29.07.2012

Als zwei Männer einen Holzball 4500 Kilometer durch Deutschland zogen

Die Reise der Ballonauten

Vor 80 Jahren zogen zwei arbeitslose Regensburger einen riesigen  Holzball 4500 Kilometer weit durchs Land. Ihr Tagebuch offenbart die Abenteuerlust der damaligen Jugend – und ihre Verzweiflung.

Text:
Ulrich von Berg
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Archiv

Deutschland 1932

Für seine damaligen Einwohner ist nicht nur die weite Welt, sondern auch ihr Heimatland viel größer, als wir es heute empfinden. Entferntere Regionen scheinen unerreichbar. Es gibt noch keine Mobilität breiterer Schichten, kein Autobahnnetz, keinen Massentourismus, keinen garantierten Mindesturlaub und auch kein Fernsehen, das Sehnsucht nach der Ferne schürt. Für viele Menschen ist die Welt am Rand ihrer Stadt oder ihres Dorfes zu Ende.

Was es jedoch überreichlich gibt, sind Armut, Massenarbeitslosigkeit und politische Instabilität. Im Frühsommer stürzen die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise immer mehr Deutsche in die soziale Verelendung, große Teile der Bevölkerung radikalisieren sich zunehmend, die Weimarer Republik taumelt ihrem Ende entgegen. Am Jahresbeginn hat die Arbeitslosenzahl offiziell die Sechs-Millionen-Grenze überschritten, in Wahrheit liegt sie, genau wie heute, deutlich höher.

Vor allem arbeitslose Jugendliche sind damals ohne jede Perspektive. Die kärgliche Hilfe, die der marode Staat gewährt, reicht kaum zum Überleben. Hinzu kommt, dass unzählige junge Männer, aufgeladen durch die explosive Zeitstimmung, dem als völlig sinnentleert empfundenen Herumlungern und Dahinvegetieren in ihren Heimatorten, aus denen die Wenigsten jemals herausgekommen sind, überdrüssig sind. Sie platzen vor Tatendrang und wollen, bevor die hoffnungslos erscheinende Lage in Deutschland noch schlimmer wird, wenigstens einmal hinaus, wenn schon nicht in die große weite Welt, dann zumindest in den einen oder anderen entfernten Winkel Deutschlands.

Abertausende von ihnen vagabundieren in den frühen Dreißigern, meist auf Schusters Rappen und an alte Handwerkstraditionen anknüpfend, kreuz und quer durchs Land, manche in der vagen Hoffnung, irgendwo doch Arbeit zu finden, manche aus Scham, der Familie auf der Tasche zu liegen, manche aus purer Abenteuerlust.

Oder aus Wanderlust, eines der wenigen deutschen Wörter, das Aufnahme ins Englische gefunden hat. Aber anders als etwa in den USA, wo die Schriften und Songs der Hobos, der Wanderarbeiter, eigenständige populärkulturelle Genres bilden sollten, hat es Ähnliches bei uns nie gegeben, möglicherweise weil die ersten Ansätze hierzu von den Nazis gleich wieder abgewürgt wurden. Jedenfalls gab es keinen deutschen Woody Guthrie, der das Abenteuer besungen hat, zu dem am 10. Mai 1932 zwei arbeitslose Männer aus der oberpfälzischen Bischofsstadt Regensburg aufbrachen.

Der größte Fußball

Der Bäcker Jakob Schmid und der Hafenarbeiter Franz Berzel, die beim unterklassigen 1. FC Regensburg aktiv Fußball spielen, haben schon seit Monaten ihre Entlassungspapiere in der Tasche. Schmid, Jahrgang 1906, der sein halbes Leben in heißen Backstuben verbracht hat und die treibende Kraft des Duos ist, zählt zwar nicht mehr zu den ganz Jungen, doch auch er wird vom Fieber der Landstraße gepackt.

