Altintop und die Van Gaal-Methode

Glanz des Schattenmanns

Ivica Olic war der Star des Abends, doch Hamit Altintop einer der Gewinner beim Halbfinale in Lyon. Der Türke, der aus dem Nichts kam und brillierte, ist das Sinnbild für die Erfolgsmethode von Louis van Gaal. Altintop und die Van Gaal-MethodeImago Im Fernsehstudio neben dem Kaiser des Fußballs und dem Kaiser des Kuscheljournalismus wollte selbst Raubein Mark van Bommel noch eine Verballiebkosung loswerden: »Hamit hat heute großartig gespielt«, entfuhr es dem Holländer. In der Tat: Neben den Arjen-Robben-Wochen und der Olic-Jubel-Orgie stand Hamit Altintop für das, was eine Spitzenmannschaft ausmacht.

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Nämlich, dass auch die Nicht-Gesetzten Glanz versprühen und sich zu Höchstleistungen aufschwingen. Hamit Altintop ist so einer und doch einer von vielen. Jungspunde treten im Bayern-Ensemble auf, als würden sie seit Jahrzehnten nichts anderes machen als CL-Halbfinals spielen. Spieler werden auf anderen Positionen eingesetzt und entdecken ihre neue Heimat – Schweinsteiger agiert mit einer Ballsicherheit, die die Betrachter fragen lässt, ob dieser Mann überhaupt jemals woanders als in der Zentrale gespielt hat.  

Die zwei Gesichter Altintops


Louis van Gaal rühmt gerne sein besonderes Näschen. Normalerweise stimmt man Leuten, die so etwas von sich behaupten, lediglich zu, wenn man weiß, dass sie es auf der Herrentoilette schneien lassen. Doch van Gaal scheint eben das Klinsmannsche Mantra in die Realität umgesetzt zu haben. Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen.

Hamit Altintops Fähigkeiten und Mängel sind eigentlich hinlänglich bekannt. Der Mann kann an einem Tag durch besonderen Fleiß, Zweikampfstärke, Zielstrebigkeit im Abschluss und Ballsicherheit gefallen. An einem anderen Tag aber verärgert er die Massen durch seinen Eigensinn, seine Verspieltheit, seine überhasteten Aktionen. An diesem Tag in Lyon aber – und auch schon in vorhergehenden Spielen – gelang dem Türken schlichtweg alles.

Da umdribbelte er hinten die Gegenspieler, zeigte Kabinettstückchen und spurtete mit Verve nach vorne ohne den Ball zu verlieren. Dazu bestach Altintop durch Übersicht und den zielgenauen Pass. In der ersten Halbzeit hatte er zwei Lyon-Spieler stehen gelassen und Robben in Szene gesetzt – der Abseitspfiff des Schiedsrichters verdarb den herrlichen Angriff.



Das 2:0 aber brachte dann doch die erhoffte Krönung altintopscher Vorstöße: Eine Körpertäuschung und der Ball in die Gasse zu Olic - millimetergenau. Olic sagte im TV: »Die Tore musste ich dann nur noch reinmachen.« Auch wenn Understatement mitschwang, aber dieses Anspiel von Altintop war auch zu schön, um es liegen zu lassen.  

Der Geist der Kasernenmethode


Der Erfolg wird auf vielen Schultern getragen – so war es beim FC Bayern in dieser Saison, auch wenn Robben zeitweise alles überstrahlte. Da war es einmal Badstuber, einmal Müller, einmal Olic, am Anfang der Saison Van Buyten. Sie alle standen im Fokus der Öffentlichkeit, auch wenn andere für ihre Glanzlichter die Kabel verlegten.

Van Gaals Kasernenmethode, dass alle gleichzeitig mit dem Essen anfangen und eine Sitzordnung besteht, mag an preußische Zeiten erinnern. Aber vielleicht schwingt hier jener Geist mit, der diese Mannschaft in dieser Saison so stark macht. Ein Rädchen greift ins andere.  

Hamit Altintop war in Lyon neben Olic das auffälligste Rädchen. Und um ein letztes Kompliment an Hauptmann Van Gaal loszuwerden, ist es vielleicht auch Verdienst des Trainers, dass Altintop seine starke Seite zeigt.

Ein Rad ins andere

Der gebürtige Gelsenkichener gehört zu der Sorte Spieler, die bei Vertrauensvorschuss und körperlicher Fitness aufdrehen. Leistung ist bei Altintop auch an Wohlbefinden, Kraftreserven und Selbstvertrauen gekoppelt. In diesem Fall kann er zu einer Bereicherung jedes Teams werden. Ausgelassen feierte er nach dem Schlusspfiff vor der Bayern-Kurve. Nichts war zu spüren von den öffentlich gemachten Frustbekundungen und Wechselgedanken.

Dabei droht bald wieder die Ersatzbank – in dieser Bundesligasaison hat Altintop lediglich ein Spiel über die volle Distanz bestritten. Wohl dem Trainer, dessen Spieler von der Bank kommen und so überzeugen. Wohl dem Trainer, bei dessen Team ein Rad ins andere greift.

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