Als Maradona fast nach Brandenburg kam

Das Tor, das nicht fallen durfte

Im Spiel zwischen Brandenburg und Leipzig steht es 2:2. Bleibt es dabei, ist Lok Meister und Stahl als Vierter der Tabelle für den UEFA-Pokal qualifiziert. Dann aber trifft Brandenburg zum 3:2 – und besiegelt sein Schicksal. Als Maradona fast nach Brandenburg kamMareike Foecking
Heft #68 07 / 2007
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»Natürlich wollten wir das Spiel gewinnen.« Falk Zschiedrich sitzt auf einem ausladenden, grüngemusterten Ecksofa in einem Passauer Einfamilienhaus. Außen leuchtet das Haus frisch und gelb, mit einem hölzernen Balkon, drinnen ist noch kaum ein Kratzer auf dem Furnier. Vor fünf Jahren bauten die Zschiedrichs, das Wohnzimmer ist spärlich möbliert und wirkt noch neu. Falk Zschiedrich ist ein schmaler, fast möchte man sagen, zarter Mann. Er versinkt ein wenig im Fauteuille. Das Spiel, das auch Zschiedrich gewinnen wollte, war das vorletzte Heimspiel der DDR-Oberliga 1987/88.


Am Morgen feiert Erich Honecker in der sowjetischen »Prawda« die »Großtaten im Namen der Zukunft« – es ist der 43.Jahrestag des Sieges der Alliierten über Hitlers Deutschland. Weiter westlich bestreitet Björn Engholm den letzten Tag der schleswig-holsteinischen Landtagswahlen. Und auf den Rängen des kleinen Stadions an der Quenzbrücke peitschen 15000 Zuschauer ihre BSG Stahl nach vorn. Es läuft die Nachspielzeit gegen den Tabellenführer Lok Leipzig. Jeske führt den Ball im Rücken der Abwehr, aber Schiedsrichter Kirschen pfeift den Vorteil ab. Voß und Kapitän Ringk stehen zum Freistoß bereit. Der Ball liegt zentral, etwa 20 Meter vor dem Tor von Lok.

Die 28. Saison war »eine der spannendsten, dramatischsten Meisterschaften seit der Oberliga-Etablierung«, wie nach dem letzten Spieltag der Kommentar der »Märkischen Volksstimme« bemerken sollte. Über das Spiel gegen den Favoriten und Meisterschaftsanwärter 1.FC Lok Leipzig im »Stadion der Stahlwerker« schrieben die »Brandenburger Neueste Nachrichten«: »Es war ein packendes, über weite Strecken gutklassiges Oberligaspiel.« Zweimal haben die Brandenburger geführt, zweimal holt die spielerisch überlegene Lok auf. Vor allem der junge Bernd Hobsch drängt immer wieder nach vorn. Lok steht im Moment vor dem verhassten Erich-Mielke-Verein BFC Dynamo Berlin an der Spitze der Tabelle. An dritter Stelle hat Dynamo Dresden bereits zu viele Punkte Rückstand um noch ins Meisterschaftsrennen einzugreifen. An vierter Stelle rangiert die Betriebssportgemeinschaft des Brandenburger Stahlwerkes. Die Konstellation ist tückisch, im Heimspiel gegen Lok steht viel auf dem Spiel: Wenn Lok in Brandenburg gewänne, wären sie der Meisterschaft sehr nahe, am Pokalsieg von BFC Dynamo gegen den erheblich schwächeren FC Carl Zeiss Jena zweifelt niemand. Lok würde im Europapokal der Landesmeister, der Tabellenzweite BFC im Pokal der Pokalsieger antreten. Damit hätte die Liga einen lachenden Verlierer, Stahl würde sich hinter Dynamo Dresden als Vierter der Tabelle für Europa qualifizieren.

