Als ich einmal fremdging

Verzeih mir, Werder!

Seit 25 Jahren ist Dirk Gieselmann Werder-Fan – mit zwei Monaten Unterbrechung. Hier spricht er erstmals über seine Affäre mit einem anderen Verein, wie es dazu kam – und bittet um Verzeihung für seinen Fehltritt.  Als ich einmal fremdging

Ja, verdammt noch mal! Ich gebe es zu: Ich bin fremdgegangen. Genauer gesagt: zwei Monate lang. Zwei Monate lang war ich nicht Werder-Fan. Ich war für den FC St. Pauli.

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Es war zu einer Zeit, da Werder sich nicht sonderlich viel Mühe gab, mir zu gefallen. Das soll keine Ausrede sein, bloß eine Erklärung! Aad de Mos hatte im Sommer 1995 König Otto Rehhagel beerbt und das altbewährte Konzept der »kontrollierten Offensive« einfach abgeschafft. Mit seiner Harakiri-Strategie stürzte er die Mannschaft ins Verderben, doch der Niederländer blieb sich treu: »Ich spiele weiterhin mit Risiko«, sprach er arrogant. »Schließlich profitieren alle davon: Wir, das Publikum und auch der Gegner.« Das war so selbst- wie erfolglos.

Im Januar, Werder stand auf einem erbärmlichen 15. Platz, wickelte sich der erratische Zampano endlich selbst ab. In einer Bremer Kneipe mokierte er sich darüber, wie schlecht Werder sei und wie sehr er, der Welttrainer, sich hier unter Wert verkaufe. Seine Gesprächspartner waren dummerweise Journalisten. Am nächsten Tag stand’s in der Zeitung und er auf der Straße.

Von Aad zu Dixie zu Magath

Sein Nachfolger war Dixie Dörner, er wurde einmal Neunter und einmal Achter, das stand ihm auch vorher schon ins Gesicht geschrieben. Ein 0:8 im Freundschaftsspiel gegen Atlético Madrid kostete schließlich auch ihn den Job. Wolfgang Sidka kam und ging, Felix Magath ebenfalls, auch ihnen gelang es nicht, die alte Griffigkeit wieder herzustellen. Ich rutschte ab – ins »Milljö«, wie meine Oma gesagt hätte.

Zu dieser Zeit hatten viele Jungs in meinem Alter nur zwei T-Shirts im Schrank: eines mit dem Konterfei des argentinisch-kubanischen Revolutionärs Ernesto »Ché« Guevara und eines mit dem Totenkopf-Emblem des FC St. Pauli. Beides hatte etwas Piratenhaftes, Unorthodoxes, Wildes, die Coolen trugen es, meine Eltern trugen es nicht – ich kaufte es mir also auch. So funktioniert Protest in der Provinz.

Zwei Monate lief ich damit rum und wusste sogar ungefähr, wer dieser »Ché« war, und auch, wer beim FC St. Pauli spielte: Klaus Thomforde, Dirk Dammann, Carsten Pröpper und Jens Scharping. Trainer war Uli Maslo. Dass diese Männer so gar nichts Piratenhaftes hatten, außer dass ihnen vor Misserfolg beinah die Zähne ausfielen, störte mich zunächst einmal nicht. Abstiegskampf ist Klassenkampf! Oder so. Naja.

Doch alsbald musste ich feststellen, dass das gemeinsame Tragen von T-Shirts keine Jugendbewegung zusammenhält. St. Pauli stieg mit nur 27 Punkten als Tabellenletzter aus der Bundesliga ab, und mit den ersten viel versprechenden Sommertransfers wandten sich die Kurzzeit-Sympathisanten wieder ihren alten Lieblingsvereinen zu (Bayern) oder suchten sich neue (Dortmund). Und kurz vor den großen Ferien fragte unser Geschichtslehrer einen Mitschüler, warum er denn eigentlich ein Ché-Guevara auf der Brust trage. »Ich finde ihn gut«, erklärte dieser, »weil er Fidel Castro erschossen hat.«

Ich schämte mich. Für ihn, für uns, für mich vor allem. Schließlich kehrte auch ich reumütig zu meinem SV Werder zurück. Ich hoffe, er hat mir verziehen.

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