Als Rainer Rauffmann Fußballgott auf Zypern wurde

Ein Blinder wie er

Letzte Ausfahrt Zypern: Ende der neunziger Jahre wechselt der durchschnittliche Bundesligaprofi Rainer Rauffmann zu Omonia Nikosia – und wird innerhalb weniger Jahre zum größten Star der zyprischen Fußballgeschichte. Als Rainer Rauffmann Fußballgott auf Zypern wurdeOmonia Wer ist Rainer Rauffmann? Als der 30-Jährige 1997 auf Zypern landete, war er bloß ein abgehalfterter Bundesligaprofi. Seine bisherigen Vereine lasen sich Mitte der Neunziger wie die Blaupause der Graumäusigkeit: Blau-Weiß 90 Berlin, SV Meppen, Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld. Seine Referenzen: Hier und da ein paar Tore, zwei Abstiege, zuletzt war er in Bielefeld mit Ernst Middendorp aneinandergeraten, bis dieser ihn zu Strafrunden verdonnerte. »So lange, bis ich dich reinrufe«, polterte der Trainer. Doch er vergaß seinen Spieler, und so lief Rauffmann Runde um Runde. Erst nach drei Stunden erlöste ihn der Zeugwart. Der Stürmer wusste, es war Zeit zu gehen: »Mein Name war kaputt.«

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Als Rainer Rauffmann sieben Jahre später seine Karriere bei Omonia Nikosia beendete, war er das, was man gemeinhin einen »Fußballgott« nennt. Er hatte für den Klub sagenhafte 181 Tore in 152 Spielen erzielt, war zweimal Meister geworden, viermal Torschützenkönig und hätte 1998 mit 42 Saisontreffern sogar den Goldenen Schuh Europas geholt, wenn der Koeffizient der zyprischen Liga nicht so niedrig gewesen wäre. 2002 ließ er sich im Alter von 35 Jahren einbürgern und spielte in der EM-Qualifikation fünfmal für Zypern.

»Schon wieder ein Tor! Ich kann es nicht mehr hören!«

Das Land war für Rainer Rauffmann aus Kleve das Paradies auf Erden geworden: Die Sonne schien das ganze Jahr über in seinen Garten, die Buchten mit kristallklarem Wasser waren in Sichtweite, und ganz Zypern schaute jede Woche eine Comedy-Serie, in der der Hauptdarsteller immer wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlug und rief: »Rauffmann! Rauffmann! Schon wieder ein Tor! Ich kann es nicht mehr hören!« Seine Fans riefen ihn wie den großen Ronaldo: »Das Phänomen«.

Dabei war Rauffmann vielmehr Franz Beckenbauer und Gerd Müller in einer Person: Lichtgestalt und Bomber der Nation, Aushängeschild und Fußballarbeiter. »Wenn er wollte, könnte er Präsident des Landes werden«, sagte Zyperns damaliger Honorarkonsul Nicos Attas. Rauffmann wurde es nicht, er blieb Fußballgott. Und weil sich all das so leicht und zauberhaft las, folgten ihm bald andere Bundesligaprofis nach Zypern: Stefan Brasas, Holger Greilich oder Marco Haber. Später kamen noch Paolo Rink und Heiner Backhaus.

»Ein Blinder wie ich würde dort heute keine 40 Tore mehr schießen«

Als sich der zyprische Verein Anorthosis Famagusta 2008 überraschend für die Champions League qualifizierte und dort auf Werder Bremen traf, stürzten sich die deutschen Medien auf den Landeskenner und mittlerweile als Trainer tätigen Rainer Rauffmann. Er, die einstige Persona non grata der Bundesliga, analysierte nun fachkundig die gewachsene Qualität des zyprischen Fußballs oder berichtete von der Jagd auf Talente von der Mittelmeerinsel. »Ein Blinder wie ich«, sagte er dann gerne. »Ein Blinder wie ich würde dort heute keine 40 Tore mehr schießen.«

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