»Eigentlich wollten wir das Spiel nicht gewinnen«


Zwei Jahre zuvor hatten sich die Brandenburger schon einmal überraschend für den UEFA-Cup qualifiziert. Mit einem besseren Torverhältnis waren sie Tabellenfünfter geworden und profitierten von drei Europacup-Plätzen, die die DDR damals noch zugeteilt bekam. In der ersten Runde gewannen sie gegen den irischen FC Coleraine, bevor gegen IFK Göteborg das Aus kam. Die Spiele in Brandenburg sind unvergessen, die Mannschaft blieb größtenteils zusammen. Falk Zschiedrich spielt zu dem Zeitpunkt noch bei Stahl Riesa, dem sächsischen Oberligaklub des Stahlkombinats. In der Winterpause 1987/88 wechselt er nach Brandenburg. Das Spiel gegen Lok Leipzig verfolgt er zunächst von der Bank, in der 82.Minute wechselt ihn Trainer Peter Kohl ein. Falk Zschiedrich ist noch frisch.

Der Kapitän wird schießen. Christoph Ringk läuft an und schlenzt den Ball über die Mauer. Zwischen den Pfosten steht der ehemalige DDR-Fußballer des Jahres, René Müller. Er hütet auch das Tor der DDR-Auswahl. Der Schuss dreht sich über die Mauer, Müller streckt sich und klatscht den Ball zur Seite. Falk Zschiedrich ist dem Verteidiger entwischt und läuft dem Ball in Richtung der rechten Eckfahne nach.

Falk Zschiedrich arbeitet heute als Briefträger in Passau. »Nicht der Traumjob, aber da bin ich am frühen Nachmittag wieder zu Hause.« Noch immer ist er drahtig, mit schmalen Schultern und scharf gezogenen Gesichtszügen. Die ehemals blonden Strähnen, die auf älteren Bildern auch mal zur Kunstlocke gerollt waren, sind stiftgrade nach oben geföhnt und dunkelgrau. Noch immer trägt er den einst so beliebten Oberlippenbart, nur raspelkurz – so als hätte er sich von einem alten Freund, der einem zwar etwas unangenehm geworden ist, noch nicht so richtig lösen wollen. Zschiedrich sitzt auf seiner Sofaecke und der Besucher hat das Gefühl, dass alles auch ganz anders hätte verlaufen können. »Nein«, sagt er plötzlich, »eigentlich wollten wir das Spiel nicht gewinnen.«

Zschiedrich, mittlerweile 45 Jahre alt, hat das DDR-Aufbau- und Auswahl-System durchlaufen. Er wurde in Radeberg geboren, »da wo das Bier herkommt«, beeilt er sich zu sagen, wahrscheinlich wird in Niederbayern die Deutschlandkarte noch nach Biersorten geordnet. Er spricht mit weichem sächsischen Klang, unter die sich nur vereinzelt die rauen, abgehackten Worte seiner niederbayrischen Wahlheimat mischen.

In der Dresdner Kinder- und Jugendsportschule und im Nachwuchs wird er auf die Oberliga getrimmt. Zweimal täglich trainieren sie, Athletik und Kraftwerte stehen im Vordergrund, über 20 Stunden in der Woche. Das Leben ist angenehm, »als Fußballer waren wir klar privilegiert«, sagt Zschiedrich. Neben hartem Training spielt auch die Sportmedizin eine Rolle, erzählt Zschiedrich. »Jeder hat kleine Schälchen mit bunten Pillen bekommen. Vitamintabletten hieß es.« Laufen konnten sie dann wie Leichtathleten, die Kräfte schienen unendlich. Schon als Jugendlichen in der Sportschule wuchs den Schwimmerinnen das Kreuz und gelegentlich der Bart auf den Oberlippen. Vor den Spielen musste in Dresden die ganze Mannschaft ran. »Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass das Doping war. Wir mussten vor den Spielen in den Keller, in den Arzttrakt. Und schon eine halbe Stunde vor Anpfiff waren wir richtig fickrig.« Zschiedrich sitzt auf dem Sofa und schüttelt sich die ausgestreckten Arme. Er will zeigen, wie fickrig geht.

