01.06.2013

Als Offenbach den DFB-Pokal gewann

Sie brauchten keinen Overath

Seite 2/3: »In Göttingen war das Bier alle!«
Text:
Volker Goll
Bild:
Imago

Unter den Zugreisenden befand sich auch Heinz Fröhlich, der sich mit einem Freund etwas Besonderes für den großen Tag ausgedacht hatte. Weil er als gelernter Feintäschner gut an Stoff herankam und sein Kumpel leidlich zeichnen konnte, entwarfen die beiden ein Transparent für das Pokalfinale, mit dem sie in Offenbach stadtbekannt wurden. Nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen des darauf verewigten Spruchs, der in erster Linie der eigenen Mannschaft Mut machen sollte: »Wir brauchen keinen Overath – der OFC ist so auf Draht«. An den Sonderzug kann sich Fröhlich noch erinnern, nicht aber an einzelne Zugstopps oder »ob es überhaupt Haltestellen gab«. Eines zumindest weiß er noch immer: »In Göttingen musste gehalten werden, weil das Bier alle war.«



Vom Bahnhof ging es – damals noch ohne großes Polizeiaufgebot – geradewegs ins Stadion. Die Hannoveraner beäugten die rot-weiße, mehrheitlich angetrunkene Menschenmenge mit einer gewissen Zurückhaltung, auch wenn die Jungs und Mädels mit ihren von Oma oder Mama gestrickten Schals und den ebenfalls handgenähten Fahnen eher goldig ausgesehen haben. Natürlich traf man auf dem Weg auch viele selbstbewusste Kölner, die nur an die Siegesfeier danach dachten. »Zoff in dem Sinn gab es damals noch nicht«, sagt Heinz Fröhlich. »Wir wollten zum Fußball und nichts anderes.« 

Im Stadion waren die Blöcke getrennt, es dominierte zwangsläufig die beiden Klubs gemeine Farbkombination rot-weiß, wenngleich die Kölner in der Mehrzahl waren. Schätzungen gehen von 5000 bis 8000 Offenbachern und bis zu 15 000 Kölnern aus. Wie man es aus Offenbach gewohnt war, sammelte sich das Gros der OFC-Fans auf der Gegengerade in Höhe der Mittellinie.

»Alle einen Stehplatz«

»Wir hatten alle Stehplatz«, erzählt Manfred Kehm. »Im Stadion konnte man sich frei bewegen. Von daher war es klar, dass wir dort stehen, wo wir auch in Offenbach immer standen.«

Trotz des bis dahin Erreichten herrschte im Umfeld des hessischen Traditionsklubs zunächst Bescheidenheit. Verteidiger Seppl Weilbächer gab als Ziel aus: »Wir wollen nur nicht so hoch verlieren.« Über eine Siegprämie hatte man gar nicht erst gesprochen. Am Tag des Endspiels wurde die Elf wieder von Aki Schmidt betreut, der sich mittlerweile gesund gemeldet hatte. Klugerweise beschloss Schmidt, das erfolgreiche System seines Vorgängers zu übernehmen. Das Stadionrund war erwartungsfroh, aber mit etwa 50 000 Zuschauern nicht ausverkauft, und das, obwohl die ARD nicht live übertrug, sondern lediglich Ausschnitte in der »Sportschau« zeigte. Die Begegnung erschien wegen ihres vermeintlich klaren Siegers wohl zu unattraktiv.

»Vielleicht können wir das ein wenig halten«

Schon kurz nach dem Anpfiff verdeutlichten die in Rot spielenden Offenbacher ihrem in Weiß gekleideten Endspielgegner, dass sie nicht nur kämpfen, sondern auch spielen konnten. In der 25. Minute setzten die Kickers das erste Ausrufezeichen, als Klaus Winkler zwei Kölner Verteidiger austanzte – Karl-Heinz Thielen wirkte dabei für den Bruchteil einer Sekunde wie zur Salzsäule erstarrt – und Torwart Manglitz mit einem fein gezirkelten Schuss in die lange Ecke keine Chance ließ. Im Offenbacher Lager herrschte trotzdem nur verhaltener Optimismus. »Vielleicht können wir das ein wenig halten«, lautete das vorsichtige Credo auf den Rängen zur Halbzeit.



Nach dem Seitenwechsel drängte die Geißbockelf mit aller Macht auf den Ausgleich. Doch gegen die körperbetont agierenden Offenbacher erwiesen sich ihre ungestümen Bemühungen als untauglich. Wie an einer Gummiwand prallte der Ball immer wieder zurück, und so kam es, wie es kommen musste: Die mal wieder mit Mann und Maus vorgerückten Kölner verloren den Ball, worauf der Ex-Essener Horst »Pille« Gecks zu einem Solosprint über 60 Meter ansetzte und dem FC-Keeper »ein raffiniertes Schüsschen versteckelte« (»Offenbach-Post«). Auf der Kickers-Bank sah man danach nur ein übereinander fallendes und springendes Menschenknäuel, mittendrin Präsident Canellas, der entgegen dem DFB-Protokoll nicht in der Ehrenloge Platz genommen hatte.



Erst der 1:2-Anschlusstreffer durch Hannes Löhr gab den Kölnern Auftrieb, und sieben Minuten vor dem Ende ging plötzlich ein Weißer im Offenbacher Strafraum zu Boden. Einen Schwächeanfall des Kölners Bernd Rupp (»Gefallen wie später Holz im 74er Endspiel«, O-Ton Volz) interpretierte der Unparteiische als Regelwidrigkeit und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Wilde Proteste der Kickers-Akteure, und auch auf den Rängen sorgte die Entscheidung von Schiedsrichter Schulenburg für Tumulte. »Ein großer, farbiger Hüne drosch den Ball vom Elfmeterpunkt«, erinnert sich Volz. »Den habe ich dann noch beruhigt.« Volz meint, mehrheitlich Zuschauer aus Hannover ausgemacht zu haben, die den allgemeinen Unmut zum Anlass nahmen, mit einem Platzsturm ihr Mütchen zu kühlen. Die Fans selbst sehen das etwas anders, namentlich Fröhlich und Kehm, die allerdings auf ihren Plätzen blieben. »Das waren Offenbacher«, sagt Kehm. »Ich glaube, der Große, der den Ball vom Elfer kickte, war einer aus der OFC-Boxabteilung.«


 
 
 
 
 
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