Als Jörg Dittwar von Fans entkleidet wurde

»Wer ist denn dieser Nackte?«

15. Juni 1991. Entfesselt stürmen Nürnberg-Fans vor Spielende den Rasen im Wattenscheider Lohrheidestadion und feiern den Klassenerhalt. Mittendrin der Franke Jörg Dittwar – erst barfuß, dann plötzlich splitternackt. Als Jörg Dittwar von Fans entkleidet wurde
Heft #94 09/2009
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In  der Saison 1990/91 war bei uns der Wurm drin. Wir standen die meiste Zeit auf einem Abstiegsplatz, dann gab es noch diese Geschichte mit Vlado Kasalo, der zwei Eigentore an zwei aufeinander folgenden Spieltagen schoss – später hieß es, er habe sich bestechen lassen, um seine Wettschulden zu bezahlen. Ich glaube da nicht dran. Ein Eigentor machte er mit dem Hinterkopf in den Winkel – niemals Absicht!

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Doch die Unruhe spiegelte die Saison wider. Und als wir am 33. Spieltag mit einem Erfolg gegen den FC Bayern die Klasse hätten sichern können, verschoss ich einen Elfmeter. Wir verloren 0:1. Beim entscheidenden Spiel in Wattenscheid lief es endlich mal für uns: Wir führten kurz vor Ende mit 1:0 und St. Pauli, unser direkter Konkurrent, lag 2:5 bei Borussia Dortmund hinten. Die Sache war gegessen. Das spürten auch die Fans, die schon seit der Halbzeit an den Zäunen hingen. Zehn Minuten vor Ende ließen die Ordner sie auf die Tartanbahn. Sie standen dort und bejubelten jeden Pass – nach solch einer Saison ein wunderbares Gefühl. Dann, ungefähr in der 85. Minute, ertönte ein Pfiff vom Schiedsrichter. Der Abpfiff. Dachten zumindest alle. Ich riss die Arme hoch, die Fans stürmten den Rasen, um mich herum tanzten plötzlich zehn bis fünfzehn Leute. Während wir zur Gegengerade liefen, zogen sie mir mein Trikot aus. Ich gab ihnen auch meine Schuhe.

Als ich mich dann umdrehte, traute ich meinen Augen nicht: Das Feld war mit einem Mal freigeräumt und das Spiel lief weiter. Der Schiedsrichter hatte lediglich Freistoß gepfiffen. Ich lief zurück aufs Feld, ohne Schuhe, mit freiem Oberkörper. Glücklicherweise brachte mir ein Fan meinen rechten Schuh zurück. Danach rannte ich zu unserem Co-Trainer Willi Entenmann, der mich bereits suchte. »Trainer, hier bin ich«, rief ich. Entenmann blieb ziemlich cool, im Menschenpulk erblickte er einen Fan, der ein FCN-Trikot trug – ohne Nummer. Er wies den Fan an, mir sein Trikot zu leihen, derweil zog er sich seinen linken Turnschuh aus, der wie das Trikot mindestens drei Nummern zu groß war. So bin ich aufs Feld, am rechten Fuß einen Fußballschuh, links einen Turnschuh und am Körper ein XXL-Fantrikot, und spielte die letzten Minuten. Der Schiedsrichter bemerkte nichts und pfiff kurz darauf ab. Wieder stürmten die Fans das Feld, und scheinbar hatten sie mich als den Spieler ausgemacht, der sich gerne entblößt. Hansi Dorfner flüchtete und schmiss sein Trikot genau vor meine Füße. Die Fans stürzten sich wie ein Wespenschwarm auf das Trikot und zupften danach an mir herum. Ehe ich mich versah, war alles weg: Trikot, Stutzen, Schienbeinschoner, auch der Turnschuh von Entenmann. Dann guckte ich an mir runter, selbst die Unterhose war dahin. Ich rannte wieder los. Ein Ordner schrie: »Wer ist denn dieser Nackte?«

Als ich in die Kabine kam, prusteten meine Mitspieler los: Entsetzen paarte sich mit Freude. Am Montag rief mich ein Kumpel an: »Jörg, du schaust super aus in der Zeitung.« In der Zeitung? Ich blätterte und blätterte – und da sah ich mich, splitternackt, neben dem Spielbericht. Der Fotograf hatte genau den Moment abgepasst, als ich meine Hände von meinem Geschlechtsteil genommen hatte. Dieses Bild hat sich im Gedächtnis der »Club«-Fans verankert. Für manche bin ich der einstige Elfmeterschütze, doch für die meisten: der Typ, der nackt über die Lohrheide lief.

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