Als Franco in die EM eingriff
10.03.2011

Als Franco in die EM eingriff

Einmal Kalter Krieg spielen

Im Viertelfinale der EM 1960 musste Spanien gegen die Sowjetunion antreten. Doch schon der Flug nach Moskau wurde gestoppt. Diktator Franco ließ das Spiel boykottieren – und nahm einer großen Generation ihre letzte Chance.

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Im Winter des Jahres 1960 standen die cuatro leyendas am Flughafen von Madrid, die vier Legenden Ladislao Kubala, Francisco Gento, Luis Suárez und Alfredo di Stéfano. Die kunstvoll gekämmten Tollen noch nass von der letzten Dusche im Trainingslager, waren die für Spanien spielenden Weltstars nun bereit, nach Moskau zu reisen, um sich im Viertelfinale der ersten Europameisterschaft mit der UdSSR zu messen. Die Wunderoffensive gegen die Betonabwehr um den schier unbezwingbaren Torwart Lew Jaschin – das hätte ein Duell werden können, von dem man noch heute ehrfürchtig erzählt. Doch was übrig blieb, war ein politisches Exempel, statuiert von einem, der auch mal beim Kalten Krieg mitspielen wollte.



21 Jahre zuvor hatte Francisco Franco, Generalissimus einer faschistischen Rechten, die Macht über Spanien an sich gebracht. Dass die Republikaner, seine erbitterten Gegner im verheerenden Bürgerkrieg, von den Sowjets unterstützt worden waren, konnte er nicht vergessen. Zwar fand sich der Diktator in der neuen Weltordnung nach 1945 im politischen Westen wieder, galt aber dort, wie auch sein portugiesisches Pendant António Salazar, als Schmuddelkind. In die großen Ränkespiele durfte er sich deshalb nicht einschalten. Doch kurz vor dem Abflug der selección in die Sowjetunion schlug die Stunde seiner privaten Kriegserklärung. Im Land des Erzfeindes antreten und sich seinem Protokoll unterwerfen? Undenkbar. Ihn dann auch noch zum Rückspiel ins eigene Land lassen? Niemals!

»Warum? Warum?«


Franco verhängte den Boykott – Totschlagknüppel der Potentaten gegen den Sport, Alptraum der Athleten. »Warum? Warum?«, rief Alfredo di Stéfano entsetzt, als die Nachricht seine Mannschaft erreichte, und immer wieder: »Warum?« – »Befehl von Vega«, gab ihm ein Graurock trocken zur Antwort. Er meinte den Innenminister des Franco-Regimes, der gemeinsam mit Informationsminister Salgado die von Franco erwünschten Maßnahmen getroffen hatte. Der wackere Verbandspräsident Lafuente Chaos insistierte, der Fußball möge doch bitte schön von ideologischen Ressentiments verschont bleiben. Doch die Phalanx der Verbissenen konnte auch er nicht durchbrechen. »Fußballspiel fällt Kaltem Krieg zum Opfer«, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP am Tag darauf.

Die UEFA unter dem Vorsitz Pierre Delaunays versuchte zu vermitteln, damit diese erste EM nicht sofort zur Bühne politischer Zänkereien wurde. Überdies rang sie selbst noch um ihre Rolle in einem zwischen den Blöcken eingeklemmten Europa. Zwar nahm die spanische Regierung das Angebot Delaunays an, die Spiele auf neutralem Boden auszutragen. Die Sowjet-Funktionäre aber hatten erkannt, dass ihre Elf kampflos ins Halbfinale einziehen konnte, und lehnten den Kompromiss kalt lächelnd ab. So blieb der UEFA nichts anderes übrig, als die UdSSR für das Halbfinale zu nominieren, außerdem wurden die Spanier zu einer Strafe von 2000 Schweizer Franken verdonnert, und die Ausrichtung der Endrunde, für die sie Interesse angemeldet hatten, blieb ihnen verwehrt.

Die fand schließlich in Frankreich statt. Im Halbfinale setzten sich die Sowjets mit 3:0 gegen die Tschechoslowaken um Josef Masopust durch. Im Endspiel von Paris trafen sie dann auf Jugoslawien. Nach einem frühen Rückstand gelang Metreweli der Ausgleich, in der Verlängerung erzielte Ponedelnik per Kopf den 2:1-Siegtreffer für die UdSSR. Der Held des Finales aber war Lew Jaschin, die »schwarze Spinne«, der die wütenden Schüsse der Jugoslawen absorbierte, als wären es von Kleinkindern geworfene Wattebäusche. Das französische Fachblatt L’Équipe jubelte: »Jaschin hätte vermutlich jeden Angriff der Welt zur Verzweiflung gebracht.« Ob das auch für die cuatro leyendas gegolten hätte, muss Spekulation bleiben. Sie verließen die Wartehalle des Madrider Flughafens unverrichteter Dinge, auf sein bitteres »Warum?« hatte di Stéfano keine befriedigende Antwort erhalten. Es sollte die letzte Chance gewesen sein, sein Ausnahmetalent in einem Länderturnier unter Beweis zu stellen. Bei der WM zwei Jahre später in Chile saß er nur auf der Tribüne, auch Kubala und Gento traten alsbald von der Bühne des Weltfußballs ab. Nur Luis Suárez stand in jener Elf, die 1964 im EM-Finale von Madrid doch noch auf die UdSSR traf und mit einem 2:1 den bis heute einzigen Titel für Spanien erringen konnte.

Auf seinem Balkon hoch oben im Estádio Santiago Bernabéu feierte Francisco Franco. Das Finale hätte er nicht boykottieren können, und nun war auch sein jahrzehntelanger Hass für einen Augenblick dem Rausch des Sieges gewichen. Eine Karikatur, welche die spanische Zeitung ABC am nächsten Tag veröffentlichte, ließ ihn zu Kapitän Suárez sagen: »Sie und ich haben uns als Sieger erwiesen. Wir haben die Roten geschlagen!« Vorstellbar, dass sich Luis Suárez etwas Ähnliches anhören musste, als ihn der General einige Tage nach dem Finale zur Audienz bat. Wie dieser sich im Triumph der selección sonnte, war Suárez ein Graus. »Als mir die Nadel ans Revers geheftet wurde«, sagte er später über die dubiose Ehre, die ihm zuteil wurde, »musste ich mich zu einem Lächeln zwingen, das mehr Kraft kostete als alle Spiele meiner Karriere zusammen.«


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