Neben systematischem Doping gab es noch andere Eigentümlichkeiten in der DDR-Oberliga. »Da wurden auch Spiele verschoben.« Zschiedrich sagt das, wie er guten Tag sagt. Geldkoffer machten die Runde und die Schiedsrichter »hatten schon den Parteiauftrag, den BFC Dynamo zum Meister zu machen.« Auch in Brandenburg fand ein Geldkoffer einen Abnehmer. »Unser Torwart hat das einmal zugegeben, nachdem er einen Elfmeter verschuldet hatte und ungefähr drei Meter neben das Tor gesprungen ist.« Das Fernsehen war dabei und die Verwunderung groß. Immerhin, im Mannschaftskreis gab der Torwart alles zu. »Das wurde dann recht teuer für ihn – er musste einige Abende ausgeben.«

Darüber hinaus mischte die Stasi mit. Hanns Leske hat in seiner umfangreichen Dissertation herausgefunden, dass über 40 Jahre die entscheidenden Personen des DDR-Fußballs Rudi Hellmann, Manfred Ewald und Erich Mielke hießen. Sie waren Abteilungsleiter Sport beim ZK, DDR-Sportbund-Präsident und Minister für Staatssicherheit. Sie organisierten, begünstigten, drangsalierten, bespitzelten, manipulierten Sport und Sportler. Dabei fanden sie eilfertige Unterstützer – selbst die Großen, Spieler wie Ulf Kirsten, spätere Trainer wie Eduard Geyer, etliche Schiedsrichter – viele arbeiteten irgendwann für die Staatssicherheit. »Vielleicht um die Karriere nicht zu gefährden und sich die Möglichkeit für die Auswahl und internationale Einsätze zu bewahren.« Zschiedrich sagt solche Sätze mit farbloser Stimme, in der Fatalismus, Gelassenheit und Pragmatismus ineinander fließen. Er lehnte die Aufforderung zur informellen Mitarbeit ab. »Da musste ich nicht groß drüber nachdenken.« Das war nicht selbstverständlich, seine Karriere begann bei einem der Vorzeigevereine der DDR. Neben dem BFC Dynamo stand der Polizeiverein Dynamo Dresden unter besonderer Fürsorge des Mielke-Imperiums.

Diese Fürsorge organisierte den größten Bruch im seinem Leben. Als 17-Jähriger hatte er sich hochgearbeitet in der starren Hierarchie der ersten Mannschaft, hatte auf den Platz geschleppt, was dort vonnöten war, nach dem Training Bälle und Leibchen wieder eingesammelt, die Schuhe der älteren Kollegen geputzt. »Das war sehr streng damals. Ich war der Jüngste, musste meine Leistung bringen und den anderen zu Diensten sein. Und dann haben sie mich auch mal mitgenommen auf ein Bier.« Er schien sich als Nachwuchsspieler durchzusetzen, wurde eingeladen mitzukommen, mit den Großen, mit Hans-Jürgen »Dixie« Dörner und Konsorten. »Als Einziger meines Jahrgangs!« Noch fast 30 Jahre später durchzuckt der Stolz des jungen Falk seinen Körper, er schlägt mit der Handkante auf den Tisch. Doch plötzlich wurden Pläne des Dresdner Spielertrios Kotte, Weber und Müller bekannt, sie wollten sich bei einem Länderspiel absetzen. Die Staatssicherheit reagiert sofort und macht auch Zschiedrich einen Strich durch die Karriere, schreibt sein Leben um. »Die Firma« durchsucht nun penibel den Spielerstamm von Dynamo nach Westkontakten, Absatzbewegungen, Dissidenz. Man wollte jetzt ganz sichergehen.

