Als The Lightning Seeds die EM 1996 vertonten

Träumst du noch, Jules Rimet?

Zur EM 1996 schufen »The Lightning Seeds« die beste Fußballhymne seit »You’ll Never Walk Alone«. Der englische Teamsong zur Euro war witzig, pathetisch – und versprach, was nicht zu halten war: Fußball kam nämlich gar nicht nach Hause. Ein Meilenstein in der Beziehung Fußball und Pop.

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Spezial Nr. 4

Der Song bahnte sich seinen Weg durchs Wembley-Stadion. Es waren noch etwa zehn Minuten bis zum Anpfiff des Halbfinales der Europameisterschaft 1996 zwischen Gastgeber England und Deutschland, und im weiten Rund war kaum noch ein Platz unbesetzt, als zunächst ein paar Hundert anstimmten und dann das ganze Stadion einfiel. »It’s coming home, it’s coming home«, sangen die Leute, und der mächtige Choral brauste durch das Oval: »Football’s coming home«. Selten klang ein Fußballstadion so sehr nach Kirche wie an diesem Abend.

Die DFB-Elf gröhlte durch den Bus

Und der Gesang beinhaltete vieles von dem Stolz der Zuschauer, dem vorweggenommenen Finale eines Turniers im eigenen Land beizuwohnen, aber auch den grenzenlosen Optimismus, dass dieses Spiel nur eine weitere Station auf einer Reise sein würde, an deren Ende die englischen Spieler den EM-Pokal in den Himmel recken würden. Daraus wurde nichts, wie man heute weiß. England schied nach Elfmeterschießen aus. Das Lied »Football’s Coming Home« jedoch machte der Choral von Wembley binnen weniger Minuten zum populärsten Fußballsong seit »You’ll Never Walk Alone«.

Dass die Co-Produktion der Britpop-Band The Lightning Seeds mit ihrem charismatischen Sänger Ian Broudie und den beiden Komikern Frank Skinner und David Baddiel das Zeug zum Ohrwurm hat, hatte sich in den Tagen zuvor angedeutet. Schon bei den englischen Siegen gegen die Schotten, Holländer und Spanier hatte das Publikum fröhlich die Revue englischer Heldentaten geträllert. Und selbst gegnerischen Teams gefiel der Song, die deutsche Elf sang ihn im Bus auf dem Weg zum Halbfinale.

Der perfekte Fußballsong

Baddiel, Skinner und Broudie war ein seltenes Kunststück gelungen, das bis heute zu den kompliziertesten Fingerübungen des Musikgeschäfts gehört, und zwar einen guten Fußballsong zu komponieren. Der muss nämlich Witz und Tempo haben. Er muss stadiontauglich sein und darf doch nicht nur gefallen wollen. Er muss große Gefühle beschreiben, ohne auf den Klischees von Herz und Schmerz auszurutschen. Er muss den Fußball viel zu ernst und zugleich viel zu leicht nehmen. Und derjenige, der ihn singt, muss tatsächlich singen können – woran etwa 90 Prozent aller Punkbands scheitern und hundert Prozent aller anderen.

»Three Lions«, so der offizielle Titel, war anders. Der Song erzählt hinreißend witzig, melancholisch und überkandidelt von eben jenen 30 Jahren seit der Weltmeisterschaft, in denen die englische Nationalelf sich zwar redlich bemüht hatte, zugleich jedoch sagenhaft erfolglos geblieben war. Nun jedoch, nach drei Jahrzehnten voller Pleiten, Pech und Pannen, würde der Fußball in sein Mutterland heimkehren. Und das in Form eines sanft geschwungenen Silberpokals. Die sanfte Ironie und die im Song angelegte Ahnung, dass zu den »30 years of hurt« womöglich noch ein paar erfolglose Jahre hinzukommen könnten, begründeten den Erfolg des Stücks. In England schoss es auf Platz eins der Charts, auch in Deutschland, den Niederlanden und anderswo erwies sich »Three Lions« als veritabler Erfolg.

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