Als Irland Deutschland die WM 1994 versaute

You´ll never beat the Irish!

Deutschland gegen Irland, da kommen hässliche Erinnerungen hoch. Damals, vor 18 Jahren, im Niedersachsenstadion zu Hannover, als der amtierende Weltmeister sein Testspiel gegen Irland verlor – und die schlechte Form bis zur WM in den USA rettete.

Das kommt davon, wenn deutsche Nationalspieler mal Fünfe gerade sein lassen wollen. Zwei Tage vor dem Freundschaftsspiel der DFB-Auswahl gegen Irland am 29. Mai 1994, dem vorletzten Test vor der Weltmeisterschaft in den USA, hatte Bundestrainer Berti Vogts seinen Spielern die Erlaubnis zum Sau rauslassen gegeben. »Aktive Regeneration« nannte das der DFB-Tross, als einer der Nationalelf-Ausrüster mit Wein, Weib und Gesang in der mausgrauen Sportschule Malente aufkreuzte und die Herren Profifußballer zur kollektiven Conga-Schlange ermunterte. Selbst Verbandskoch Fritz Westermann hatte man in einem Anflug von Laissez-faire einen Tag freigegeben. Verschiedene taktische Fehler mit Folgen: Als Westermann am nächsten Morgen wieder in Malente aufkreuzte, blieb ein Platz beim Abendessen frei: Jürgen Klinsmann waren weder Wein, noch Weib, noch Gesang und vor allem nicht verbandsfernes Essen bekommen. Der Stürmerstar reiherte sich die Seele aus dem Leib.

0:2 im Niedersachsenstadion, »wo sonst vor 5000 Unentwegten von Hannover 96 trostloser Zweitliga-Fußball präsentiert wird«

Zwei Tage später verlor Deutschland ein Testspiel gegen Irland mit 0:2. Mit Jürgen Klinsmann auf dem Platz. Die Torschützen für Irland hießen Tony Cascarino und Gary Kelly. Kennt heute niemand mehr. Wohl aber den Ort des Grauens, das mit 50.000 Zuschauern prall gefüllte Niedersachsenstadion zu Hannover, dem der »Kicker« eine »fantastische Stimmung im riesigen  Oval neben dem Maschsee« attestierte. Ein Schauplatz, »wo sonst vor 5000 Unentwegten von Hannover 96 trostloser Zweitliga-Fußball präsentiert wird«. Wie sich die Zeiten ändern. Heute hat Hannover 96 eine der attraktivsten Mannschaften der Bundesliga zu bieten, Gary Kelly (430 Spiele für Leeds United!) hat seine Karriere längst beendet, und die Auswahl von Jogi Löw verbindet mit den Vogts/Malente/Klinsmann-Zeiten nur noch angestaubte DFB-Geschichte.

Die Pleite vom 29. Mai hatte damals weitreichende Folgen, vielleicht verhinderte sie sogar eine echte Chance der deutschen Nationalmannschaft auf die Titelverteidigung. Denn: gut war der Weltmeister von 1990 auch vier Jahre später noch. Jedenfalls auf dem Papier. Gegen Irland schickte Vogts Illgner, Matthäus, Kohler, Strunz, Basler, Buchwald, Sammler, Wagner, Möller, Riedle, Klinsmann, Berthold, Häßler, Effenberg und Völler auf den Platz. Sounds like Topfavorit. Aber ach, die Zeit hatte ihre Furchen in den Kader gefressen, als das Turnier knapp einen Monat nach der Niederlage gegen Irland mit dem deutschen Auftaktspiel gegen Bolivien begann, hieß der jüngste Spieler im Kader Oliver Kahn (25), betrug das Durchschnittsalter 29,1 Jahre. So einen Schnitt erreicht heutzutage wahrscheinlich noch nicht einmal das DFB-Trainerteam. Die Mannschaft war alt, aber das war nicht einmal ihr Hauptproblem. Sie war einfach keine Mannschaft.

Wer war schuld? Mario Basler, Berti Vogts oder doch der Geist von Malente

Wer kann heute schon sagen, wer am mangelnden Teamgeist die Hauptschuld trug? Berti Vogts, weil er so kurz vor dem Turnier lediglich Mittelfeldmann Andreas Möller eine Stammplatzgarantie ausgesprochen hatte? Die alten Silberrücken um Matthäus, Völler, Sammer oder Klinsmann, die schon zu viel gewonnen hatten, als dass sie sich nun noch einmal zum Wohle der Mannschaft hinter eine dringend benötigte Führungspersönlichkeit scharen wollten? Der notorische Stinkstiefel Mario Basler, weil er Tage vor dem Irland-Spiel öffentlich mit dem Interesse von Atletico Madrid prahlte (»Ich habe eine Klausel im Vertrag, wonach ab sechs Millionen Mark verhandelt wird!«)? Oder doch Malente, jene sagenumwobene Sportschule, in der angeblich ein »Geist« hauste, der zerstrittene Fußball-Mannschaften zu gut geölten Turniermaschinen formen konnte? Zumindest Malente bekam nach dem 0:2 gegen Irland sein Fett weg. »Was das mit dem Geist soll«, rüffelte Rudi Völler, »habe ich noch nie kapiert.« Und ausgerechnet Berti Vogts gab zu: »Ich war schon sehr oft hier, aber ich suche den Geist noch immer.« So konnte man natürlich nicht Weltmeister werden.

Das wollte 1994 allerdings noch niemand wahrhaben. Weil seine Truppe zu Ehren von Geburtstagskind Thomas Häßler im Mannschaftsbus pflichtschuldig Gratulationen heruntergesungen hatte, wollte Berti Vogts gleich erkannt haben, dass man »da den Teamgeist deutlich gespürt hat«. Noch zuversichtlicher bzw. realitätsferner war da nur Ehrenspielführer Uwe Seeler. Uns Uwe, der gute Geist des deutschen Fußballs, beruhigte die aufgebrachte deutsche Öffentlichkeit mit einem Blick in die hauseigene Glaskugel: »Ich erwarte ein Finale in Los Angeles zwischen Deutschland und Brasilien. Unsere Mannschaft besitzt einfach ein zu gutes spielerisches Material.« Ach, Uwe.


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