25.09.2012

Als Eintracht Frankfurt die Deutsche Meisterschaft vergeigte

Ein dreckiger Haufen

Seite 3/4: Die verpasste Chance gegen betrunkene Bremer
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Auch Steins Verhältnis zu Dragoslav Stepanovic war zwiespältig. Schon am Tag seiner Amtsübernahme am Riederwald hatte der Serbe ein Machtspiel mit zwei Führungsspielern begonnen. Heinz Gründel erinnert sich: »Einer der ersten Sätze, die Herr Stepanovic sprach, lautete: ›Weiß ich genau, dass alle Angst haben vor Stein und Gründel.‹« Zum Antreiber im Tor gab es für Stepi keine Alternativen, doch Gründel wurde nach der Winterpause zeitweise auf die Tribüne verbannt. Der »schöne Heinz« hatte sich nur bedingt begeistert vom Vorschlag des Trainers gezeigt, fortan als Wasserträger für Andreas Möller zu fungieren.

Trotz des Ärgers hielten sich die Flurschäden in Grenzen. Nach der Hinrunde war Eintracht Tabellenführer. Bei den Bayern hatten sie mit einem 3:3 grandios aufgetrumpft. Mit einem 3:6 in Duisburg bewiesen sie, dass es möglich ist, mit neun Angreifern ein Spiel zu gewinnen. Der 2:1-Sieg in Stuttgart, als es den Hessen gelang, einen 0:1-Rückstand beim schwäbischen Meisterschaftsaspiranten zu drehen, gilt für viele bis heute als das beste Spiel dieser Saison.

Im Winter kam die Diva raus

»Doch im Winter kam die Diva raus«, sagt Manfred Binz. Andreas Möller kokettierte öffentlich mit einem Wechsel nach Italien. Manager Gerster wurde wegen diverser Interessenkollisionen vom Klub beurlaubt. Möller hatte sich verpflichtet, bis 1993 in Frankfurt zu bleiben, andernfalls musste er sich für fünf Millionen Mark aus dem Vertrag herauskaufen. Doch erst hieß es, Juventus wolle von seiner Kaufoption Gebrauch machen, dann, Atalanta Bergamo habe Juve die Option abgekauft. Dann wieder bekräftigte Möller, es sei ihm »eine moralische Verpflichtung, für Frankfurt zu spielen.« Es blickte kaum noch einer durch, sogar die FIFA wurde angerufen und nannte Klaus Gerster zeitweise eine »unerwünschte Person«. Axel Kruse äußerte zur Causa Möller: »Der muss doch erst mal in seine Lügenfibel schauen.« Uli Stein ließ über seinen Anwalt einen Beschwerdebrief an die Klubführung schicken. Der Kernsatz lautete: »Innerhalb des Klubs laufen Dinge, die mit Profi­fußball nichts mehr zu tun haben.«

Die Mannschaft zerfiel in Lager: Da waren die »Gerster-Boys«; die neutrale Mitte mit umgänglichen Spielern wie Uwe Bindewald, Ralf Falkenmayer, Uwe Bein und Anthony Yeboah. Dragoslav Stepanovic sprach von Heinz Gründel, Axel Kruse, Stefan Studer und Lothar Sippel bald nur noch als »den Rebellen«. Bei einem von ihm angeordneten Spaziergang um einen Ententeich marschierten sie demonstrativ in entgegengesetzter Richtung zum Rest der Mannschaft. Uli Stein sympathisierte mit den Außenseitern, spielte aber mit seiner radikalen Haltung gegenüber dem geckenhaften Trainer und den zaudernden Funktionären in einer eigenen Liga. Stepi erkor die Not kurzerhand zur Tugend und zementierte das Image von der Frankfurter Zwietracht: »Kein Problem. Montag und Dienstag haben wir Theater, am Wochenende spielen wir dann gut. Vielleicht sollte ich noch zwei Spieler holen, damit Mittwoch und Donnerstag auch Theater ist – dann sind wir samstags noch besser.«

Die Rebellen ließen sich die Laune davon nicht verhageln. Selbst nach Niederlagen trafen sie sich zum Vorglühen in der Trattoria bei Rocco in Sachsenhausen, anschließend ging es zum Abhotten in die Mühlheimer Disco »Lemon« im Frankfurter Osten. Und wenn dort die Lichter ausgingen, zogen sie in die nahegelegene Wohnung von Lothar Sippel. Heinz Gründel: »Lothar war ein bisschen pingelig, wir mussten vor der Tür die Schuhe ausziehen.« Die weiße Auslegeware sollte schließlich nicht leiden. Einer drückte irgendwann mal die Sohlen in den Schmutz – und hinterließ an der Tapete lustige Spuren. Im Stockwerk über Sippel wohnte Stefan Studer mit seiner Freundin. Und wenn es unten hoch herging, entfuhr einem der Feierbiester auch mal ein lautstarkes: »Stefan, komm runter.«

