Als Sandhausens Manuel Riemann Oliver Kahns Nachfolger war

Magnet im Handschuh

Die Partie SC Wiedenbrück gegen SV Sandhausen ist das vielleicht unspektakulärste Zweitrundenduell in der deutschen Pokalgeschichte. Wenn da nicht der Torhüter des Zweitligisten wäre: Manuel Riemann hat eine besondere Beziehung zum DFB-Pokal. Dies ist seine Geschichte.

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Das Hardtwaldstadion hat einen engen Kabinengang, in der Umkleide führt rechts ein Weg zu den Massagebänken. Hierher hat Manuel Riemann gebeten, in die No-go-Area sozusagen. Doch es geht nicht anders, denn der Kalender ist mit zwei anderen Terminen vollgepackt. Die Massage nach dem Training absagen, kommt nicht infrage; das Interview abblasen, nein, das will Riemann auch nicht. Also muss beides irgendwie gleichzeitig gehen. Eine Physiotherapeutin knetet Riemanns Oberschenkel durch, er liegt auf dem Rücken, das Vormittagstraining ist vor wenigen Minuten zu Ende gegangen. Es ist ein spezieller Rahmen für eine spezielle Geschichte. Die Geschichte vom Spiel seines Lebens.

Manuel Riemann ist Torwart beim SV Sandhausen. Vor dieser Saison kam er vom Drittligisten VfL Osnabrück. Einen Zweitligaeinsatz hatte er vor seinem Engagement in Sandhausen in seiner Vita stehen, außerdem 32 Regionalliga- und 117 Drittliga-Spiele. Eine Profi-Karriere abseits der Scheinwerfer. Und dennoch war Riemann vor sechs Jahren für kurze Zeit ein großer Star, Medienphänomen, deutschlandweites Gesprächsthema.

6. August 2007. Der SV Wacker Burghausen trifft im DFB-Pokal auf den FC Bayern München. Es ist das letzte Spiel der ersten Runde, ein Montagabendspiel. Der FC Bayern hat ordentlich aufgerüstet und seine neuen Stars allesamt im Gepäck. Franck Ribery bestreitet sein erstes Pflichtspiel für den Rekordmeister, Miroslav Klose ebenfalls. Alles andere als ein deutlicher Sieg gegen die gerade aus der zweiten Liga abgestiegenen Burghausener scheint ausgeschlossen. Doch es kommt anders. Weil sich Manuel Riemann, der gerade erst Stammkeepper in Burghausen geworden ist, den unzähligen Angriffen des Rekordmeisters mit allem entgegenwirft, was er zu bieten hat. Der »kicker« zählt fünf Paraden des gerade einmal 18 Jahre alten Wacker-Torhüters - zwischen der 17. und 27. Minute. Auch nach dem Seitenwechsel geht es so weiter, Riemann scheint einfach nicht zu überwinden.

Zwei Paraden, ein Treffer - gegen Kahn

»Es waren auch viele Bälle dabei, die ich einfach halten musste«, sagt Riemann heute nüchtern zu seiner Leistung. Dann verzieht er schmerzverzerrt das Gesicht. Die Physiotherapeutin kennt keine Gnade. »Und wenn man einmal drin ist in so einem Spiel«, sagt er, »wenn ein Angriff nach dem nächsten auf einen zurollt, dann ist es für einen Torhüter auch einfacher, über sich hinauszuwachsen.«

Als Burghausen durch Thomas Neubert überraschend in Führung geht, liegt plötzlich sogar eine Sensation in der Luft. Einmal jedoch ist Riemann machtlos. Miroslav Klose köpft den Ausgleich. Es geht in die Verlängerung. Danach ins Elfmeterschießen. Und die Riemann-Show geht in die finale Phase. Er pariert die Elfmeter Argentinier José Sosa und Martin Demichelis. Schließlich schreitet er selbst zum Punkt – und lässt Oliver Kahn keine Chance.



Der fünfte Wacker-Schütze Markus Pallionis kann Burghausen eine Runde weiter schießen, die Sensation ist zum Greifen nahe. Doch nun fühlt sich Oliver Kahn angestachelt, pariert erst diesen, dann den nächsten Elfmeter. Weil Christian Lell zwischendurch getroffen hat, schrammt der FC Bayern haarscharf an einer Blamage vorbei und kommt eine Runde weiter. Ein paar Monate später gewinnt er den Pokal. Und Riemann? Er ist irgendwie der Held des Abends, doch auch einer der Verlierer. Er schüttelt sich, wird für seine Paraden im Stadion gefeiert, grüßt vor laufenden Kameras seine Freundin und seine Familie und fährt nach Hause.

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