Für einen Angehörigen der Arbeiterschicht hat er ein damals ungewöhnliches Hobby: Er fotografiert. Allein schon, um endlich einmal andere Motive als die seiner Heimatstadt vors Objektiv zu bekommen, will er für einige Zeit dem von bitterer Armut und zunehmender Verzweiflung geprägten Alltag entfliehen. Aber nicht als gemeiner Tippelbruder will er zusammen mit Berzel losziehen, sondern mit einem dritten, rollenden Weggefährten, dessen Anblick auch nach 80 Jahren noch in Staunen und Bewunderung versetzt: Mit Hilfe eines befreundeten Wagnermeisters haben die beiden in über 500 Arbeitsstunden einen aus rund 600 Erlenholzteilen bestehenden, hellbraun lackierten Fußball gezimmert, dessen Durchmesser 2,05 Meter beträgt und der zwölf Zentner schwer ist. Umzogen ist die monströse Kugel von zwei parallel zueinander laufenden, zehn Zentimeter breiten Eisenringen, die sie beim Rollen schützt und in der Horizontalen hält. Der Hohlraum ist geschickt für die Erfordernisse einer langen Reise nutzbar gemacht worden: An einer in Kugellagern ruhenden Längsachse hängt die spartanische Inneneinrichtung, zwei Matratzen und zwei Magazine zum Verstauen des Gepäcks, zu dem auch eine Kochvorrichtung gehört. Eine Deichsel und daran befestigte Brustgurte sollen es Schmid und Berzel ermöglichen, den Gigantenball genau zwei Jahre lang und ohne jede fremde Hilfe durchs Land zu ziehen und während dieser Reise auch in den verstecktesten Winkeln des Landes für den Fußballsport zu werben, dessen Popularität sich erst in den Jahren der jetzt im Sterben liegenden Weimarer Republik zum Massenphänomen entwickelt hat.

Die Herausforderung

Die Regeln, nach denen man die Herausforderung meistern wollte, sahen vor, dass man – analog zu den auf die Walz gehenden Handwerksburschen – den riesigen Ball genau zwei Jahre lang durchs Land ziehen wollte. Ganz wurde das Ziel nicht erreicht: Weil der Ball schließlich auseinanderbrach, schaffte Jakob Schmid in 16 Monaten mit insgesamt drei Partnern statt der angestrebten 10 000 Kilometer »nur« 4500, was einem Tagesdurchschnitt von 24 Kilometern entspricht. Angesichts der damaligen Straßenverhältnisse ist auch das eine Leistung, die nicht hoch genug einzuschätzen ist. 

In den Selbstdarstellungen verschwimmen Schmids und Berzels Reisemotive jedoch ein wenig. Neben der Lust auf Abenteuer, dem Drang, der deprimierenden Arbeitslosenexistenz zu entkommen, dem Wunsch, durch kurzfristiges Verweilen unter Gleichgesinnten überall im Land den Fußballsport zu feiern, und der Absicht, ein imponierendes Beispiel für körperliche Ertüchtigung zu setzen, ist in den erhalten gebliebenen Pressetexten auch andeutungsweise von einer Wette die Rede, die am Anfang gestanden haben soll, und sogar von einem »unbekannten Gönner«, der für den Erfolgsfall eine »entsprechende Belohnung« in Aussicht gestellt habe. Unterwegs verdienten sich Schmid und seine wechselnden Begleiter (Berzel erhielt auf halber Strecke überraschend einen Arbeitsplatz in einer Regensburger Zuckerfabrik und wurde durch Georg Grau, ebenfalls erwerbsloser Kicker vom 1. FCR, ersetzt, später gab es noch einen dritten »zweiten Mann«) ihren Lebensunterhalt nachweislich jedoch ausschließlich durch den Verkauf ihrer selbstentworfenen Postkarten, die für das Unternehmen warben.