»Meine Freundin hatte über ihre Mutter Schwestern im Westen, da hat mich der Verein vor die Wahl gestellt. Trenn dich von ihr, oder du musst gehen.« Zschiedrich war noch nicht verheiratet – der klassische Hochzeitsgrund in der DDR fiel weg, er hatte als Fußballer bereits eine eigene Wohnung. An der Schwelle zu seinem Lebenstraum musste er sich plötzlich entscheiden: »Da habe ich mir gedacht, Fußball spielste vielleicht bis du 35 bist. Meine Frau wird mein ganzes Leben da sein.« Wieder ballt der Ton Unaufgeregtheit und Pragmatismus aneinander. Keine Heldengesänge, kein Selbstmitleid.

»Aber das Auge, das hatte ich«


Doping, Bestechung, Schiebung, konnten Sie ihren Beruf ernst nehmen, Herr Zschiedrich? »Doch, auf jeden Fall. Wir hatten es gut in der DDR, bekamen was wir wollten und konnten uns auf den Sport konzentrieren.« Zschiedrich erzählt von Belohnungsreisen nach Berlin, Meissener Porzellan, Trainingslager im Ausland. Er ist einer der Besten seines Jahrgangs. Nach dem Gespräch in der Präsidentenetage wurde er zu Stahl Riesa delegiert, in der Nähe sollte er schon bleiben. »Die dachten sich, vielleicht hält die Beziehung ja nicht und dann können wir ihn zurückholen.« Dazwischen liegt die Militärzeit und zwei Jahre beim Armeesportverein »Vorwärts Kamenz«. Zschiedrich wurde in die Provinz geschickt, er spielt jetzt für eine BSG.
Viele Erinnerungsstücke aus seiner Karriere haben es nicht in das saubere Haus der Zschiedrichs geschafft. Ein sorgfältig angelegtes Fotoalbum ist das einzige Stück, das die Vergangenheit erzählt. Die Mutter sammelte Bilder und einige Zeitungsausschnitte. »Ich habe mich da nie drum gekümmert und bei jedem Umzug ist etwas weggekommen«, lächelt Falk. Immerhin, er findet einen eingeklebten Artikel und liest vor. In der Nachricht war der junge Falk Zschiedrich Spieler des Tages in Riesa. Kein schneller Spieler sei er gewesen, »aber das Auge«, er tippt sich an die Wange, »das hatte ich.« Vielleicht war das ausschlaggebend vor 20 Jahren.

Müllers Abpraller fällt genau vor die Füße von Falk Zschiedrich, der hat keine Mühe den Ball über den am Boden liegenden Nationaltorhüter zu schießen. Der Ball schlägt unter der Latte ein. Wenig später beendet der Schiedsrichter die Begegnung. Die BSG Stahl Brandenburg gewinnt durch das späte Tor gegen den 1. FC
Lok Leipzig 3:2.

»Gelungene Dramaturgie für ein doch noch hochzufriedenes Publikum«, fasst die »Volksstimme« zusammen, Kapitän Ringk glaubt im Interview, dass mit drei Punkten aus den noch ausstehenden Spielen, die Europacupqualifikation noch zu schaffen sein könnte. »Über das Tor gegen den Müller habe ich mich natürlich gefreut«, sagt Zschiedrich und legt die Hände zusammen. Er hatte nur gemacht, was er von Kindesbeinen übt. »Ich bin dem Freistoß nachgegangen, so wie das jeder Stürmer macht. Dabei war das eher ein Heber, ich dachte, den hält der Müller sowieso und plötzlich fällt mir der Ball vor die Füße. Das war ein Reflex.« Ja, sie hätten sich gefreut. Zu Hause vor vollem Haus. Außerdem, René Müller, der Nationalkeeper. Die Ränge jubeln sowieso, unter den Augen von Rudi Hellmann hatte die BSG wieder gegen einen FC gewonnen, die ganze Stadt schien auf den Beinen. Die, die dabei waren, berichten noch heute, dass der Schlachtruf »Stahl – Feuer« noch Stunden nach dem Spiel durch die Schluchten der Plattenbausiedlung hallte. »Wir haben hier immer auf Sieg gespielt«, nickt 20 Jahre später Gerhard Buschatzky, der heute die Mannschaft der Alten Herren trainiert. »Hier bei Stahl konntest du nicht einfach so ein Spiel hergeben. Wir waren eine BSG, wir mussten die Dinge ein bisschen anders machen.« Die Geschichte jenes Samstagnachmittags lässt sich auch als Spiegel der internen Machtkämpfe des DDR-Fußballs lesen.

