Am letzten Spieltag in Rostock brauchte das Team also einen Sieg, um aus eigener Kraft den Titel zu gewinnen. Die »Kogge« hatte nur noch theoretische Chancen auf den Klassenerhalt. Bei Eintracht wurde ein Burgfrieden geschlossen – eine Woche lang sollten alle einfach mal die Klappe halten. Doch kaum war die Abmachung getroffen, kam wieder ein Detail aus dem Vertrag von Großverdiener Andreas Möller an die Öffentlichkeit: Während die anderen Eintracht-Spieler 50 000 Mark Meisterprämie erhalten sollten, war ihm das Vierfache versprochen worden. Um Ruhe ins Team zu bringen, quartierte sich die Eintracht zwei Nächte vor dem Saisonfinale in einem entlegenen Hotel in Graal-Müritz ein. »Großer Fehler«, sagt Coach Stepanovic heute. Denn dort hatten die Spieler viel Zeit, um bei ausgedehnten Strandspaziergängen über das Match im Ostseestadion zu sinnieren. Wenigstens sorgte Stepi wieder für Trubel, als er die Elf auf drei Positionen veränderte. Vor allem die Berufung des Ersatzspielers Frank Möller im Mittelfeld rief bei vielen Beteiligten nur noch Kopfschütteln hervor.
Stein und Möller holten die Sektkisten aus dem Kofferraum
Als Eintracht am Ende mit 1:2 verloren hatte, sprach keiner der Hitzköpfe mehr ein Wort. Als der Bus mit den Profis die einsame Landstraße von Rostock zum Flughafen nach Barth fuhr, gab Uli Stein bei Klein-Kusewitz das Zeichen zum Anhalten und forderte seinen Intimfeind Möller auf, mit ihm auszusteigen. Vor den leuchtenden Mecklenburger Rapsfeldern machten sich die beiden an den Ladeklappen des Busses zu schaffen und holten die Sektkisten heraus. Der Kapitän ließ die pathetische Queen-Hymne »The Show Must Go On« in den Kassettenrekorder legen und sprach: »In 38 Bundesligaspielen haben wir nur auf dem Feld gezeigt, dass wir eine gute Truppe sind. Jetzt lasst es uns einmal auch außerhalb beweisen …« Zum Bankett im Sheraton-Hotel an der Messe waren statt der erwarteten 600 Gäste nur 150 gekommen. »Sooo viel Essen«, jammerte Stepi. Der beurlaubte Manager Klaus Gerster sorgte noch für einen Eklat, als er ohne Einladung für ein ZDF-Interview vorbeischaute und von Eintracht-Präsident Manfred Ohms Hausverbot erteilt bekam. Als die Mannschaft tags drauf am Paulsplatz von 7000 dankbaren Fans erwartet wurde, sang Lothar Sippel, während er nach und nach seine Klamotten vom Balkon des Römers hinunter warf, den Hit der hessischen Band Rodgau Monotones »Frach mich net (wie’s mir geht)« – und sprach dabei ausnahmsweise mal allen Akteuren aus der Seele.
Was hätte aus diesem Team werden können? Die 10 Millionen Mark Antrittsgage in der Champions League, die nach dieser Saison das erste Mal ausgetragen wurde, hätten den Kader zusammengehalten. Es galt als sicher, dass Mehmet Scholl aus Karlsruhe nach Frankfurt käme, wenn der Titel eingefahren würde. So aber wechselte er nach München. Was bleibt, ist eine Elf aus Unvollendeten: Uwe Bein, der klügste Spielgestalter seiner Generation, ging als Zweite-Reihe-Weltmeister in die Geschichte ein. Vom Jungstar Ralf Weber blieb am Ende einer von Verletzungen geprägten Laufbahn das Bild eines Mannes, der in seiner Enttäuschung auf den Schiedsrichter los will und eine TV-Kamera zertritt. Uli Stein wurde 1994 nach harscher Kritik am Eintracht-Präsidium fristlos entlassen. Andreas Möller wechselte zu Juventus. Ein langer Rechtsstreit folgte, an dessen Ende der Profi dem Klub 2,54 Millionen Mark für seinen vorzeitigen Transfer zahlen musste. Wie im Falle von Tony Yeboah kam es wegen seiner Vertragsmodalitäten noch Jahre später zu einem Steuerverfahren. Ralf Falkenmayer, Axel Kruse, Uwe Bindewald, Jörn Andersen, Heinz Gründel – sie alle beendeten ihre Karriere ohne Meistertitel. Ein Jammer.
Manni Binz sagt: »Wir wollten doch zusammen Meister werden...«
Manfred Binz ist heute Co-Trainer bei Kickers Offenbach. Er sitzt in einem Café am Wilhelmsplatz, und wenn er über damals spricht, saust seine Faust oft in die Fläche der anderen Hand. Auch er hat nie mehr einen Titel gewonnen, obwohl er in acht Jahren 246 Spiele am Stück für Eintracht absolvierte. Die Verwerfungen in der Mannschaft von 1991/92 haben bei dem sensiblen Libero tiefe Narben hinterlassen. Uli Steins Führungsanspruch, sein ständiges Gestänker. Binz: »Nie war Ruhe – so gut es auch lief.« Auch Jahre später, als er dem Ex-Keeper beim Sportpresseball über den Weg lief, waren die Wunden noch nicht verheilt. Den Blick starr nach schräg links gerichtet, ging er wortlos am Ehepaar Stein vorüber. Als Binz in dieser Nacht nach Hause kam, konnte er nicht einschlafen. Er grämte sich bei dem Gedanken, nicht den Mumm gehabt zu haben, auf Stein zuzugehen und die Geister der Vergangenheit endlich ruhenzulassen. Es dauerte Jahre, ehe es eine neue Gelegenheit gab, sich mit ihm zu versöhnen.
Wieder schlägt Binz mit der Faust in die Handfläche. Jetzt, da er so ausführlich über den »Fußball 2000« redet, wünscht er sich, es hätte all die Streitereien, den »Ägga«, nie gegeben. Zwanzig Jahre später. Manni, der Libero. Heute ist er so frei, zu sagen: »Ich würde die Jungs alle gern mal wieder sehen – und in den Arm nehmen. Wir wollten doch zusammen Meister werden …«