Als Uwe Seeler einmal vom Platz flog

Skandal! Skandal!

1. Dezember 1957: Uwe Seeler fliegt im Spiel gegen Bremerhaven zum ersten und letzten Mal in seiner Karriere vom Platz. Die Fans sind außer sich und wollen seinem Gegenspieler an den Kragen. Wir erinnern daran. Als Uwe Seeler einmal vom Platz flogimago

Horst Wagenbreth sitzt im Klubheim am Hamburger Rothenbaum und versteht die Welt nicht mehr. Vor der Tür tobt ein Mob. Wütende Männer, sie heben ihre Regenschirme, ballen die Fäuste, schicken wüste Beschimpfungen durch einen Fensterspalt.

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Die Tumulte dauern nun beinahe eine Stunde, sie begannen 25 Minuten vor Ende der Partie. Uwe Seeler hatte gegen Wagenbreth zwei Kopfballduelle in Folge verloren. Nichts, was den Dicken für gewöhnlich auf die Palme brachte, doch heute war das anders. Seeler war bis zu diesem Zeitpunkt einfach nichts gelungen, bei jedem Zweikampf hatte er die Stollen des Bremerhavener Verteidigers auf den Knochen gespürt. Er schickte Wagenbreth mit einem Tritt auf den Rasen – und Schiedsrichter Walter Höfel aus Braunschweig tat das, was vor ihm noch nie jemand getan hatte: Er verwies das Hamburger Idol des Feldes.

Ein Spießrutenlauf, ein Sprung über den Zaun

Für die HSV-Fans war das zu viel. Ein Platzverweis für »Uns Uwe«. Für diesen Sportsmann. Und dazu noch am Rothenbaum, in seinem Wohnzimmer. »Ein Novum«, erinnert sich Hamburgs Oberligarekordspieler Jochenfritz Meinke, der damals wenige Meter vom Geschehen entfernt stand. »Uwe war ja ein Sportsmann, hat sich in seiner ganzen Karriere nie was zu Schulden kommen lassen. Und dennoch: Dieser Verweis war berechtigt!«

Für Wagenbreth, dem die Fans Schauspielerei vorwerfen, beginnt nach dem Platzverweis ein Spießrutenlauf. Er kann kaum noch einen Ball annehmen.. Die Fouls häufen sich, das Spiel gerät aus den Fugen, doch der »Schiedsrichter findet nicht den Mut zu einer weiteren Konsequenz« (»Sport Magazin«). Nach dem Spiel rettet sich Wagenbreth mit einem Hechtsprung über einen Zaun in Richtung Klubheim.

»Hooligans gab es ja noch gar nicht«

Dort kommt Uwe Seeler mit einem Versöhnungsbier an seine Seite: »Horst, ich weiß auch nicht, was los war«, entschuldigt er sich. Und Wagenbreth lächelt milde. Wie er den Weg zum Mannschaftsbus von Bremerhaven 93 ohne Polizeischutz schaffen soll, fragt er dann, während die Rufe der Leute lauter werden. Sie drohen nunmehr mit Lynchjustiz. »Die wollten ihm an den Kragen, doch ob es tatsächlich Prügel gegeben hätte, wage ich zu bezweifeln«, sagt Meinke. »Hooligans gab es ja noch gar nicht. Das war nicht üblich.«


Seeler und Wagenbreth beraten sich. Und wenige Minuten später steht der Hamburger mit einem langen Mantel vor seinem Kontrahenten, einen Hut hat er auch organisiert, um die markante hohe Stirn des 35-jährigen Abwehrhünen zu verbergen. Wagenbreth kostümiert sich filmreif, dann öffnet er die Tür einen Spalt – und wird prompt erkannt. Alles zurück. Die Journalisten haben sich inzwischen um Wagenbreth versammelt. Der nuschelt aber nur: »Was ist das doch für eine geistige Armut.« Und in der Ferne sieht er, wie der Bus das Gelände des Rothenbaums verlässt.

In diesem Moment kommt Seeler eine andere Idee: Er bestellt ein Taxi zum Hinterausgang. Und dieses Mal geht alles gut. Das Taxi holt den Bus im Verkehr ein und erreicht ihn am Hamburger Hauptbahnhof – derweil einige zornige Männer immer noch am Rothenbaum warten.

Die Strafe: Der HSV muss nach Bremen

Damit ist die Sache natürlich nicht gegessen: Die Presse hat ihren Eklat. In den nächsten Tagen titelt etwa das Hamburger Abendblatt: »Das hatte der HSV nicht nötig!« Und das Sport-Magazin schreibt: »Uwe vom Platz! Toller Skandal!« Zehn Tage später verhandelt der Norddeutsche Fußballverband die Konsequenzen für der HSV. Uwe Seeler wird für zwei Punktspiele gesperrt und der HSV muss sein nächstes Heimspiel gegen Meistershaftskonkurrenten Eintracht Braunschweig auf einem vermeintlich neutralen Platz austragen – in Bremen.

Der Klubverantwortlichen und Spieler sind außer sich. Sie poltern gegen den Verband und gegen den Schiedsrichter. Die Meisterschaft scheint dahin. Und Uwe Seeler? Der spricht bis heute ungern über den einzigen Platzverweis seiner Karriere. Dabei geht am Ende alles gut aus: Im Bremer Weserstadion gewinnt der HSV gegen Braunschweig nach einem 0:4-Rückstand mit 6:4, wird Norddeutscher Meister und im Mai 1958 Deutscher Vizemeister.

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