18.06.2012

Als Irland 1988 die Fußballwelt überraschte

»Fuck off, Ihr wollt 
doch auch Erfolge!«

Irland ist raus, hat heute seinen letzten Auftritt bei der diesjährigen EM. 1988 machten es die Iren besser. Niemand hatte ihnen etwas zugetraut, doch dann kam alles ganz anders. Ray Houghton, Schütze des 
Siegtreffers gegen England, über elf magische Tage in Deutschland.

Text:
Ray Houghton (Protokoll: Moritz Herrmann)
Bild:
Imago

Prolog
Eine Fußballnation waren wir nicht. Die Europameisterschaft in Deutschland bedeutete die erste Turnierteilnahme Irlands, dennoch hielt sich das Interesse in Grenzen. Die Iren begeisterten sich für Rugby und Hurling. Wer Fußball schaute, galt vor jenem Sommer als Freak. Natürlich hatte auch die Art und Weise der Qualifikation nicht gerade Anlass zu riesiger Euphorie gegeben. Ein Sieg der Schotten gegen Bulgarien hievte uns auf Platz eins. Typisch irisch: Geschichte geschrieben, aber nicht aus eigener Kraft. So wurde uns denn auch in Deutschland nichts zugetraut. Da kamen die, die nicht Fußball spielen konnten, und vertraten ein Land, das sich nicht für Fußball interessierte! Wir waren dabei, weil eine Gruppe den Regeln zufolge aus vier Teams bestehen musste. Irland war Füllmasse. Kanonenfutter für die Favoriten.
Uns belustigte die Geringschätzung. Offenbar war dem Festland die Kaderpolitik von Trainer Jack Charlton verborgen geblieben. Mit Jack kam 1986 die Revolution. Bis in die Siebziger waren irische Teams noch mit dem Schiff zu Länderspielen getuckert. Charlton aber ließ Stammbäume erstellen, um sich die Granny Rule der FIFA zunutze zu machen: Ergo war es in Großbritannien geborenen Spielern erlaubt, für Irland aufzulaufen, wenn sie nachweislich über irische Wurzeln verfügten. Charlton pinnte Zettel an die Schwarzen Bretter der englischen Topklubs, um Talente für das grüne Jersey anzuwerben. Journalisten, die sein Team als Plastic Paddies schmähten, bellte er ins Gesicht: »Wenn ich mich mit den Besten der Welt messen soll, brauche ich auch die Besten der Welt. Und wenn ich die in Irland nicht finde, finde ich sie in Schottland und England. Ihr wollt doch auch Erfolge, fuck off!« Ich war in Glasgow zur Welt gekommen, mein Vater stammte aus Donegal. Als Jack mich fragte, habe ich nicht lange überlegen müssen. Nur wenige aus unserem Kader waren in Irland geboren, doch Iren waren wir alle.

8. Juni 1988
Wir mieteten das Waldhotel Stuttgart-Degerloch. Die Türme, Ballsäle und Korridore verströmten den barocken Protz eines Schlosses. Wie Kinder erkundeten wir die großen Gärten. Im Gegensatz zu den anderen Teams, die intensive Trainingslager absolvierten, setzte Charlton auf Entspannung. Unsere Celtic-Fraktion um Pat Bonner, Chris Morris und Mick McCarthy hatte noch im Mai das schottische Pokalfinale gespielt, Aldridge und ich waren gegen Wimbledon im FA-Cup-Endspiel aufgelaufen. Dass wir im Training lachend eine ruhige Kugel schoben, war Wasser auf die Mühlen der Medien. Die Buchmacher führten uns als 50:1-Außenseiter.

10. Juni 1988
In einem TV-Interview platzte Charlton schließlich der Kragen. An jeder Ecke malten die Reporter Untergangsszenarien. Wie viele Gegentore? Bleibt Ihr Team einstellig? Er wolle den Titel, posaunte Charlton in die Kamera. Der Mann im Sessel glotzte baff. Ab da wurde der Tanz mit der Presse zum Running Gag. Mal erklärte der Coach, fünf Stürmer aufzubieten, dann schwadronierte er über Achterketten. Unter breitem Grinsen machten seine Auftritte auf dem Hotelflur die Runde: »Hast du schon gehört, was der Boss vorhin rausgehauen hat?«

11. Juni 1988

Am Tag vor dem ersten Spiel spazierten wir durch Stuttgart. Die Leute staunten nicht schlecht. 22 Iren in der Fußgängerzone, Trainingshosen, breite Schultern, derber Humor, in der Hand eine kleine Tasse mit heißem Kaffee. Bei diesem Ausflug gab Jack auch die Aufstellung bekannt. Kein Flipchart, Jack sagte nur: »Männer, wir haben morgen ein Fußballspiel ...« Irlands erster Auftritt bei einem Turnier und dann gleich gegen England! Die Londoner Presse verlachte uns als englische B-Elf, beaufsichtigt von einem Trainer, der englischen Ansprüchen nicht genügte. 1977 war Jack mal Kandidat in Wembley gewesen, aber letztlich von der FA abgelehnt worden.