Die Oberliga teilte sich auf, in die von den Funktionären des Systems gehätschelten Fußballklubs, die Christoph Ringk noch heute »Leistungsklubs« nennt, elf Stück an der Zahl, und die Betriebsgemeinschaften. »Die BSGen sollten die Liga doch nur auffüllen.« Auch Ringk kommt von einem Leistungsclub, »Vorwärts Frankfurt«, dem Armeeverein. Ihn hat die Großmutter nach Brandenburg gebracht, sie war nämlich in den Westen ausgereist. Das kostete Ringk Auswärtsspiele im UEFA-Cup, vielleicht den Weg in die Nationalauswahl. Er wurde nach Brandenburg delegiert, weil die Planer vielleicht hofften, nie wieder von ihm zu hören. »Die Betriebsmannschaften wurden unterdrückt« sagen alle, die man darauf anspricht. Und auf jeden Fall sagt das Gerhard Buschatzky, den alle Walter rufen, weil schon sein Vater so hieß. Buschatzky war fast von Anfang an dabei. Und der Anfang war 1950, da war das Stahl- und Walzwerk noch kein Jahr alt.

Stahl aus Schrott verarbeiteten sie in Brandenburg schon ab 1914, in der Weimarer Republik kaufte der Flick-Konzern die Anlagen und führte sie zu der Mitteldeutschen Stahlwerke AG zusammen. Nach Demontage, Wiederaufbau und einigen Modernisierungen produzierten die Anlagen am Silokanal ein Drittel der Rohstahlproduktion der DDR. Im »VEB Qualitäts- und Edelstahlkombinat Brandenburg« arbeiteten fast 10000 Menschen. Das Werk verhalf der Stadt in den 70er und 80er Jahren zu ihrer Blütezeit. Brandenburg wuchs bis an die Grenze von 100000 Einwohnern, so viele wie nie wieder. Rings um das Stahlwerk wucherten Plattenbausiedlungen, so rasch, dass es an der so genannten »freizeitorientierten Infrastruktur« mangelte. Die örtliche Parteiführung bemerkte das Dilemma und stellte in einem undatierten Dossier Ende der 70er fest: »Eine gewisse Langeweile beklagen manche jungen Leute«, es gäbe »noch zu wenige Möglichkeiten, in der Freizeit etwas loszumachen.« In den Neubaugebieten wohnten über 40000 Menschen, der Fußball war die Gelegenheit Freizeit zu gestalten, Identifikation zu stiften, soziale Probleme zu übertünchen. Das ›Stadion der Stahlarbeiter‹, auf Abraumschutt errichtet, war der geeignete Ort dafür.
Mit der Hilfe des Werkes wurde die BSG Stahl gefördert, Spieler wurden besorgt und stückweise von der Arbeit im Werk freigestellt. Trainer, Platzwarte, medizinisches Personal – alles wurde professionalisiert und über das Stahlwerk bezahlt.

Raseningenieure nannte man das gerne. Der Erfolg kam in den 80er Jahren, 1984 Aufstieg in die Oberliga, im Jahr drauf beendete die BSG die Oberliga-Saison als überraschender Tabellenfünfter, mittendrin immer Christoph Ringk. Der Verein eröffnet die neue Haupttribüne mit 1000 Sitzplätzen. Um an Karten zu kommen, werden schwierige Tauschgeschäfte angestellt, das Stahlwerk baut eine selbsterdachte Anzeigentafel für das »Fußballkollektiv« auf.

