Als Offenbach den DFB-Pokal gewann

Sie brauchten keinen Overath

Außernseiter vor! Der Pokalgewinn der Offenbacher Kickers war eine der größten Sensationen der DFB-Pokalgeschichte. Wir erinnern an das Finale von 1970 als die Kickers überhebliche Kölner niederrungen.

Ein schöner Sommertag, Ende August in Hannover. Am Flüsschen Leine, unweit des Niedersachsenstadions, feixen junge Burschen, gut angeheitert und offensichtlich euphorisiert von einem Fußballereignis. Eine rot-weiße Fahne steckt im Gras der Uferböschung, die Jungs feuern drei Kumpels an, die prustend das Gewässer durchschwimmen. »Überall nur Verrückte«, knurrt ein älterer Herr mit Hund. Denn inmitten all der lärmenden Fußballfans, die zwischen Maschsee und Hauptbahnhof die Innenstadt bevölkern, fallen die Leineschwimmer kaum auf. 

Eine Stunde ist es her, dass Kickers Offenbach zum Deutschen Pokalsieger gekürt wurde, was nicht nur die Emotionen der vielen tausend mitgereisten Fans erklärt, sondern auch die Einlösung einer Wette verlangt. »Wenn wir gewinnen sollten, springen wir in die Leine«, hatten sie in Offenbacher Fankreisen getönt, angesichts des favorisierten Gegners ein überschaubares Risiko.

»Dieses Opfer musste gebracht werden«, sagt heute Manfred Kehm, einer der Schwimmer. »Aber wie das immer so ist: Alle haben es lautstark verkündet und am Ende waren wir nur zu dritt.« 

Im Vorfeld waren die Rollen zwischen den Teams klar verteilt gewesen: auf der einen Seite der in der Bundesliga etablierte 1. FC Köln mit vier Nationalspielern im Kader, auf der anderen Aufsteiger Kickers Offenbach, gerade zum zweiten Mal in die Eliteliga befördert. In der Geschichte des DFB-Pokals wird der Überraschungserfolg des OFC als erster Sieg eines unterklassigen Vereins geführt, aber das stimmt nicht so ganz. Denn nur die erste Runde des DFB-Pokals fand auch wirklich in der Saison 1969/70 statt. Alle weiteren Spiele wurden erst nach der Sommerpause ausgetragen – und zwar sehr gerafft im August. Grund war die frühe WM in Mexiko vom 31. Mai bis 21. Juni, bei der die deutsche Elf mit den Kölnern Kapellmann, Löhr, Overath und Weber Dritter wurde. Deshalb spielten die Kickers die weiteren Pokalpartien als Erstligist und bereits mit ihrem Bundesligakader. 



Canellas herrschte am Bieberer Berg wie einst Napoleon in Frankreich

OFC-

Präsident Horst-Gregorio Canellas wollte mit Offenbach hoch hinaus. Seine oberste Maxime lautete: »Wir wollen nicht mehr schlechter als Frankfurt stehen!« Doch verantwortlich für den Siegeszug des OFC im Pokal war vor allem Interimstrainer Kurt Schreiner. Der ehemalige Außenläufer der Kickers hatte schon einmal als Trainer erfolgreich ausgeholfen. Dass er den Posten des Cheftrainers abermals übernahm, verdankte er einer Reihe unvorhersehbarer Ereignisse, die »typisch Canellas« waren. Der Südfrüchtehändler herrschte am Bieberer Berg wie einst Napoleon in Frankreich, Trainer waren ungeachtet vertraglicher Vereinbarungen ihres Jobs selten sicher. Diese Erfahrung machte auch Zlatko »Tschik« Cajkovski, der die Kickers immerhin zur Meisterschaft in der Regionalliga Süd und erfolgreich durch die Aufstiegsrunde geführt hatte. Das Unternehmen Bundesliga indes traute ihm Canellas nicht zu und verpflichtete kurzerhand den Dortmunder Aki Schmidt. Der aber konnte sein Amt nicht wie geplant am 1. Juli 1970 antreten, weil er mit seinem Auto in eine Baustelle gerauscht war und noch an den Unfallfolgen laborierte. Also bat Canellas Schreiner: »Kurt, du musst das noch mal machen!« Der damalige OFC-Keeper Karl-Heinz Volz schwärmt vom Offenbacher Interimscoach: »Schreiner führte als Trainer ganz moderne Dinge ein. Viele sprechen heute ehrfurchtsvoll vom FC Barcelona mit seinem schnellen Kurzpassspiel. Wir übten unter Schreiner Tag für Tag nichts anderes.« 



Voller Vorfreude brach die Kickers-Gemeinde Ende August nach Hannover auf. Der OFC-Tross bezog Quartier im Parkhotel Laatzen, die Ankunft wurde von einem Team der »Tagesschau« gefilmt. Am ersten Abend ging die Mannschaft ins Kino und schaute den »knallharten« (»Offenbach-Post«) Italo-Western »Django« mit Franco Nero in der Hauptrolle. Zusätzlich motiviert waren die Kickers-Spieler durch eine vorangegangene Begegnung mit den Akteuren des 1. FC Köln in der mittelhessischen Sportschule Grünberg. Dort hatten sich beide Teams auf die neue Saison vorbereitet, und als der OFC ein Testspiel gegen den Amateurklub Lollar nur mühsam gewann, spotteten einige Kölner über die Leistung des Bundesliganeulings. Da ahnte keiner, dass man sich so schnell wieder sehen würde. Für die Fans wurde zum Endspiel ein bewirtschafteter Sonderzug eingesetzt, der am Finaltag um 11.14 Uhr Offenbach planmäßig verließ und in Mühlheim, Hanau und Gelnhausen weitere Kickersfans aufnahm.

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