Wobei Verkauf nicht ganz das richtige Wort ist, denn das gab der »Reisewandergewerbeschein«, den sie ständig und oft unter Aufwendung der letzten Notgroschen aktualisieren mussten, nicht her. Sie durften die Karten lediglich verteilen und darauf hoffen, dafür eine freiwillige Spende zu erhalten. Woran man sieht, dass auch, wenn Deutschland im Chaos zu versinken droht, in den Amtsstuben die starre Bürokratie noch perfekt funktioniert. 

Die Route

Die »Ballonauten«, wie sie sich nannten, wollten so viele unterschiedliche deutsche Gegenden wie möglich kennenlernen. Daher führte sie ihre Reiseroute, manchmal auf unbefestigten Feldwegen, zunächst in nördlicher Richtung aus ihrem Heimatort nach Oberfranken und von dort ins Vogtland.

Über Zwickau und Chemnitz ging es dann, dank eines Schlenkers nach Nordost, durch die sächsischen Metropolen Dresden und Leipzig. Nach der Durchquerung Brandenburgs und einem Aufenthalt in Berlin gelangten sie ins damals noch deutsche Stettin, von wo aus, jetzt in nordwestlicher Richtung durchs heutige Mecklenburg-Vorpommern, die Ostsee angepeilt wurde, die man bei Stralsund erreichte.

Den Gipfelpunkt ihrer Wegstrecke hinter sich lassend, zogen sie den Ball jetzt wieder gen Süden und kamen übers heutige Sachsen-Anhalt und Thüringen wieder nach Bayern, wo die Fußballhochburgen Fürth und Nürnberg sowie Ingolstadt und München Stationen waren.

Im Voralpenland lieferten die Ballonauten dann das alpinistische Bravourstück der gesamten Reise, indem sie die Passstraße bezwangen, die zum 1500 Meter hohen Wallberg hinaufführt. Sich erneut nach Norden wendend, ging es dann über Augsburg, Ulm und Stuttgart ins Badische, wo der Ball schließlich die Grenzen seiner Belastbarkeit erreichte und zerbrach.
Weitere Etappen – eine etwa sollte die Wanderer den Rhein entlang nach Norden führen – konnten somit leider nicht mehr absolviert werden.

Die Deutschlandfahrer

Ganz allein auf den Straßen waren Schmid und Berzel mit ihrem ungewöhnlichen Gefährt allerdings nicht. Aus den von Schmid in seinem »Reisebuch« (das alleine 20 Pfund wiegt!) abgehefteten Zeitungsartikeln geht hervor, dass seinerzeit diverse sogenannte »Deutschlandfahrer« unterwegs waren, die auf Spenden hofften, um so ein Leben auf der Landstraße zu finanzieren.
Da gab es unter anderem rollende Nachbauten des Ulmer Münsters und des Dresdner Zwingers, eine Miniaturausgabe des Ozeandampfers »Imperator« oder einen auf einen Leiterwagen montierten Zeppelin, dem Schmid und Berzel sogar zufällig begegneten. »Es sind vielleicht die Schlechtesten nicht, die durch den Bau von Erwachsenen-Spielzeug der vernichtenden Untätigkeit entfliehen«, kommentierte eine Stettiner Zeitung dieses Phänomen.

Das Reisebuch

Rund 1000 Fotos schoss Jakob Schmid in den zwei Jahren, die teils von verblüffender Qualität sind und die heute sowohl für Lokalhistoriker zahlreicher Regionen als auch für den interessierten Laien einen Leckerbissen darstellen. Darüber hinaus führte er auch penibel Tagebuch, in einer vielleicht ungelenken, sehr eigenwilligen, heute anachronistisch wirkenden Sprache, in der die Eindrücke, die er empfand, aber ungefiltert durchkommen.

Mit seinen Fotografien und seinen schriftlich festgehaltenen Reise-Impressionen ist dieser Jakob Schmid, der nie auch nur in die Reichweite des Privilegs einer weiterführenden Bildung gekommen war, ein Paradebeispiel dafür, dass es mit Beobachtungsgabe und Empathie gesegnete Menschen wie er sind, die der oral history die ergiebigsten Quellen liefern.