»So sicher wie ’ne Bank«

Der Ingenieur in Rente Walter Buschatzky (62), der ehemalige Zuständige für die Versorgung der Fußballer der BSG Stahl, Richard Wernitz (69) und Klaus Woltersdorf (67), der auch im Stahlwerk arbeitete, sitzen in einem VIP-Raum im Bauch der kleinen Tribüne. Sie haben alle irgendwie einmal bei der Werksmannschaft gespielt, trainiert oder das Drumherum organisiert. Jetzt sind sie Teil der Alten Herren und treffen sich jeden Donnerstag, »so sicher wie ’ne Bank«, sagt Wernitz. Ein paar Bier, ein Kurzer und Geschichten aus der Vergangenheit. Sie freuen sich, dass das Stadion akkurat gepflegt wird, sind stolz auf den renovierten VIP-Raum. Die Wände in Vereinsfarben, Weiß und Blau. Außerdem hängen die wichtigsten Erfolge, die Sponsoren und in großformatigen Porträts die erfolgreichsten Spieler an der Wand. Steffen Freund, Roy Präger, Frank Jeske. Aus der Zeit vor der Wende haben noch ein paar Tische überlebt und mancher Pullover, den die Alten Herren tragen. Donnerstagabends erzählen sie sich hier gegenseitig die Erfolge der BSG, die Aufstellung der Gegner oder die schwierigen Bedingungen gegen BFC Dynamo. Der Pegel in den Bierflaschen sinkt und im Raum wird es laut vor all den Erinnerungen. Jeder übertönt den anderen, jeder kennt andere Details, jeder auf seine Weise.

»Vielleicht kann man das so sagen: Zu uns kamen doch immer die, die anderswo durch den Rost gefallen sind«, Wernitz grinst. Spieler wurden grundsätzlich zu ihren Vereinen delegiert, der Wechsel zu kleineren Mannschaften war auch als Strafe gedacht. Torwart Zimmer war aus Jena gekommen, dort wurde er nach angeblich politischer Betätigung im studentischen Umfeld gesperrt. Ringk kam 1981, nachdem er ein halbes Jahr keinen regelmäßigen Sport machen durfte. Der Jeske Frank – wie ihn Zschiedrich fortwährend nennt – war abseits des Spielfelds ziemlich lebensfroh, er mochte Alkohol, gute Laune und schöne Frauen. »Wir waren eine bunte Truppe«, sagt Zschiedrich, Ringk erzählt von einer »verschworenen Gemeinschaft«.

»Zu uns kamen Spieler, die bei den FCs als undiszipliniert galten, oder die nicht in deren System passten. ›Erzieht die mal‹, hieß es dann. Und wenn sie plötzlich gut spielten«, Buschatzky kratzt sich etwas am Kinn, »dann wollten die FCs die auch schnell wieder haben.« Vorwärts Frankfurt habe alles daran gesetzt ihn, den Kapitän, sperren zu lassen. Von der Ligaführung wurden die BSGen generell drangsaliert. Uta Klaedtke, die für einen Aufsatz im Sammelband »Sport in der DDR« den schmalen Grat der Stahl-Fußballer »zwischen politische Anpassung und betrieblichem Eigensinn« untersucht hat, weiß von inszenierten Finanzrevisionen zu berichten. Ausgaben für Spieler und Infrastruktur sollten kontrolliert werden, mit dem Ziel »die Betriebssportgemeinschaften parteipolitisch weiterhin zu reglementieren und die inoffizielle leistungssportliche Hierarchie zu wahren, an deren Spitze Polizei- (bzw. Staatsicherheits-) Fußballclubs standen und an deren Abstiegsplätzen lediglich die Betriebssportgemeinschaften erwünscht waren.«

