Als La Coruña den AC Milan rauswarf
01.10.2008

Als La Coruña den AC Milan rauswarf

Reise ans Ende der Welt

Nach einem 4 :1-Sieg feierte Berlusconi sein Team bereits als größte Elf unter der Sonne. Im Rückspiel zwischen Deportivo La Coruña und dem AC Milan 2004 gelang den Galiziern jedoch eine spektakuläre Aufholjagd.

Text:
Fabian Jonas
Bild:
Imago
»Auf den Knien«, versprach Javier Irureta, werde er den Jakobsweg zur 80 Kilometer entfernten Kathedrale von Santiago de Compostela entlang pilgern und dem Herrgott und allen Heiligen danken, sollte es seine Mannschaft schaffen, den Rückstand aus dem Hinspiel noch aufzuholen.



Dass der Trainer von Deportivo La Coruña sein Versprechen würde einlösen müssen, glaubte niemand. Zu deutlich war die 1:4-Schlappe im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals 2003/04 gegen den amtierenden Titelträger AC Mailand zwei Wochen zuvor ausgefallen. In nur zehn Minuten hatten die Mailänder die glückliche 1:0-Führung der Galizier ausgeglichen und in einen hohen Sieg verwandelt für den es nur ein Prädikat geben konnte: Traumfußball. Vor allem der erst 21-jährige Neuzugang Kaká zeigte eine überragende Partie und krönte seine Leistung mit zwei Toren. Dementsprechend euphorisch fielen danach auch die Kommentare der italienischen Presse aus: »Meisterwerk Milan« titelte die »Gazzetta dello Sport« und ordnete die Vorstellung sogleich als historischen Moment ein: »Milan schenkt der Welt und der Geschichte die zehn schönsten Minuten der letzten 20 Jahre.« Triumphierend zeigte sich auch Vereinspatron Silvio Berlusconi, der, gewohnt unbescheiden, noch auf der Tribüne verkündete, dies sei »der stärkste AC Milan, den es je gab«. Auch den Spaniern fiel es zunächst schwer, noch an ihre Außenseiterchance zu glauben – zumindest direkt nach dem Abpfiff. »Ein 1:4 ist zu viel gegen diese Mannschaft«, gab Stürmer Albert Luque frustriert zu Protokoll.

»...dann wäre alles möglich«

Zwei Wochen später hörten sich die Prognosen wieder ein wenig optimistischer an. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch Trainer Javier Irureta seine Hoffnung und vor allem seinen unerschütterlichen Glauben wiedergefunden. »Wir beten, damit wir ein frühes Tor schießen. Treffen wir in den ersten zehn, 15 Minuten, würden wir Milan vielleicht verunsichern. Dann wäre alles möglich.« Allerdings stand er mit dieser Einschätzung noch immer weitgehend allein dar. Vor allem deswegen, weil der AC Mailand sich im Zenit seines Könnens befand und spätestens seit dem Hinspiel als beste Mannschaft der Welt galt. Routiniers wie Paolo Maldini und Cafu bildeten zusammen mit Ausnahmespielern wie Alessandro Nesta, Clarence Seedorf, Gennaro Gattuso und Andrej Schewtschenko, die sich allesamt im besten Fußballeralter befanden, eine ausgewogene Mischung, die durch die jungen Talente Andrea Pirlo und natürlich besonders Kaká noch zusätzliche Qualität erhielt.

In den Augen der meisten Betrachter erschien Iruretas Hoffnung daher nicht mehr zu sein, als das berühmte Pfeifen im Walde. Noch nie hatte eine Mannschaft einen Drei-Tore-Rückstand in einem Rückspiel der Champions League aufholen können. Und nun sollte ausgerechnet gegen den AC Mailand das Überraschungsteam aus A Coruña diese Sensation schaffen? Gegen denselben AC Mailand, der seinen Triumphzug des Vorjahres mit einem 4:0-Sieg bei Deportivo in der Vorrunde erst so richtig begonnen hatte? Ausgeschlossen.

Doch zumindest seiner eigenen Mannschaft schien der bodenständige Irureta den Glauben an ein Wunder und einiges an Selbstbewusstsein eingeimpft zu haben. Denn mit dem Anpfiff begannen die Galizier, den AC in dessen Hälfte einzuschnüren und Angriff auf Angriff zu starten. Die Gebete des Trainers wurden erhört: Das ersehnte frühe Tor fiel schon in der fünften Minute. Mit dem Rücken zum Tor erreichte Walter Pandiani einen Ball von Luque im Strafraum, drehte sich blitzschnell um Maldini und schoss platziert ins rechte untere Eck. Spätestens jetzt erwachten auch die galizischen Zuschauer im alten Estadio Municipal de Riazor. Die Begeisterung schwoll an, als sie sahen, dass ihre Mannschaft weiterhin nach vorne stürmte und sich neue Chancen erarbeitete. Nur drei Minuten nach dem Führungstreffer traf Victor den Außenpfosten, weitere Möglichkeiten folgten beinahe im Minutentakt.
Alleine das italienische Starensemble schien noch nichts von der sich anbahnenden Sensation zu spüren. Milan vertraute anscheinend darauf, dass sich gegen einen so offensiv agierenden Gegner noch die eine oder andere Konterchance bieten würde, mit der sie für klare Verhältnisse sorgen könnte. Doch daraus wurde nichts. Zum einen, weil Milan viel zu unpräzise nach vorne spielte, zum anderen, weil auch die Abwehr Depors beinahe jeden Zweikampf scheinbar mühelos gewann. Selten zuvor war der Milan-Sturm um Schewtschenko und Jon Dahl Tomasson – zu jener Zeit ein deutlich größeres Kaliber als bei seinem späteren Gastspiel in Stuttgart – derart wirkungslos geblieben. Nur ein einziges Mal tauchten die Italiener in der ersten Hälfte gefährlich vor dem gegnerischen Tor auf. In der 19. Minute lief Kaká alleine auf Depors Schlussmann José Molina zu, doch irgendwie schaffte es der bereits ausgespielte Torwart, noch eine Hand an den Ball zu bekommen, und den schon sicher geglaubten Ausgleich zu verhindern.

In der Folge spielten, angepeitscht vom immer euphorischeren Publikum, nur noch die Galizier und alleine Milans Torwart Dida verhinderte mit einigen Glanzparaden einen höheren Rückstand. Doch Dida wäre nicht Dida, wenn bei ihm nicht Licht und Schatten schlagartig wechseln könnten. So war es auch diesmal. In der 35. Minute unterlief er eine Flanke von Luque, und Valerón konnte mühelos aus wenigen Metern zum 2:0 einköpfen. Erst jetzt dämmerte es so langsam auch den Italienern, dass diese Sache noch schief gehen könnte, doch statt eine Trotzreaktion zu zeigen, begann das große Nervenflattern. Prompt agierten die sonst so souveränen und kaltschnäuzigen Milanesen noch indisponierter als ohnehin schon, was noch vor der Pause zum 3:0 führte. In der 44. Minute ließ ausgerechnet jener Luque, der bereits zwei Treffer vorbereitet und doch eigentlich schon nach dem Hinspiel keinerlei Hoffnung mehr gehabt hatte, gleich zwei Abwehrspieler einfach stehen und zimmerte den Ball alleine vor Dida so präzise in den Winkel des kurzen Ecks, als wäre es die leichteste Übung der Welt.

Jetzt bloß nicht nachlassen!

Somit war das Spiel schon zur Halbzeit gedreht, denn dieses Ergebnis würde La Coruña aufgrund der Auswärtstorregelung bereits für das Halbfinale reichen. Das Riazor stand Kopf, und auch in Deportivos Kabine spielten sich in der Pause tumultartige Szenen ab. Jeder einzelne Spieler glaubte, einen Kommentar zu den sich überschlagenden Ereignissen abgeben zu müssen und die Kollegen zu ermahnen, jetzt bloß nicht nachzulassen. Erst nach einer Weile gelang es Irureta mithilfe einiger erfahrener Spieler, die Situation ein wenig zu beruhigen und die Taktik für die zweite Hälfte zu besprechen.

Vielleicht hätte der Coach aber ohnehin besser geschwiegen, denn sein Versuch, fortan etwas defensiver zu agieren, hätte sich beinahe gerächt. Plötzlich agierte Milan und kurz nach Wiederanpfiff hätte Tomasson beinahe für das 3:1 gesorgt, das wiederum dem AC gereicht hätte. An der Strafraumgrenze kam er frei zum Schuss, der aber weit vorbei ging. Den Spaniern reichte diese Warnung, sofort gingen sie wieder zum Angriff über und holten sich die Kontrolle über das Spielgeschehen zurück, wenngleich Milan nun mehr Ballbesitz hatte. Doch gefährliche Aktionen blieben alleine Deportivo vorbehalten und in der 76. Minute brachen endgültig alle Dämme im Stadion. Der eingewechselte Fran erzielte mit einem abgefälschten Schuss das 4:0! Erst jetzt schaffte es Mailand zumindest für ein wenig Gefahr zu sorgen. Das Tor aber, das eine Verlängerung bedeutet hätte, fiel nicht mehr. Sowohl Inzaghi als auch Rui Costa, die Carlo Ancelotti eingewechselt hatte, scheiterten bei ihren Chancen am ausgezeichneten Molina. Den Rest erledigte die noch immer souveräne Abwehr der Spanier.
Kurz darauf hatte Deportivo La Coruña das Wunder geschafft und stand im Halbfinale der Champions League. Die vermeintlich beste Mannschaft der Welt hingegen war ausgeschieden und durfte sich epischer Schlagzeilen der heimischen Presse sicher sein. »Das Ende der Welt im Riazor«, titelte dann auch die »Gazzetta dello Sport«. Im Nachhinein betrachtet kam dieses Ende erst ein Jahr später, als Milan es erneut schaffte, einen Drei-Tore-Vorsprung zu verspielen. Diesmal in nur einer Halbzeit. Im Champions League-Finale gegen den FC Liverpool.

Und Javier Irureta? Der modifizierte sein Versprechen der Pilgerfahrt ein wenig. Den Weg werde er auf jeden Fall unternehmen, auf Knien allerdings nur, wenn seine Mannschaft auch ins Finale käme. Das blieb ihm erspart, der spätere Sieger Porto bedeutete die Endstation in der Vorschlussrunde. So legte er den Jakobsweg nach der Saison zu Fuß zurück, kniete erst vor dem Altar nieder und weinte bitterlich.
 
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