In das auch mit vielen Autogrammen und Grüßen versehene Reisebuch klebte Schmid neben seinen eigenen Fotos auch zahlreiche Ansichtskarten, Zeitungstexte, behördliche Genehmigungen und Schuldscheine, die sich zu einem einzigartigen Zeitdokument addieren.

Gastfreundschaft

Wie fast alle kings of the road machten Schmid und Berzel auf ihrer Wanderschaft höchst unterschiedliche Erfahrungen. Die Reaktionen, die sie und ihr monströser Fußball auslösten, deckten so ziemlich die gesamte Palette menschlichen Verhaltens ab. Mancherorts erfuhren sie herzliche Gastfreundschaft und aufrichtige Anteilnahme, wobei auffällig, aber kaum überraschend ist, dass sie bald zu der Erkenntnis kamen »von Regensburg bis hier her am besten vom schaffenden Volk, also vom kleinen Mann unterstützt« zu werden.

Ähnlich war die Reaktion bei den Vereinen, bei denen sie Station machten. Die Arbeitersportler zeigten sich in der Regel aufgeschlossen, während man bei Klubs, die ihre Mitglieder eher aus dem Bürgertum rekrutierten, nur mäßiges Interesse zeigte oder sich gar abweisend verhielt. »Behörde sowie Sportverein ganz nett, nur der größte Verein hat sich schmutzig benommen.«
Es kam aber auch vor, dass man sie praktisch davonjagte oder sogar die Polizei herbeirief. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass damals, gerade in abgelegeneren Ortschaften, jeder als Fremder galt, der von weiter her kam als aus dem Nachbardorf, versteht man auch, dass die Ballonauten und ihre rollende Schlafstätte nicht selten bestaunt wurden wie exotische Zirkustiere, eine Wirkung, die zur Steigerung der laufenden Einnahmen natürlich einkalkuliert war.

Brenzlige Situationen gab es eine ganze Reihe: Einmal bedrohte ein Gastwirt Schmid, der gerade seine Postkarten feilbot, mit einer Schaufel. »Er wollte mich schlagen, da ich ihn einen Stoffel nannte. Das Zuschlagen hat er sich jedoch überlegt, als er sah, dass ich nicht davonlief.« Auch in Schwarzenbach an der Saale kam es beinahe zu Raufhändeln. Ein Betrunkener »wollte unser Kruzifix, welches im Ball hing, ausreißen, er überlegte es sich, als Franz und ich ihn hart anpackten.«

Diese Erfahrungen und andere führten dazu, dass Jakob Schmid in seinen Tagebuchaufzeichnungen einige deftige Pauschalurteile über ganze Landesteile und den dort vorrangig anzutreffenden Menschenschlag hinterließ: »Kaum in Sachsen, und schon treffen wir auf Schwierigkeiten. Unsere Hoffnung auf Verbesserung schwand schnell wieder. Das kann ja lustig werden. Wir machten uns endlich auf die Füße, als wir sahen, dass die Leute etwas geistig zurück sind und suchten uns einen Platz auf einer Wiese.«

Andererseits wurden auch seine Stimmung und Vorfreude auf noch in weiter Ferne liegende Etappenziele von Kommentaren geprägt, die er unterwegs aufschnappte. »Ein Berliner, der längere Zeit bei unserem Verkauf zusah, ärgerte sich sehr, dass unsere ehrliche Sache und mutige Tat so wenig Verständnis findet, und er äußerte sich recht stark und abfällig über Bayern. Er meinte, die Bayern kennen nur ihr Bier, aber für eine mutige Tat haben sie kein Verständnis. Wir Berliner achten das sehr und schätzen so was hoch ein. Nun sind wir neugierig auf Berlin.« 

