19.06.2013

Als Fans von Hapoel Tel Aviv ihren Verein kauften

Rebellen in Turnschuhen

Seite 2/3: Eine Kampagne muss her
Text:
Stephan Knieps
Bild:
Imago

Die Ultras von Hapoel sehen sich als Gegenbild zum großen Rivalen Maccabi Tel Aviv, dem Klub der Reichen, wie sie hier sagen. Hapoel, hebräisch für »Arbeiter«, entstand aus der Histadrut, der israelischen Arbeiterbewegung. »Unser Klub ist ein Teil der Linken-Bewegung, Teil der Antifa«, sagt Bouchman. Zum FC St. Pauli besteht eine Fan-Freundschaft.

»Die Sache mit Tabib ist: Er zeigte nicht, dass er den Klub liebt, er sah ihn nur als Business«, sagt Grosman. »Hapoel-Fans möchten aber, dass die rote Fahne auch rot bleibt.« In Israel, sagt Nimrod Bouchman, sei das Einkaufen in einen Verein recht einfach – und damit ein großes Problem: »Mit genügend Geld kannst Du einen Verein einfach kaufen, dann gehört er dir. Du kannst damit machen, was Du willst. Du kannst ihn auch schließen. Die Fans können nichts tun – außer protestieren.«

Und die Fans protestierten. Ein Fall erregte gar die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft: Weil ein Hapoel-Fan vor Tabibs Haus den Eigentümer lautstark verflucht hatte, eskalierte die Situation und Tabib und seine Bodyguards traktierten den Fan mit Schlägen. Beide, Tabib und sein Bodyguard, wurden wegen Körperverletzung angezeigt.

Bouchman denkt also, wie er es gelernt hat: Eine Kampagne muss her. »Ich sagte den Ultras: Wir brauchen einen Plan.« Also macht er einen Plan. Er gründet die Homepage savehapoel.com. Gemeinsam mit anderen Fans erfindet er die Kampagne »E.T. go home«, Tageszeitungen berichten. Und das Wunder wird wahr. Von den T-Shirts verkaufen sie tausende, wie Bouchman sagt. Von dem Geld drucken sie Plakate, Flyer, Buttons, sogar Hunde tragen die Fotomontage spazieren. Es kursiert ein youtube-Video, in denen ein Maradona-Double den Satz sagen: »Eli Tabib, go home«. In der ganzen Stadt wird E.T. auf Fotos nach Hause geschickt, der Druck auf Tabib wird immer stärker. Schließlich, am 18. Juni 2012, tritt Tabib zurück. Die Fans haben gesiegt.

Die Fans kaufen sich ein

»Das«, sagt Bouchman in seinem Büro feierlich, »hat es in Israel noch nie gegeben. Nicht auf diesem Level.« Die israelische Tageszeitung »Haaretz« schreibt anerkennend, Hapoels Fans hätten mit ihrem Protest »eine neue Ära« bereitet. Doch nun wollen die Anhänger mehr, sie wollen den nun kopflosen Verein selbst kaufen.

Am 17. Juli 2012 leitet Bouchman die nächste Phase seiner Kampagne ein: Er gründet die Non-profit-Organisation Haadumim (hebräisch für: Die Roten). Es finden sich fast 4000 Fans, die für Haadumim spenden. Am Ende reicht es zwar nicht für die geplanten 50, aber immerhin für 20 Prozent von Hapoel Tel Aviv. Drei Haadumim-Abgesandte arbeiteten von nun an mit den Klub-Offiziellen zusammen. Neuer Mehrheitsbesitzer wird der ehemalige israelische Justizminister Haim Ramon. Er verkündete auf der Pressekonferenz beim Abschied von Eli Tabib: »Hapoel-Tel-Aviv-Fans sind, mehr als in allen anderen Teams, das Herz und die Seele des Teams.«

Die Fan-Organisation hat nun eine eigene Repräsentanz auf Hapoels Trainingsgelände, dem Hodorov-Platz, wo auch die deutsche U21-Nationalmannschaft während der EM trainierte. Das Büro ist eine Art Container, provisorisch mit Wellblech bedeckt, wie man es von Baustellen kennt. Viele Umzugskartons stehen herum. An den Wänden hängen Eintrittskarten bedeutender Spiele, wie etwa vom Champions-League-Auswärtsspiel auf Schalke am 20. Oktober 2010. Wie bei echten Fans eben. Natürlich ist der Container rot angestrichen, wie auch der Rest des Klubgeländes in Rot leuchtet.

Was machen Die Roten nun mit ihrer neuen Macht? Sie holen einen altbekannten Helden zurück: Itay Shechter. Der Stürmer spielte von 2009 bei Hapoel, bevor er 2011 in die Bundesliga zum 1. FC Kaiserslautern wechselte; im August 2012 wurde er an den FC Swansea ausgeliehen. »Er ist hier ein großer Star. Die Leute lieben ihn«, sagt Bouchman. »Nicht nur wegen seiner Fähigkeiten, sondern auch wegen seiner Persönlichkeit.« Er schaut auf sein Handy: »Er müsste heute den Vertrag bei Hapoel unterzeichnen.«

Der Itay-Shechter-Transfer ist der nächste Coup von Nimrod Bouchman und den Haadumim-Mitgliedern. Sie brauchten etwa 1 Million Euro, um ihn von Kaiserslautern loszukaufen. »Das ist viel Geld, was der Klub nicht hat«, sagt Bouchman. Also schlugen die Haadumim-Mitglieder der Klubführung etwas vor, was ihnen im Grunde widerspricht: Das Erhöhen der Ticketpreise um zehn Prozent. Die Organisation sammelte zudem bei wohlhabenden Hapoel-Fans Geld für den Transfer, für die Heimkehr ihres Helden. »Wir sammelten etwa 300.000 Euro«, erzählt Bouchman. Den Rest steuerte der Verein bei.

»Wir wollen jemanden, der auf uns aufpasst«

Die Fans eines Erstligisten bestimmen mit, welcher Eigentümer gehen, welcher Spieler kommen soll. Was klingt wie der Traum für Fußballbegeisterte, kann einen Klub aber auch aufreiben. Alle Fans eines Vereins sind selten einer Meinung. Zudem haben wohl die wenigsten Erfahrung in der Spielertransferpolitik. Die Zeitung »Haaretz« schreibt dazu kritische Artikel, einer trug die Überschrift »Zu viel Köche verderben den Brei bei Hapoel Tel Aviv«. Tenor: Die Fans würden ihren Klub »zerstören«.

Zu viele Shareholder versuchten den Klub in verschiedene Richtungen zu ziehen. Dazu zitiert die Zeitung einen anonymen Insider einer der Shareholder, der beklagt: »Hapoel hat sich in ein Team verwandelt, das von Fans kontrolliert wird.« Was sagt Bouchman zu solchen Vorwürfen? »Normalerweise sind Transfers Aufgabe des Managements, das ist schon richtig. Aber wenn in diesem Fall die Fans helfen können – warum nicht?«

 
 
 
 
 
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