Andreas Wessels über Bochum-Saarbrücken 1990

»Der Zug schien abgefahren«

Bochum hatte das Relegations-Hinspiel am 24. Mai 1990 in Saabrücken 1:0 gewonnen. Doch als Andreas Wessels drei Tage später das Ruhrstadion betrat, ahnte er nichts Gutes. Ein Gespräch über miese Tage und Legats Führerschein. Andreas Wessels über Bochum-Saarbrücken 1990imago

Andreas Wessels, warum ist das Relegationsrückspiel des VfL Bochum gegen den 1. FC Saarbrücken am 27. Mai 1990 das Spiel Ihres Lebens?

Für mich persönlich war es sehr wichtig, weil ich gerade Ralf Zumdick als Nummer Eins im Tor abgelöst hatte. Bei einer Niederlage hätte ich wieder 2. Liga oder im schlimmsten Fall gar nicht gespielt. Für den Verein ging es dazu um ein Stück Existenz. Schließlich waren da auch noch die schlichtweg katastrophalen Umstände des entscheidenden zweiten Spiels. Das werde ich nie vergessen.

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Hat es geregnet?

Wir hatten das Hinspiel in Saarbrücken durch ein Elfmetertor von Thorsten Legat mit 1:0 gewonnen. Dann spielen wir das Rückspiel in Bochum, und alles ist schlecht: Die Stimmung, das Wetter, der Platz. Ich glaube, da waren gerade einmal 20.000 Zuschauer da. Das war so ein miserabler Tag.

Die Öffentlichkeit nahm das Spiel nicht gebührend zur Kenntnis?

In Bochum war und ist das mit den Medien und dem Zuschauerzuspruch eine andere Geschichte als etwa in Köln. Da kommen 20.000 Leute zu den Spielen und du kannst auch am Tag vor dem Spiel immer noch an Karten kommen. So war es auch beim Spiel gegen Saarbrücken. Außerdem kamen nicht gerade viele Fans aus Saarbrücken ins Ruhrstadion. Aber auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht so rüberkam, für uns Spieler und den Verein war das eines der wichtigsten Spiele unseres Lebens.

Mit dem Sieg in Saarbrücken hatte sich der VfL eine bequeme Position für das Rückspiel geschaffen, aber…

In Bochum dauerte es nicht lange, und Saarbrücken führte. Für uns schien der Zug schlichtweg abgefahren zu sein. Wir konnten keinen Meter mehr laufen, alle waren wie versteinert. Es regnete in Strömen. Ein Angriff nach dem anderen rollte auf mein Tor. Die wurden immer stärker, wir immer schlechter. Da ging gar nichts mehr. Ich habe gedacht, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis das zweite Tor fällt.

Dann schoss Uwe Leifeld kurz vor Schluss den Ausgleich.

Und trotzdem ging es in den letzten zehn Minuten es so weiter, wie es angefangen hatte: Mit Chancen des 1. FCS. Die hatten selbst dann noch mindestens drei Hochkarätige. Aber reingekriegt haben sie nichts. (lacht) Einmal wurde ich sogar aus kürzester Distanz angeschossen.

Der Abpfiff war dann sicher der Beginn großer Feierlichkeiten.

Die Erleichterung war groß, dennoch gab es danach irgendwie nichts Besonderes. Wir sind in die Stadt gegangen, haben zusammen gegessen und ein bisschen gefeiert, das war es.

Können Sie sich noch an die Mannschaftskollegen erinnern?

Beim Gegner spielte damals noch Yeboah. Ein starker Fußballer. Bei uns waren Leute dabei wie Uwe Wegmann und Uwe Leifeld. Trainer war Reinhard Saftig. Außerdem der ganz junge Thorsten Legat. Den habe ich damals oft mit dem Auto nach Hause mitgenommen.

Er hatte noch keinen Führerschein?

Genau, ich erinnere mich noch: Einmal sind wir zu dritt zum Training gefahren. »Katze« Zumdick, Thorsten und ich. Wir meinten, er solle ans Steuer und wir würden ihm die Prüfung abnehmen. So sind wir los, kamen unterwegs an einem Polizeiwagen vorbei und haben kräftig gewunken. Das war ein Spaß. Als wir am Trainingsplatz ankamen, stand der Trainer da und wartete auf uns. Als er dann sah, dass der Thorsten fuhr, durften wir uns was anhören.

Hat Thorsten Legat bestanden?

In der Praxis war Thorsten sehr gut, aber in der Theorie… Einmal kam er in die Kabine, hat vor allen Augen die Fragebögen zerrissen und danach einen ausgegeben. Wir alle haben ihm gratuliert, bis sich irgendwann herausstellte, dass er die Prüfung noch gar nicht gemacht hatte.

Warum schoss eigentlich so ein junger Spieler wie Thorsten Legat den Elfmeter im Hinspiel? In einem der wichtigsten Spiele der Vereinsgeschichte.

Ich sag Ihnen was: Thorsten Legat war der beste Fußballer, mit dem ich in meinem ganzen Leben jemals habe spielen dürfen. Seine fußballerischen Fähigkeiten waren grandios. Gutes Kopfballspiel, präzise Schusstechnik, große Schussstärke, Robustheit, Athletik. Dazu war er sehr ausdauernd. Lediglich in der Umsetzung der taktischen Vorgaben haperte es vielleicht ein wenig. Dennoch hatte er sicher Anteil an den Deutschen Meisterschaften, die er mit Bremen und Stuttgart feiern durfte.

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