15.01.2013

Amateur-Schiedsrichter und die Angst vor Gewalt

Krieger und Freiwild

Seite 2/3: »Und dann warf er mich einfach weg«
Text:
Laurenz Drescher
Bild:
Imago

Auch der deutsche Amateurfußball wurde Anfang Oktober Zeuge stumpfer Gewalt, als zwei Spieler des FC Illiria Rosenheim auf den Schiedsrichter einprügelten. Die Verletzungen im Gesicht waren so stark, dass der Unparteiische in einer Augenklinik notoperiert werden musste und um sein Augenlicht bangte. Eine 100-prozentige Sehkraft wird er wohl nie wieder zurückerlangen.

Solche und ähnliche Vorfälle bewegen immer mehr Schiedsrichter zum Rücktritt. Der DFB hatte im Januar 2012 knapp über 76.000 Schiedsrichter registriert, fast 2.500 weniger als im Vorjahr. Im Jahr 2006 waren sogar noch 81.000 Unparteiische im ganzen Bundesgebiet aktiv. Die Zahlen wirken noch extremer, wenn man bedenkt, dass alleine im vergangenen Jahr über 8000 neue Schiedsrichter ausgebildet wurden.

Die bisher 27 Jahre als Schiedsrichter haben den Suppinger Bäckermeister Armin Erz in ganz Schwaben bekannt gemacht. Im Frühjahr 2010 wurde Erz vom Württembergischen Fußball-Verband für 1000 Spiele als Unparteiischer ausgezeichnet. Als Linienrichter war er sogar bis in die dritte Liga aktiv. Angst hat zu diesem Zeitpunkt höchstens davor, seine Aufkleber vergessen zu haben. »Überall, wo ich pfeife, klebe ich einen Aufkleber meiner Backstube auf den Spiegel in der Schiedsrichterkabine.«

»Später wurde mir erzählt, dass er mich am Hals packte und hoch hob«

Der 24. August 2010 veränderte alles. Es war ein Dienstag, für den Abend war das Spiel der zweiten Mannschaft des TSV Allmendingen gegen Türkgücü Ehingen in der Kreisliga B angesetzt. Auf den Sportplatz des TSV hatten sich an diesem Tag nicht mehr als 20 Zuschauer verirrt. Es war zu heiß und außerdem war von dieser Partie kein Fußballspektakel zu erwarten. Erst in der zweiten Halbzeit nahm das Spiel ein wenig Fahrt auf. In der 73. Minute drehte Allmendingen das Spiel und ging mit 2:1 in Führung.

Als Armin Erz die Spieler wieder zum Anpfiff bat, hörte er, wie der bereits mit Gelb bestrafte Spielführer von Türkgücü, dem Torschützen drohte: »Und du musst jetzt aufpassen!« Mit einem schrillen Pfiff unterbrach der Schiedsrichter die Szene. Erz ging auf den Spielführer zu, zeigte ihm zunächst die gelbe, kurz darauf die rote Karte. Holte er sein Notizkärtchen und einen Stift aus der Brusttasche und schaute auf die Uhr. »Platzverweis, Nummer 13, 73. Minute« wollte er notieren, als er zwei Hände an seinem Hals spürte und sein Bewusstsein verlor. »Später wurde mir erzählt, dass er mich am Hals packte und hoch hob. Dabei verdrehte er mir den Hals und warf mich einfach weg. So hat er mir wohl die Luftzufuhr zum Hirn für kurze Zeit abgeschnürt, deswegen bin ich bewusstlos geworden«, erinnert sich Erz.

Mit solchen Gewalttaten kennt sich Thaya Vester besonders gut aus. Sie ist Mitarbeiterin an der juristischen Fakultät der Universität Tübingen und promoviert gerade zum Thema »Gewaltphänomene im (Amateur-)Fußball«. Für ihre Doktorarbeit hat sie 2600 Schiedsrichter im Württembergischen Fußball-Verband befragt. »17 Prozent von ihnen wurden schon einmal tätlich angegriffen, bedroht wurden 40 Prozent der Befragten.«
Fast jeder Zweite dieser Schiedsrichter fühlte sich auf dem Fußballfeld bedroht. Was verbale Aggressionen angeht, sind die Hemmungen ohnehin schon lange gefallen. »Schiedsrichter werden schon fast als Freiwild gesehen, was Beleidigungen angeht. Da bleibt es nicht bei einfachen Beschimpfungen. Da kommen massive Beleidigungen wie ›Den Ball kannst du deiner Mutter in die Fotze stecken‹. Mit so etwas werden Schiedsrichter regelmäßig konfrontiert«, berichtet Vester.

»Gewalt wird beim Fußball als legitimes Mittel angesehen«

Mit seinen mehr als 6,8 Millionen Mitgliedern ist der DFB ohne Zweifel an Abbild der deutschen Gesellschaft. Den Vergleich muss sich der größte Sportverband der Welt gefallen lassen: Liegt es also an einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, dass der Fußballplatz vermehrt zum Tatort gewalttätiger Übergriffe wird? »Gewalt wird beim Fußball als legitimes Mittel angesehen«, weiß Dr. Andreas Eder. Der Junior-Professor für Psychologie lehrt an der Universität Würzburg und erforscht Emotionen und ihre Auswirkungen. »Die ursprüngliche These ist, dass Frustration Aggression erzeugt. Und Frustration definiert man darüber, dass Ziele blockiert werden. Ein Pfiff zum Beispiel, der einen am Toreschießen hindert. Wird dann Gewalt als legitimes Mittel angesehen, kann es zu Übergriffen kommen.«

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden