29.11.2013

Als Jürgen Klopp Trainer in Mainz wurde

Sein Frühwerk

Mit einem Spieler an der Seitenlinie könnte es nicht schlechter werden. Das dachte Mainz-Manager Christian Heidel im Frühjahr 2001 und befahl Verteidiger Jürgen Klopp auf die Trainerbank. Eine gute Wahl.

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Eigentlich hat es sich der Mainzer Manager Christian Heidel an Fastnacht immer gut gehen lassen. Doch dieses Mal, am 27. Februar 2001, ist ihm überhaupt nicht nach Feiern zumute. Der FSV Mainz 05 hat gerade gegen Greuther Fürth mit 1:3 verloren, und die Mannschaft befindet sich immer noch auf einem Abstiegsplatz.
 
Doch nicht nur deswegen geht es Heidel schlecht. Die ganze Saison bereitet ihm Kopfzerbrechen. Nichts läuft so, wie er es sich ausgemalt hatte. Im Sommer dachte er, mit Trainer René Vandereycken den großen Coup gelandet zu haben, schließlich war der Belgier mal Nationalspieler und hatte schon die Trikots vom RSC Anderlecht und dem FC Genua getragen. Trainer war er bei Standard Lüttich gewesen. Vor der Saison 2000/01 hatte er sich für Mainz 05 entschieden, die graue Maus der Zweiten Bundesliga. Doch nach zwölf Spieltagen und nur drei Siegen war schon wieder Schluss für den »Gentleman vom Bruchweg«. Sein Nachfolger Eckart Krautzun änderte zwar die Ansprache und zog die Zügel im Training an, doch auch das führte nicht zum erhofften Erfolg. Die Niederlage gegen Fürth bedeutete das siebte Spiel in Folge ohne Sieg – und weiterhin einen Abstiegsplatz, elf Spieltage vor Ende der Zweitligasaison.

Der Mann aus den eigenen Reihen
 
Während also die Fastnacht-Feiernden durch die Mainzer Innenstadt ziehen, liegt Heidel zu Hause auf dem Sofa und denkt nach. »Ich musste mir über einige Sachen klar werden«, sagt er später im »Kicker«. »Ich musste etwas ändern.« Schließlich kommt der Manager zu einer Entscheidung, die sein Team vor dem Abstieg retten und den Beginn einer der erfolgreichsten Trainerkarrieren im deutschen Fußball bedeuten soll. »Ich dachte an einen Mann aus den eigenen Reihen. Ich dachte, mit so einem kann es auch nicht viel schlechter werden als mit einem Hochkaräter vom Transfermarkt«, sagte Heidel. Er denkt in diesen Stunden an Jürgen Klopp.
 
Jener Jürgen Klopp, Abitur, Studium der Sportwissenschaft, Diplomarbeit mit dem Titel »Walking – Bestandsaufnahme und Evaluationsstudie einer Sportart für alle«, ist ein loyaler und bodenständiger Fußballarbeiter, der eh eines Tages als Trainer arbeiten möchte. Es soll damals sogar schon eine Absprache gegeben haben, nach der Klopp direkt im Anschluss an sein letztes Spiel für den FSV in den Trainerstab aufrücken würde. Doch das soll eigentlich noch ein Jahr dauern.

Klopp, der treue Mainzer
 
In der Fastnachtszeit 2001 denkt Klopp jedenfalls noch darüber nach, ein weiteres Jahr als Profi dranzuhängen. Er hat zu dem Zeitpunkt 325 Zweitligaspiele absolviert, so viel wie kein anderer Mainzer Spieler zuvor. Er ist Publikumsliebling, einer, der keine Eitelkeiten auf dem Platz hat, der früher mal Stürmer war und mit seinen 1,91 Meter nunmehr im Abwehrmannzentrum Flanken aus dem Strafraum köpft und dribbelstarke Stürmer abgrätscht. Er ist einer, der technisch nicht sonderlich beschlagen ist, der aber alles gibt, wenn der Trainer ihn auf den Platz schickt. Einer, über den es heißt, er habe vor kurzem noch ein Praktikum bei Sat.1 gemacht, um mal hinter die Kulissen zu schauen. Ein Fußball-Streber mit einem Zweitliga-Erfahrungsschatz wie kein anderer, schließlich hält er Mainz seit elf Jahren die Treue.
 
Ein paar Mal hatte er in den neunziger Jahren mit dem Gedanken gespielt, zu einem anderen Verein zu wechseln. Einmal gab es etwa eine Anfrage vom HSV, doch als Klopp mit dem FSV beim FC St. Pauli spielte, ging alles schief. »Hoffentlich hat keiner vom HSV zugesehen. Ich war schlecht, dieses Spiel war keine Empfehlung von mir«, sagt er nach der Partie. Seine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen, und so blieb er in Mainz.
 
Er erlebt Jahre im Nirgendwo der Zweiten Liga. Mal landet Mainz auf Platz 11, mal auf Platz 14 oder 12. Einmal, 1995, gelang beinahe der Aufstieg, Mainz beendete die Saison als Vierter. Doch im Rückblick wirkte dieses Jahr, dieser plötzliche Höhenflug, eher wie ein Zufall. »Wir haben nicht weiter gearbeitet«, sagt Klopp.
 
Nun also meldet sich Heidel am Telefon und unterbreitet ihm den Vorschlag. Klopp soll kurz nachgedacht haben, zwischen Tür und Angel, zwischen Schlaf- und Wohnzimmer. Innerhalb einer halben Stunde beendet er seine Karriere als Spieler – und beginnt eine neue als Trainer.

»Jürgen, Jürgen, Jürgen!«
 
Seine Mannschaft legt furios los, gewinnt sechs der folgenden sieben Spiele und verhindert schließlich souverän den Abstieg in die  Dritte Liga. Als Jürgen Klopp nach dem letzten Heimspiel gegen LR Ahlen mit den Spielern Arm in Arm zur Kurve läuft, rufen die Fans »Jürgen, Jürgen, Jürgen!« Ihm ist das unangenehm: »Ich habe doch gar nicht gespielt.«
 
Klopp ist damals hinter Matthias Sammer der jüngste Trainer im Profifußball. Doch im Gegensatz zum Dortmunder Coach ist Klopp einer, der genau das will: Trainer sein. »In meinem stark auftrumpfenden Team wäre für mich eh kein Platz mehr«, sagt Klopp im Herbst 2001, als Mainz gerade einen neuen Zweitliga-Startrekord aufgestellt hat. Die Mannschaft führt nach zwölf Spieltagen die Tabelle mit sensationellen 31 Punkten an.
 
»Wir waren als untrainierbar verschrien, dabei waren wir nur eine Mannschaft, die viele Fragen hatte«, sagt Klopp. Also beantwortet der Trainer die Fragen. Mit Stift, Papier, Videobändern und einer Taktiktafel. Neben ihm erklären seine ehemaligen Mitspieler Stephan Kuhnert und Zeljko Buvac, jetzt Torwart- und Co-Trainer, wie die Spieler bei Angriffen stehen und wie sie verteidigen sollen – ganz egal, wer der Gegner ist. »Wir hatten Spaß daran, Taktiken zu entwickeln und zu erklären«, sagt Klopp. Sie bringen ihrer Mannschaft in jenen Tagen ein System bei, an dem ihre Vorgänger gescheitert waren. Etwa die stabile Viererkette, bei der es nicht nur darauf ankommt, dem Gegner den Ball abzulaufen, sondern die auf Spieler baut, die auch passen und Angriffe einleiten können.

 
 
 
 
 
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