Amateur-Schiedsrichter und die Angst vor Gewalt
Krieger und Freiwild
Natürlich sind beim Fußball Emotionen im Zweikampf erwünscht. Das Spiel generiert dadurch allerdings auch eine gewisse Form von Gewalt auf dem Rasen. So kommt auch die verbale Gewalt gegen Unparteiische zustande, die überall auf der Welt toleriert wird. »Wenn das allgemein so wahr genommen wird, dass man den Schiedsrichter beschimpfen darf, sinkt die Schwelle und die Aggression wird eher auftreten«, erklärt Eder.
Auch Armin Erz wurde vier Monate vor den Erlebnissen in Allmendingen Opfer von verbaler Gewalt. Bei einem B-Jugendspiel beleidigten zwei Spieler den Referee so heftig, dass er sie mit einer Zeitstrafe vom Platz stellen musste. Den daraufhin folgenden physischen Angriff eines erzürnten Mitspielers, konnte der Schiedsrichter gerade noch abwehren. Als sich derselbe Spieler die Eckfahne schnappte, um damit auf Erz loszugehen, brach der die Partie ab. »Ich musste über die Hintertür ins Vereinsheim gebracht werden, weil der Spieler vor der Kabine auf mich gewartet hatte«, erinnert er sich. Aber: »Dieses Spiel hat mir nichts ausgemacht. Ich habe den Spieler ja gesehen, und er hat mich nicht erwischt.« Erst die Tat in Allmendingen, erst die Würgeattacke aus dem Hinterhalt, brachte Erz an seine emotionalen und psychischen Grenzen.
Der Täter hat sich bis heute nicht entschuldigt
»Er hat sich mit seiner Selbstheilung einfach übernommen. Er hätte jemand an sich heranlassen müssen«, urteilt Heinz-Werner Zwicknagel. Der Pfullinger ist Schiedsrichter-Lehrwart im Württembergischen Fußball-Verband und Anlaufstelle für tätlich angegriffene Schiedsrichter. »Es war klar, dass ihn die Psyche irgendwann einholt.« Erst der Vorfall in Linsenhofen, als Erz die klare Tätlichkeit aus Angst vor den Folgen nicht ahndete, habe ihm die emotionalen Grenzen aufgezeigt. »Wir hätten ihm viel früher helfen können«, behauptet Zwicknagel. Die Selbstheilung dauerte auch deshalb so lange an, weil Erz bei der Verarbeitung ein wichtiger Baustein fehlte: die Entschuldigung des Täters. Bis heute hat der Kapitän von Türkgücü Ehingen seine Tat nicht bereut.
Das Sportgericht verurteilte den Täter zu einer zweijährigen Sperre, das Zivilgericht zu einer Strafe von 900 Euro. Zu einer Entschuldigung kann man niemanden verurteilen. Im Prozess trat Erz als Nebenkläger auf, weil er nach dem Vorfall eine Woche lang als arbeitsunfähig galt und einen Verdienstausfall von 400 Euro erlitt. Das Geld hat Erz bis heute nicht erhalten, der Fußballer aus Ehingen hat zwei Kinder zu versorgen und kann die Summe nach eigener Aussage nicht aufbringen. »Als ich das hörte, war ich kurz davor zu sagen: ›Wenn er nicht zahlen kann, dann lass ich es auch gut sein‹. Aber er hat sich bis heute nicht bei mir entschuldigt. Wieso sollte ich dann nachgeben?«
Spricht man von Angriffen auf dem Fußballplatz, assoziiert man diese meist mit physischer Gewalt. Die Zahl der psychischen Gewalttaten fällt oft unter den Tisch. Dass Trainer von Amateurmannschaften vor wichtigen Spielen bei Schiedsrichtern anrufen und diese direkt oder indirekt bedrohen, ist keine Seltenheit. Auch Heinz-Werner Zwicknagel weiß von solchen Aktionen. In einem Fall meldete eine anonymer Anrufer, der Schiedsrichter sei soeben sturzbetrunken mit dem Auto vorgefahren. »Das ist ein üble Form der psychischen Gewalt. Man muss sich mal die Demütigung vorstellen, wenn plötzlich die Polizei mit einem Alkoholtester auftaucht und den Schiri pusten lässt.« Doch die Zahl derer, die sich mit ihren Nöten oder Erlebnissen an bestehenden Sorgentelefone oder ausgebildete Helfer wenden, ist unter Schiedsrichtern erstaunlich gering. »Kein Schiedsrichter gibt gerne zu, dass er Angst hat, gewisse Spiele zu pfeifen. Sie wollen immer noch Krieger sein, selbst wenn ein großes Loch in ihrem Schild klafft«, sagt Heinz-Werner Zwicknagel, der Schiedsrichter-Lehrwart.
»Heute würde ich gleich einen Psychologen aufsuchen«
Armin Erz hat es geschafft, dieses Loch zu kitten und seine Psyche wieder zu stabilisieren. Zwei Jahre nach dem Angriff, der sein Leben veränderte, steht im Mittelkreis des Sportplatzes von SV Thalfingen. Es ist ein kalter und zugiger Tag an diesem Wochenende im November 2012. Aber die Freude darüber, dass er gleich die Bezirksligapartie des Gastgebers gegen die Zweite vom SSV Ulm pfeifen darf, ist ihm deutlich anzusehen. Die Angst ist weg, mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Würgegriff während eines Punktspiels in der Kreisliga B. Es hat gedauert, bis der Amateur-Schiedsrichter die Dämonen besiegen konnte. Heute sagt er: »Im Nachhinein würde ich es nicht mehr so machen. Ich würde gleich einen Psychologen aufsuchen, um das Erlebte zu verarbeiten.«
Als auf dem Sportplatz in Thalfingen der Abpfiff ertönt, ist die Stimmung eher gedämpft. Der SV hat 1:4 verloren, über den Schiedsrichter verliert nach dem Spiel niemand mehr ein Wort. Im Fußball wohl das größte Lob für einen Unparteiischen. Armin Erz grinst, als er nach der Partie wieder in seiner Schiedsrichterkabine sitzt. »Eigentlich habe ich immer gesagt, dass ich mit 50 aufhöre zu pfeifen.« Er ist jetzt 49. Ob Armin Erz auch in der nächsten Saison noch seine Bäckereiaufkleber in Württembergs Schiedsrichterkabinen verteilt, bleibt also abzuwarten. Zumindest wird ihn niemand mehr in dieser Entscheidung beeinflussen.
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