Amateur-Schiedsrichter und die Angst vor Gewalt

Krieger und Freiwild

Amateurschiedsrichter Armin Erz ist nur einer von 76.000 deutschen Unparteiischen, die jedes Wochenende den Spielbetrieb des größten Fußballverbandes der Welt aufrecht erhalten. Physische und psychische Gewalt brachten Erz an den Rand des Zusammenbruchs.

Armin Erz sitzt alleine in der Schiedsrichterkabine des Linsenhofener Vereinsheimes. Noch bevor er sich umzieht um das Kreisligaspiel des TSV Linsenhofen gegen den FC Unterensingen zu pfeifen, studiert er den Spielerbogen. Das mulmige Gefühl, das er so gerne unterdrücken würde, pulsiert mit jedem Namen heftiger durch seinen Körper. Als ihm die 22 Freizeitkicker eine halbe Stunde später auf den Rasen folgen, ist das Gefühl gewichen. Jetzt verfolgt ihn die Angst.

Krampfhaft versucht der knapp über 1,70 Meter große Schwabe die Augenblicke von vor vier Wochen zu vergessen. Den Sommerabend im August 2010. Er war so hilflos, als ihm dieser Spieler an die Gurgel ging. Trotzdem will er die Erinnerungen verdrängen und einfach weitermachen. »Komm schon Armin, du bist doch stark genug. Wir brauchen dich!«, hört er seine Schiedsrichterfreunde noch sagen. Aber die wissen ja nicht, wie es in ihm aussieht. Und genau hier, auf dem Linsenhofener Sportplatz, trifft ihn das Entsetzen über sein eigenes Handeln.

Der Angreifer schlägt mit seinem Ellenbogen nach hinten aus, erwischt den Abwehrspieler mitten im Gesicht

Die Szene läuft wie in Zeitlupe ab. Der Eckball fliegt im hohen Bogen in den Strafraum. Dort beobachtet Armin Erz die ihm bekannten Szenen. Er sieht das übliche Gedrängel der Spieler, die mit ihren Augen alle den herannahenden Ball fixieren. Doch dann passiert es: Der Angreifer schlägt mit seinem Ellenbogen nach hinten aus, erwischt den Abwehrspieler mitten im Gesicht.

Plötzlich geht alles wieder ganz schnell. Schreie von allen Seiten. Ein Spieler liegt am Boden. Der Ball wird zweitrangig. Alle Augen ruhen auf dem Schiedsrichter. »Weiterspielen«, ruft Erz. Eine Welt bricht für ihn zusammen. »Es war wieder ein Spieler mit Migrationshintergrund. Ich habe die Tätlichkeit klar vor mir gesehen, aber ich hatte einfach Angst, etwas zu unternehmen.« Enttäuscht, traurig aber vor allem erschrocken über sich selbst, bringt er das Spiel zu Ende. »Danach habe ich mir gesagt, wenn du nicht mehr Manns genug bist, um so eine Szene zu pfeifen, hörst du am besten auf.«

Lange Zeit hat die Gewalt an Schiedsrichtern im Amateurfußball nur die zuständigen Sportgerichte interessiert. Doch in den vergangenen Jahren häufen sich die Meldungen über die Brutalität auf Europas Amateurfußballplätzen. Ein trauriger vorläufiger Höhepunkt war der Tod eines niederländischen Linienrichters Ende November 2012. Der Mann wurde von jugendlichen Fußballern solange verprügelt, bis er zusammensackte und sein Gehirn keinen Sauerstoff mehr bekam.

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