Sport und Politik waren untrennbar verbunden. Das Schicksal der BSGen hing vom Generaldirektor ab. In Brandenburg war dies Hans-Joachim Lauck. »Der kam 1970 und von da an wurde hier anders gespielt«, erinnert sich Buschatzky. Fußball war fortan ein Fixpunkt im Werk. Lauck lässt Verbindungen und Finanzen spielen, sorgt für die nötige Infrastruktur und den Aufstieg. »Der konnte drohen«, sagt Ringk und hebt die Stimme, denn wer konnte schon drohen in der DDR, »der hatte ein mächtiges Werk im Rücken.« Dafür forderte Lauck stets 100-prozentigen Einsatz, in jedem Spiel. Wenn das nicht passierte, faltete er nachher die Spieler persönlich zusammen. »Der hat alles für die BSG gemacht, selbst wenn er dafür politischen Ärger riskiert hat«, erzählt Wernitz. Der ehemalige Versorgungsbeauftragte der Mannschaft reibt sich die Hände. Die anderen nicken ernst.

Natürlich erinnern sie sich noch an die Saison 1987/88, auch wenn die Anekdoten immer wieder zurück zum UEFA-Cup wollen. Die Erfolge überstrahlen den ungeschickten Sieg gegen Lok. Zudem hat so mancher die komplexe Konstellation auch 20 Jahre später nicht richtig durchgerechnet. »Manchmal waren wir hier auch ein bisschen naiv«, gibt Buschatzky zu. »Da haben wir uns mal gefreut, Mensch, der Schiedsrichter pfeift für uns und nicht für Dynamo Dresden.« Hinterher erklärte ihnen ein Dresdner, dass der Unparteiische dadurch den BFC begünstigte. »Und wir standen da wie Maxe.« Buschatzky schlägt sich gegen den Kopf, die anderen lachen. Sie waren eben eine BSG, sagen sie. Aber der späte Siegtreffer gegen Lok ist haften geblieben, alle waren als Ordner im Stadion, alle begeistert. »Nur der Opa war doch schon weg, der wollte unbedingt die erste Bahn kriegen. Da hat er sich noch über das Unentschieden geärgert.« Mit Opa meint Buschatzky jetzt seinen Vater.

»Nein«, sagt Wolfgang Juchert, »größere taktische Spielereien gab es hier nicht.« Der Trainer hätte die Mannschaft auf Sieg eingeschworen, die Zuschauer von den Rängen getobt. Wolfgang Juchert ist seit zwei Jahren Präsident von Stahl Brandenburg. Ein Erfolgsmensch. In seinem Büro hängen Fotos: von ihm mit der Traditionsmannschaft, von ihm mit Franz Beckenbauer, mit Uli Hoeneß. Juchert hat sich einen Lebenstraum erfüllt, er ist Mitglied bei Bayern München. Seinen ersten Westbesuch machte er in München – im Olympiastadion gegen Werder Bremen. Im Büroregal steht ein Model von seinem schwarzen Mercedes Coupé. Wolfgang Juchert ist ein Macher, er versichert Menschen gegen den Unbill des Lebens, ist den ganzen Tag unterwegs. Er trägt einen weißen Fünftagebart, schwarze Strähnen im weißen Haupthaar. »Salz und Pfeffer« nennen die Engländer dieses Muster. Der 59-Jährige ist agil und wach, kann gut erzählen. Vier Wochen nach Amtsübernahme stieg Stahl in die Landesliga ab. Der Tiefpunkt zur Amtseinführung.

»Hier verdienten die Spieler am besten«

»Wir hatten hier optimale Bedingungen«, sagt Juchert. »Zu DDR-Zeiten kamen die Spieler gerne zur BSG.« Allerdings, in den Kader der Nationalauswahl wurden nur Spieler der großen Vereine berufen. Zschiedrich hätte es vielleicht in die Auswahl geschafft, wenn er in Dresden geblieben wäre. Ringk ohne Oma im Westen. In Brandenburg schaute niemand hin – dennoch war die Welt der vermeintlich Unterlegenen kommode. »Hier verdienten die Spieler am besten«, auch der Druck des Überwachungsstaates war geringer.

