Als Eintracht Frankfurt die Deutsche Meisterschaft vergeigte

Ein dreckiger Haufen

Vier Spiele, vier Siege – wer denkt bei dem gegenwärtigen Erfolg von Eintracht Frankfurt nicht an die glorreichen Jahre Anfang der Neunziger?

Die Sonne steht tief über Frankfurt. Bernd Hölzenbein sitzt am Schreibtisch in seinem schmalen Eckbüro mit Blick in die Arena und trifft mal wieder die Geister der Vergangenheit. Das Eintracht-Denkmal blättert im neuesten Pressespiegel und rollt den Stapel Meldungen, als wolle er die Buchstaben so in Unordnung bringen, dass sie ihren Sinn verändern. Zwischen die Berichte über die aktuelle Zweitligasaison hat sich eins dieser »Was macht eigentlich ...?«-Interviews verirrt. Anthony Yeboah plaudert über einen Vertrag, den er vor zwanzig Jahren mit Eintracht Frankfurt schloss. Es gab damals ein Steuerverfahren. Es ging um nicht abgeführte Mehrwertsteuer, um verdeckte Gehaltszahlungen. Yeboah sagt in dem Interview, er habe die Vertragsmodalitäten gar nicht richtig verstanden und gedacht, Eintracht würde alles regeln. Hölzenbein, der den Kontrakt damals als Vizepräsident des Klubs unterzeichnete, wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Er pfeffert den Pressespiegel auf den Tisch und sagt: »Ich habe den Fußball geliebt, den diese Jungs gespielt haben.« Hölzenbein sieht dabei aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Er ist ein Bauchmensch. Ein Instinktfußballer, der Tore im Sitzen schoss und in einem WM-Finale mal zur rechten Zeit am rechten Ort in den Staub tauchte. Einer, der die Schönheit, den Fintenreichtum, die Dynamik und Unberechenbarkeit des Fußballs liebt. Weiß Gott kein Mann der Zahlen.

Motto: »Hessen zurück an die Spitze«

Im Herbst 1988 trat er als ehrenamtlicher Vizepräsident bei seiner Eintracht an, die zu diesem Zeitpunkt gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpfte. Er hatte eine Vision und ein kämpferisches Motto: »Hessen zurück an die Spitze«. In 420 Bundesligaspielen für die Frankfurter hatte er sich stets auf Augenhöhe mit dem FC Bayern gesehen. Mit einem Näschen für spielstarke Fußballer machte er sich also auf die Suche nach Kickern aus der Region. Schon bald bestand die Hälfte des Kaders aus gebürtigen Hessen. Gemeinsam zelebrierten sie Angriffsfußball mit einer für deutsche Teams bis dato unerreichten Leichtigkeit und Eleganz – doch gleichzeitig setzten sie für das Klischee der »launischen Diva vom Main« neue Maßstäbe.

In der Saison 1991/92 lief eine Elf im Dress der Eintracht auf, die wie ein Versprechen an die Fans des Klubs anmutete, der seit 1959 auf einen Meistertitel wartete: im Tor der gnadenlose Rächer Uli Stein, der mit 37 Jahren im Zenit seiner Schaffenskraft stand. Der phlegmatische Libero Manfred Binz ging an guten Tagen als rechtmäßiger Erbe von Franz Beckenbauer durch. Für Uwe Bein war keine Gasse zu eng, um den tödlichen Pass hineinzuspielen. Vor ihm kreuzte der begnadete Andreas Möller, der mit Ball schneller lief als dreiviertel aller Bundesligaspieler ohne. Und im Sturmzentrum der Ghanaer Yeboah mit baumstammdicken Oberschenkeln. Ein Angreifer, bei dem allein die Kopfbälle strammer waren, als durchschnittliche Vorstopper schießen konnten. Diese Achse aus Künstlern ergänzte ein Kabinett aus Schlitzohren und Charakterköpfen, allesamt Gegenentwürfe zu angepassten Profis: Heinz Gründel, Axel Kruse, Lothar Sippel, Jörn Andersen, Edgar Schmitt, Ralf Weber.

Wenn er es nicht ohnehin schon war, machte diese Elf aus Bernd Hölzenbein einen Melancholiker. Als Harmoniesüchtiger wollte er nur eins: dass sich diese großartigen Spieler gut in Frankfurt fühlten. Für sie war er sogar bereit, Verträge abzuschließen, die nicht im Einklang mit dem Steuerrecht standen. Wenn sie samstags zauberten, standen ihm Tränen der Rührung in den Augen. Im Sommer 1991 glaubten 70 Prozent der deutschen Fußballfans, dass diese Männer in der Lage seien, den Meistertitel zu erringen. Doch wie sagte schon Luis Cesar Menotti: »Ein Mythos wird erst durch das Ende der Geschichte geprägt.«

Alfred Konz aus Berg oder Alfred Berg aus Konz?

Das Ende war ein Pfiff, der am 16. Mai 1992 nicht ertönte. Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz übersah beim Stand von 1:1 in der 76. Minute des 38. Spieltags der ersten gesamtdeutschen Bundesligasaison ein Foulspiel am Frankfurter Ralf Weber im Strafraum von Hansa Rostock. Die Eintracht brauchte nach einer grandiosen Saison einen Sieg beim Absteiger von der Ostsee. In einem dramatischen Finale sicherte sich so der VfB Stuttgart den Titel, obwohl Eintracht insgesamt 19 Spieltage Tabellenführer gewesen war. Referee Berg erhielt nachher Todesdrohungen, die Familie flüchtete vorübergehend aus Angst vor Anschlägen aus ihrem Haus. Noch zehn Jahre später, als Eintracht-Fans für ein Buchprojekt um ein Gespräch baten, lehnte Berg ab. Die Sache habe ihn doch zu lang beschäftigt. Aber ein nicht gegebener Elfmeter allein reicht nicht als tragische Pointe auf die Story eines Teams, das so facettenreich war.

Der Karlsruher Michael Harforth war es, der im Sommer 1991 dem Eintracht-Spiel den Stempel großer Fußballkunst aufdrückte. Nach dem Spiel seines KSC in der dritten Runde des DFB-Pokals sagte er: »Wenn man die im Fernsehen sieht, meint man, da kann man mithalten. Doch wenn man dazwischen steht und sie mit Doppelpässen an einem vorbeirauschen, das ist schon was anderes. Das ist Fußball aus dem Jahr 2000.« Er meinte es keineswegs ironisch, auch wenn Harforth Eintracht kurz zuvor mit einem Tor aus dem Wettbewerb geschossen hatte. Die Tatsache, dass der Urheber des Begriffs »Fußball 2000« gleichzeitig einer seiner Bezwinger war, zeigt die Ambivalenz dieser Elf, die sich an ihrer Genialität ergötzen und gleichzeitig an ihrer Eitelkeit scheitern konnte. Als Axel Kruse im Herbst 1990 noch bei Hertha BSC kickte, wunderte er sich im Punktspiel gegen Eintracht, wie sehr es im Team des Gegners brodelte. Die Frankfurter pöbelten sich auf dem Platz gegenseitig an und ließen unliebsame Mitspieler auch mal vergeblich auf einen Pass warten. Aber sie spielten großartig.

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