber das führt jetzt zu weit.

Autogramme am Unfallort

Blochin war in den siebziger Jahren einer der besten Stürmer der Welt. Spätestens am späten Montagabend hat er in Schewtschenko einen würdigen Nachfolger gefunden. Mit diesen zwei Toren im ersten ukrainischen EM-Spiel, beide auf der bessarabischen Seite, bescherte er der Ukraine einen 2:1-Sieg über Schweden und Kiew eine rauschende Party. Noch tief in der Nacht wogte ein blau-gelbes Meer auf der Chreschtschatyk, Kiews Bummelmeile. Das ist so selbstverständlich nicht, denn in Kiew gehen am Abend schon mal deshalb früh die Lichter aus, weil die Metro schon gegen Mitternacht dicht macht. Zur EM aber fährt die U-Bahn bis nachts um zwei, das Volk feierte, und Schewtschenko, der 35 Jahre alte Nationalheld, sprach von der Nacht seines Lebens: »Wenn ich mir meine beste Nacht erträumen würde, könnte ich mir keine bessere vorstellen als diese.« Da spielte es auch keine Rolle, dass nach der Partie ein Geländewagen auf seinen Porsche fuhr, als Schewtschenko an einem Fußgängerüberweg hielt. Dem Stürmer passierte nichts. Und er nützte den Zwangshalt stilgerecht – er schrieb Autogramme.

Mit Schewtschenko und der ukrainischen Nationalmannschaft ist das so eine Sache. Natürlich verehren sie ihn in der Heimat, aber das liegt mehr an seinen Verdiensten in der Vergangenheit, an seinen Toren und Erfolgen im Trikot des AC Milan, die auch immer Tore für die Ukraine waren. Der Fußballer Schewtschenko hat seine unabhängige Heimat berühmt gemacht in der Welt. Dafür gebührt ihm Anerkennung, und dafür haben sie ihm einen Platz gegönnt in der Nationalmannschaft. Aber ob er ihn sportlich auch verdient hat, daran haben viele gezweifelt. Zuletzt hat er bei Dynamo Kiew kaum noch gespielt. Der Rücken, das Knie, und einmal war es auch ein Golfturnier, das er einer Auswärtsreise mit Dynamo vorzog. Schewtschenko galt in den Tagen vor der EM als besseres Maskottchen, und wenige rechneten ernsthaft mit seinem Einsatz. Doch dann kam der Montag, und er machte alle Kritiker zu Fans.

Auge statt Tempo, Instinkt statt Zufall

Schewtschenko ist nicht mehr so schnell wie früher, er fällt leichter und gönnt sich längere Erholungspausen. Aber er hat immer noch einen feinen Sinn für die tiefste Bedeutung des Spiels. Er weiß immer noch, wann er den entscheidenden Schritt in die entscheidende Richtung machen muss. »Schewtschenko ist ein großartiger Strafraumspieler«, sagte Schwedens Trainer Erik Hamren. »Er hat zwei wunderschöne Tore gemacht. Das war gut für ihn und schlecht für uns.«

Schon in der ersten Halbzeit hatte Schewtschenko zweimal das Führungstor auf dem Fuß. Er vergab zweimal erbärmlich, aber da spielte die Ukraine ja noch nicht auf das bessarabische Tor. Also durfte er weitermachen und hielt zweimal den Kopf dorthin, wo er im entscheidenden Moment sein musste. Das waren keine Zufallstore. Beim 1:1, nur drei Minuten nach Schwedens Führungstor durch Zlatan Ibrahimovic, seinen späteren Nachfolger bei Milan, kam er im perfekten Augenblick aus dem Hintergrund, gesteuert von der Intuition, die nur großen Stürmern zu eigen ist. Und vom Siegtreffer erzählte Schewtschenko, dass „wir diesen Zug im Training einstudiert haben. Es hat perfekt geklappt“, nach einem Eckball von Sergej Nasarenko, Schewtschenko erwischte ihn weit vorn am Tor und tippte den Ball mit der Stirn in den minimalen Zwischenraum zwischen Pfosten und dem schwedischen Verteidiger Mikael Lustig, der vergeblich seinen Oberschenkel in die Lücke schob.

Ein Stadion steht

Kurz vor Schluss machte der Held dieser ukrainischen Nacht Platz für ergebnissicherndes Personal, und kurz nach Schluss erlebte das Kiewer Olympiastadion den doppelten Schewtschenko. Den erhabenen Staatsmann, der die Parade vor der Gegentribüne abnahm. Aber auch den enthusiastischen Mannschaftsspieler, der seinem Trainer um den Hals fiel. Nach dem Spiel hat Trainer Blochin erzählt: »Andrej wird es mir nicht glauben, aber ich habe vor dem Spiel geträumt, dass er zwei Tore schießen wird.« Natürlich vor dem Bessarabischen Markt, wo auch sonst.

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