Bei den Oberliga-Heimspielen in Brandenburg war auch Juchert dabei, als Fan. In Vorstand und Verantwortung kam er erst viel später. So kann er unbefangen von den komplizierten Nachwendejahren erzählen. 1993 wurde das Stahlwerk geschlossen, plötzlich musste sich der Verein Sponsoren suchen, eigenverantwortlich und wirtschaftlich sein. Nach einem Intermezzo in der 2. Liga ging es steil bergab. »Satte Wessis« seien zuhauf gekommen, als Spieler, Trainer und Manager. »Die wollten hier noch ein bisschen Geld abgreifen und brachten kaum Leistung.« Die Auseinandersetzungen wurden schärfer, der Verein beging Fehler. Es folgten Insolvenz und Neuaufbau. Juchert schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er erzählt, wie »das Tafelsilber verscheuert wurde«. Die jüngeren Spieler wurden verkauft, den älteren traute man vieles nicht mehr zu. Die Generation der Falk Zschiedrichs hatte Pech. »Im Osten wollten sie uns nicht mehr richtig, für den Westen waren wir schon zu alt«, erinnert der sich auf seinem Passauer Sofa. Auch jetzt klingt kaum Wehmut in seiner Stimme. Seine Ziele neu definieren, nennt er das. »Für mich hätte die Wende zehn Jahre früher kommen müssen«, er zögert etwas und schaut aus dem Fenster, »oder gar nicht.«

Draußen ist es noch einmal kalt geworden. Die Mannschaft trainiert abends, auf einem Nebenplatz, unter Flutlicht. Sie dribbeln und passen, beim Spiel auf ein Tor geht es hart zur Sache. Im fahlen Licht erscheinen die Gesichter allesamt bleich, vor Kälte oder vor Jugend. Der Trainer hat sich tief eingegraben in eine schwarze Daunenjacke. Kurze Kommentare steigen mit weißem Dampf aus der Jacke. Die Spieler sprinten, grätschen und ackern. Etliche dürfen noch in der A-Jugend spielen. Wolfgang Juchert bleibt kurz am Rand stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Noch lieber als von der Vergangenheit erzählt Juchert von den Plänen der Gegenwart. Der Zukunft. Einen Schnitt hätten sie gemacht. Einen neuen Trainer gefunden, das Konzept heißt jetzt Jugend. Ein Jahr soll sich die Mannschaft in der Landesliga »konsolidieren«, dann muss es nach oben gehen. Die Chancen sind nicht schlecht, der Kader ist gut. Im Rücken ruht das dunkle Stadion, die Zeit scheint an vielen Ecken stillgestanden. Haupttribüne, Sprecherturm, Umkleidekabine, in Stein gebaut die Vergangenheit der BSG.

Zum Schluss entschieden acht Tore. Die bessere Tordifferenz machte den Meister in der 28. Oberliga-Saison. Ganz oben stand zum Schluss der BFC Dynamo, zum zehnten Mal in Folge, punktgleich vor dem Zweiten Lok Leipzig. Damit qualifizierten sich Lok und Dynamo Dresden für den UEFA-Cup. Der Zweite des Pokalfinales, Carl Zeiss Jena, schied schnell aus dem Pokal der Pokalsieger aus. Lok spielte vor 90000 Zuschauern im Zentralstadion gegen den SSC Neapel. Manche meinen, dass es 120000 waren. Die Begegnung endet unentschieden. In Brandenburg an der Havel sitzen die meisten gebannt vor dem Fernseher. Man sagt, dass Diego Maradona einen guten Tag hatte.


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