Fußballhistorisch interessierte Leser mögen sich beim Studieren der Aufzeichnungen zwar mehr Detailinformationen über die besuchten, überwiegend kleinen Vereine erhoffen und auch Genaueres darüber, wie das Werben der Ballonauten für den Fußballsport denn nun konkret ausgesehen haben mag. Dafür ziehen sich aber wie ein roter Faden Reminiszenzen an die schon damals fundamentale Bedeutung der sogenannten »dritten Halbzeit« durch das Reisebuch. Vermerke wie etwa »Abends gingen wir in die Hubmann Brauerei, wo wir mit DCK-Mitgliedern bei einem guten Tropfen gemütliche Unterhaltung hatten«, tauchen immer wieder auf.

Das Presseecho auf den Herkulesakt der Wandersleute war ebenso geteilt wie die unmittelbare Reaktion der Leute, denen sie auf ihrer Reise begegneten. Während sich die wohlwollenden Erwähnungen, aus denen gelegentlich ein naives Staunen spricht, oft bis aufs Wort gleichen (weil die Autoren wohl fleißig aus dem Standardvortrag zitierten, den Schmid bei jedem Zwischenstopp über die Motive für die Reise sowie die Entstehung und Beschaffenheit des Balles hielt), gibt es andere, aus denen, zumindest zwischen den Zeilen, eine gewisse Häme herauszuhören ist, eine Haltung, die in den Ballonauten genaugenommen nur Tagediebe sieht.
Nach der Machtergreifung der Nazis Anfang 1933, als alle Formen selbstgestalteter Lebensführung verpönt waren und schnell unterdrückt wurden, geschah dies deutlich häufiger als zu Beginn der Deutschlandfahrt. Immer wieder musste man sich von pingeligen Behördenmenschen drangsalieren lassen, denn die Erlaubnis, auf öffentlichen Plätzen zu kampieren und Postkarten anzubieten, wurde überall einer strengen Prüfung unterzogen.

In Chemnitz etwa gerieten Jakob Schmid und Franz Berzel dabei um ein Haar mitten in eine Straßenschlacht zwischen SA und kommunistischen Schlägertrupps. Schmid berichtet: »Aber nun bekommen wir einen Schreck, in Chemnitz sind Menschen ausgebrochen, heißt es. Alle Tage soll es so zugehen, ein paar Tote, das kann ja lustig werden. Nicht viel Geld besitzen und nach Chemnitz nicht reinfahren können. Wir fassten uns ein Herz, und ich fuhr in die Stadt, um selber zu sehen, ob alles wahr ist. Hallo, was ist da los, ein Überfallkommando rast durch die Stadt.«

Und weiter: »Als ich auf die Polizei kam und sie ersuchte, uns Genehmigung zu geben, dass wir Karten verkaufen konnten, bekam ich sie nach langem Laufen. Musste vom Rathaus ins Polizeipräsidium und damit in die Kreishauptmannschaft raus. Endlich bekam ich die richtige Auskunft, wohin ich mich zu wenden habe. Das war nicht weniger als in der nächsten Nähe vom Rathaus im Polizeirevier. Ist das nicht ein Blödsinn oder Unkenntnis der Beamten? Als ich mich im Polizeirevier befragte wegen der Unruhen, sagte der Beamte, es wäre nicht so gefährlich. Hier sind alle Tage Unruhen. Die Hauptsache ist, wir mischen uns nicht ein.«

Die Heimkehr

Nicht als Triumphator, aber auch nicht als Gescheiterter kehrte Jakob Schmid im August 1933 allein »nach mancherlei Enttäuschung und Entbehrung« nach Regensburg zurück. Eine nennenswerte Öffentlichkeit scheint das nicht interessiert zu haben, aber eine kurze Meldung war es der Lokalpresse dennoch wert. Nur ein paar enge Freunde und seine Mitspieler vom 1. FC, »die den Jakl seiner Geselligkeit wegen sehr gerne haben«, freuten sich und sorgten für den Rücktransport des demolierten Balles per Bahn. Das Deutsche Turnfest in Stuttgart war eine der letzten Stationen gewesen, wenig später, bei Ellwangen, brach der Ball entzwei.