12. Juni 1988: England vs. Irland 0:1
Das Lampenfieber kam über Nacht. Ich fand kaum Schlaf, der verdammte Kaffee! Beim Frühstück blickte ich in beklommene Gesichter, sah Bammel vor der großen Bühne. Es war ein heißer Tag in Stuttgart, um die 30 Grad, keine Wolken. Am Neckarstadion verbreiteten die irischen Fans eine Stimmung wie auf dem Rummel. Das beruhigte ein bisschen. Einen normalen Puls hatten wir spätestens nach dem Plausch mit unseren englischen Kollegen: Die waren noch nervöser als wir! Jacks Ansprache fiel kurz und klar aus. Mitspielen, nicht einigeln. Eigentlich war es damals üblich, bei gegnerischem Ballbesitz tief stehend auf Konter zu lauern. Jack verordnete uns Pressing.
Die Deutschen hielten, angesteckt vom Charme des Underdogs, zu uns. Ohne Kenntnis der Texte grölten sie die irischen Gesänge nach, einem ungefähren Rhythmus folgend. In der 6. Minute flankte Tony Galvin vom linken Flügel an den Elfmeterpunkt. Englands Kenny Sansom köpfte eine Bogenlampe, die Aldridge auf mich ablegte. Ich sah, dass Peter Shilton das lange Eck nicht abdeckte. Als mein Kopfball im Netz lag, gab es eine Sekunde unwirklicher Ruhe. Dann explodierte die Kurve. Die Kamera hatte, das sah ich später, Aldridge eingefangen. Ich schien dem Kameramann als Torschütze wohl undenkbar – es war mein erster Treffer für Irland. Der Sender zeigte auch Jack, wie er sich an den Kopf fasst, dazu brüllt der Kommentator: »Unglaub-
lich, auch Charlton kann es nicht fassen!« In Wahrheit war der Chef beim Jubel ans Dach der Bank gedonnert.
In den verbleibenden 84 Minuten berannte England wütend unser Tor. Vor allem die zweite Halbzeit kam mir vor wie eine Ewigkeit. Wir verteidigten vehement, und hinter uns erwischte Bonner einen Sahnetag. Irgendwann war dann tatsächlich Schluss, ich schleppte mich erschöpft in die englische Kabine, um John Barnes, meinen Kollegen vom FC Liverpool, zu trösten. Was für ein Anblick: Tony Adams fluchte quer durch den Raum, Lineker lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand. Wir fuhren im Bus zum Hotel, wo eine beispiellose Party startete. Noch heute werde ich auf das Tor angesprochen: Ehen wurden deshalb geschlossen, Kinder gezeugt und Fernseher zertrümmert.

13. Juni 1988
Für die zweite Partie reisten wir nach Hannover. Im Flugzeug bekam ich eine Ahnung davon, was der Sieg daheim ausgelöst hatte. Die Zeitungen berichteten über Irland im Ausnahmezustand. An den Flughäfen kollabierte der Verkehr, weil plötzlich alle nach Deutschland wollten. Für ein Ticket nahmen die Leute Kredite auf. In Dublin parkten Taxifahrer ihre Wagen, um den nächsten Flieger zu kriegen. Ein nie dagewesenes Interesse am Fußball war erwacht. Es ging um eine Erfahrung, von der man fühlte, dass sie das ganze Land verändern könnte.

15. Juni 1988: Irland vs. UdSSR 1:1
Gegen die UdSSR trauten viele Zuschauer ihren Augen nicht. War das wirklich Irland, der Neuling? Wir spielten den Mitfavoriten an die Wand. Angriff um Angriff rollte auf das Tor von Keeper Dassajew. Der Auftritt belehrte Kritiker, die uns nur Kick-and-rush zugetraut hatten, eines Besseren. Ein traumhafter Volley von Ronnie Whelan besorgte die Führung. Leider versäumten wir das zweite Tor. Als Oleg Protasov kurz vor dem Ende ausglich, fühlten wir uns um den Sieg betrogen: Der Schiedsrichter hatte zwei klare Elfmeter nicht gepfiffen. Statt der vorzeitigen Qualifikation fürs Halbfinale wartete nun ein Endspiel gegen Oranje.

16. Juni 1988

 
 
 
 
 
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