Als Uruguay Brasilien schockierte
26.06.2012

Als Uruguay Brasilien schockte

Ghiggia aus spitzem Winkel

Ein Schuss, dann verfiel ganz Brasilien in Agonie: Der Uruguayer Alcides Ghiggia erzielte den Siegtreffer im letzten Spiel der WM 1950. Vor dem Confed-Cup-Halbfinale erinnern wir an ein Tor, das Brasiliens Schlussmann Barbosa zu einem geächteten Mann machte.

Text:
Mariano Dayan
Bild:
Michael Donald

»Wenn ich dieses Finale noch einmal spielen müsste, würde ich absichtlich ein Eigentor erzielen. Am Abend des Titelgewinns waren wir noch in einer Bar, tranken ein paar Bier und beobachteten die Leute. Alle weinten, weil sie den größten Karneval aller Zeiten vorbereitet hatten und wir hatten ihn ihnen vermiest. Ich fühlte mich sehr schlecht angesichts dieser Traurigkeit.« (Obdulio Varela, Kapitän der uruguayischen Mannschaft von 1950)

Unvergessliche Spiele hat es viele gegeben in der langen Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Doch die größte Überraschung lieferte ein Tor, das noch heute ein Mythos ist: der Maracanazo. Ein Begriff, den jeder kennt und der in einem Winkel Südamerikas auch 53 Jahre später Freude auslöst.

Es war am 16. Juli 1950, dem Finaltag der ersten WM nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Spiel änderte das Leben vieler Menschen. Zum Beispiel das des brasilianischen Torhüters Moacyr Barbosa, der vor wenigen Jahren traurig gestand: »In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage.«

Die Sache mit dem »M« und dem »W«

Bisweilen standen die Leute auf und gingen, wenn Barbosa eine Bar betrat. Alcides Ghiggia dagegen zählt zu den unvergleichlichen Stars der WM-Historie. Dem uruguayanischen Stürmer gelang eines der wohl wichtigsten Tore aller Fußball-Weltmeisteschaften (manche behaupten unter gütiger Mithilfe von Barbosa), und noch heute verlangt er ein Honorar für Interviews, in denen er vom Maracanazo erzählen soll. In jenen Zeiten gab es noch nicht die heute üblichen taktischen Systeme wie 4-3-1-2 oder 3-3-2-2. Man spielte einfacher, zwangloser, ein System, bei dem sich die Spieler auf dem Platz in der Form eines über einem »M« stehenden »W« gruppierten: drei Mann fest in der Abwehr, davor zwei, die für die Spieleröffnung zuständig waren, zwei Halbstürmer, zwei Außenstürmer und in der Mitte eine klassiche Nummer Neun.

Torschütze Ghiggia erinnert sich an das Tor seines Lebens >>>

David bezwang Goliath. Brasilien hatte alles für das große Fest vor 200000 Zuschauern im eigens für die WM errichteten Maracanã-Stadion vorbereitet. Es war der haushohe Favorit bei Spielern, Fans und und Journalisten gleichermaßen, weil es die Gruppenspiele souverän gewonnen hatte, dazu kam noch der Heimvorteil. So sehr erwarteten alle einen Sieg der Brasilianer, dass sich beim Einlauf der Mannschaften die meisten Fotografen auf die Heimmannschaft konzentrierten, und die Spieler Uruguays fast allein blieben, obwohl Eusebio Tejera ihnen zurief: »Kommt hierher zu uns, denn der kommende Weltmeister steht hier!« Selbst FIFA-Präsident Jules Rimet hatte seine Glückwunsch-Rede schon vorbereitet. Gerichtet an die Brasilianer und auf portugiesisch.

 
 
 
 
 
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