Trotz der strapaziösen anderthalb Jahre, die hinter ihm lagen, nahm Schmid seine fußballerischen Aktivitäten offenbar umgehend wieder auf. »Ob der Umgang mit dem Riesenfußball dazu geführt hat, Jakls Schlagsicherheit zu erhöhen, wird sich in Bälde herausstellen, wenn er die rot-blauen Farben wieder zu vertreten Gelegenheit hat«, schrieb ein Lokaljournalist. Vielleicht dringt ja alsbald jemand tief genug in die lokale Regensburger Fußballgeschichte ein, um die Frage beantworten zu können.

Die geplante Neuauflage

Es war Jakob Schmid leider nicht vergönnt, die Nazidiktatur und den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Noch in den letzten Kriegsmonaten wurde er an der Ostfront bei einem sinnlosen Himmelfahrtskommando verheizt. Das Reisebuch überstand aber glücklicherweise die Wirren der Zeit und verstaubte, ohne dass sich jemand dafür interessierte, fast acht Jahrzehnte lang im Hause seiner Nachkommen.

Vor etwa zwei Jahren dann bekam es zufällig der Regensburger Journalist Hubertus Wiendl in die Hände, der es, von seinem Sensationsfund auf Anhieb fasziniert, transkribierte, mitsamt der Fotos digitalisierte und nun portionsweise im Internet für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Von dieser akribischen, zeitintensiven Wiederaufbereitung war es dann nur ein relativ kleiner Schritt hin zu der Überlegung: Der Ball soll, 80 Jahre später, wieder durch Deutschland rollen! Zur Realisierung dieses Ziels gründete Wiendl mit befreundeten Lehrern, Journalisten, Handwerkern und Universitätsdozenten einen Verein, der jetzt Unterstützer sucht.

Weil man aber heute natürlich nirgendwo mehr für den Fußballsport werben muss, ist Wiendls Intention, auf den Spuren der »Ballonauten« zu wandeln, eine andere: Es geht ihm um einen unverstellten Blick auf die Zeit unmittelbar vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, den Blick aus der Perspektive des Jakob Schmid, der seine Eindrücke im beeindruckenden Reisebuch für spätere Generationen festgehalten hat, frei von jeglicher Ideologie und direkt vom äußersten Rand der Gesellschaft.

Denn die Ballonauten besuchten die Suppenküchen der SA und führten Diskussionen mit Kommunisten, sie gewannen auf Polizeistationen und in verstaubten Amtsstuben tiefe Einblicke in die Funktionszentren des dahinsiechenden Staates, feierten im geselligen Kreis unzähliger zunächst fremder Fußballkameraden, die schnell zu Freunden wurden, und sie bewegten sich immer wieder im Sozialmilieu der Arbeitslosen und anderweitig Ausgegrenzten. Sie lernten die anrührende Freigiebigkeit fast mittelloser Menschen ebenso kennen wie die typische Gehässigkeit des deutschen Kleinbürgers, der bevorzugt auf denjenigen herumhackt, denen es noch schlechter geht als ihm.

»Eine weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, Migration und Integration als Reizthemen, Massenarbeitslosigkeit, fehlendes Vertrauen in die Politik und die Radikalisierung der Gesellschaft bestimmten damals den Alltag, und sie sind auch heute längst nicht passé«, unterstreicht Initiator Hubertus Wiendl seine Absichten.

Was der Grund dafür ist, dass bei der Neuauflage der ungewöhnlichen Deutschlandreise zwar die Originalstrecke bewältigt werden soll, im Unterschied zu 1932/33 aber neben Fußballvereinen auch Schulen besucht werden sollen. 11FREUNDE hat sich jedenfalls fest vorgenommen, von den Aktivitäten der »Ballonauten II« zu berichten.

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