Als Hansi Küpper das WM-Finale 1974 verpasste

»2:1 für uns!«

Hansi Küpper ist einer der bekanntesten deutschen Fußball-Reporter. Hier erzählt er, wie er – ganz bewusst – das Finale 1974 zwischen Deutschland und Holland verpasste.

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Mein Vater hat sich eigentlich nie groß für Fußball interessiert. Er hatte keinen Verein, dem er über Jahre die Treue hielt, ehrlich gesagt, er hat mich sogar nie zu meinen Fahrten ins geliebte Westfalenstadion begleitet. Aber wehe, die deutsche Nationalmannschaft spielte bei einer WM oder EM. Dann veränderte sich etwas am Wesen meines Vaters. Er nahm die Spiele persönlich. Sich 90 Minuten Livefußball der deutschen Mannschaft vor dem Fernseher mit meinem Vater zu geben, dazu gehörte schon eine ganze Menge Durchhaltevermögen. Vorsichtig gesagt: Er konnte dann ganz schön aus der Haut fahren.

Ich tippte jedes Spiel. 20 Mal. Wie ein Irrer!

Bei der Weltmeisterschaft 1974 erlebte ich meinen alten Herren als Fußball-Verrückten in Reinkultur. Besonders die Niederlage gegen die DDR machte ihn fix und fertig, die halbe Einrichtung flog während der 0:1-Niederlage durch unser Wohnzimmer. Ich war damals 13 Jahre alt und selbstverständlich längst auf Fußball fixiert. Vier Jahre zuvor, bei der WM 1970, hatte ich mir die Turnierpaarungen aufgeschrieben und die Spiele durchgetippt – und zwar nicht nur einmal. Zehnmal, 20 Mal, wie ein Irrer. Will sagen: Ich war dem Spiel bereits mit den Haut und Haaren verfallen. Und so saß ich mit meinem Vater 1974 vor dem Fernseher und verfolgte mit zitternden Händen die deutschen Spiele. Besonders die unglaublich spannenden Partien gegen Polen und Schweden waren unerträglich. Nicht nur, weil mein Vater einen Herzinfarkt riskierte, auch für mich bedeuteten diese Spiele eine nervlichen Extrembelastung. Kaum war die Wasserschlacht gegen Polen gewonnen und Deutschland im Finale, fassten mein Vater und ich einen Entschluss: Wir würden uns das Endspiel gegen die Holländer nicht anschauen.

Bei meinen Freunden erntete ich für diese Entscheidung selbstverständlich eine Mischung aus Empörung, Gelächter und Unverständnis. Niemand konnte verstehen, warum ich das größte Spiel seit dem legendären »Wunder von Bern« nicht live vor dem Fernseher verfolgen wollte. Aber ich blieb standhaft. Als am 7. Juli 1974 kurz vor 16 Uhr die Nationalhymnen erklangen, verließen mein Vater und ich unser Haus in Werne.

Unser Plan: Im Stadtwald das Finale vergessen

Und Plan war folgender: Wir wollten auf schnellsten Weg den Stadtwald erreichen, um dort in aller Abgeschiedenheit die 90 quälenden Minuten plus Halbzeitpause mit einem langen Spaziergang zu überstehen. Das Ergebnis würden wir dann bei unserer Rückkehr erfahren. Doch schon nach einer Minute wurde unser Vorhaben von unserer Nachbarin Renate torpediert. Sie rannte auf die Straße und schrie meinem Vater nach: »Hans, es steht schon 1:0 für die Holländer!« Wir wären am liebsten im Erdboden versunken. Jetzt würden uns die Holländer um Cruyff und Co. überrollen, so viel war sicher. Was für eine Blamage, was für eine Schande. Mit schnellen Schritten hasteten wir über die Selber Straße und den Goetheweg in den Stadtwald. Als uns die Stille des Waldes umhüllte, beruhigten wir uns langsam wieder.

Etwa eine Halbzeit lang mussten wir über die Trampelpfade marschiert sein, ehe wir den Parkplatz des Krankenhauses erreichten, das auf einem Hügel im Stadtwald über Werne thronte. Auch dort war es menschenleer. Bis auf eine Frau, die bei geöffneter Wagentür das Spiel am Radio verfolgte. Kaum hatten wir den Parkplatz erreicht, hörten wir aus den Fenstern des Krankenhauses unbeschreibliche Jubelschreie. Hunderte von Kranken brüllten ihre Freude heraus. Das musste der Ausgleich für Deutschland sein! Mein Vater sprintete zu der Frau im Auto, ich blieb am Waldrand stehen. Ich werde diesen Anblick nie vergessen: Wie sich mein Vater wieder zu mir umdrehte, auf die Knie ging, die Arme in die Luft riss und brüllte: »2:1 für uns!«

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