Hölzenbein brauchte nach der »Sport-Bild«-Lektüre eine Magentablette

Es waren die letzten unschuldigen Jahre des Profifußballs. Medien hatten es nicht nötig, die Besäufnisse der Profis zu dokumentieren, denn der meinungsfreudige Kader lieferte auch so genug Stoff. Und wenn mittwochs die »Sport-Bild« erschien, musste Vizepräsident Bernd Hölzenbein nach dem Frühstück erst mal eine Magentablette einwerfen, damit er die Schlagzeilen des Tages ertrug. Keine Woche verging, ohne dass einer der streitbaren Eleven wieder vor Reportermikrofonen sein Seelenleben ausgebreitet hatte. Der »Kicker« schrieb: »Krach, Stunk, Eifersucht, Zwietracht und Neid beherrschen das Geschehen.«

Doch im Gegensatz zu heutigen Meisterschaftsaspiranten waren die kernigen Eintracht-Profis nicht nur in Bezug auf die Mitspieler selbstbewusst. Mit Ausnahme des FC Bayern gibt es keinen Klub mehr, der offen dazu steht, dass nur der Titel das Happy End einer Saison sein kann. Manni Binz sagt: »Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht und laut gesagt: Wir wollen Meister werden.«

Und so gelang es der Eintracht, nach 34 Spieltagen Deutscher Meister zu sein. In dieser Phase laborierte Uwe Bein an einer Knochenhautentzündung auf dem Spann und trainierte kaum noch. Im Umfeld des Teams grassierte der Gag: »Woran merkt man in Frankfurt, dass Freitag ist? Uwe Bein kommt zum Training!« Stepanovic, der bei seinen Aufstellungen stets mit kleinen Papierzetteln hantierte, auf denen die Namen der Profis standen, schob die Schnipsel immer willkürlicher über die Taktiktafel. Bei seiner Personalpolitik setzte er auf Überraschungseffekte, um den dauernden Zoff zu kompensieren. Ein Zitat aus diesen Wochen: »Hab isch neue Mann in de Spiel geworfe – und patsch, ham mer gewonne.« Am 34. Spieltag begnadigte er Minuten vor Anpfiff in Leverkusen Heinz Gründel und stimmte sich darüber mit dem Mannschaftsrat im Duschbereich ab. Eintracht siegte 3:1 und war Tabellenführer. Doch die deutsche Einheit hatte in diesem Jahr die Zusammenlegung der Ligen bewirkt – und damit die Verlängerung der Saison um vier weitere Spiele.

Borowka dachte »Och, nööööö!«

Am 9. Mai 1992 standen elf Eintracht-Profis im Spielertunnel des Waldstadions und warteten darauf, Seite an Seite mit der Mannschaft von Werder Bremen zum letzten Heimspiel der Saison einzulaufen. Die Bremer hatten drei Tage zuvor den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. In der Bundesliga bewegten sie sich längst im Niemandsland der Tabelle. Dieter Eilts und Uli Borowka hatten sich eine Glatze schneiden lassen, Partystimmung lag in der Luft. Ein entspannter Frühlingskick stand bevor. Borowka freute sich, nach dem Match mit den frischgebackenen Meistern einen Sekt-Aufguss zu machen: »Aber was machen die? Treten von der ersten Minute an wie die Irren! Binz! Gründel! Selbst der Möller! ›Och, nöööööö!‹, habe ich gedacht – und dann haben wir dagegen gehalten.« Erst in der 82. Minute konnte Tony Yeboah die Bremer 2:1-Führung ausgleichen. Selbst mit vereinten Kräften gelang es nicht, Schiedsrichter Lothar Löwer dazu zu bewegen, einen Strafstoß zu pfeifen. Dieter Eilts grätschte Uwe Bein in den Staub des 16-Meter-Raums, Borowka säbelte einer inneren Bestimmung folgend noch Sippel und Yeboah um – 
doch der Pfiff blieb aus. Am Ende hieß es 2:2. Da wurde selbst Uwe Bein stinkig und schnauzte Richtung Referee: »Du bist der größte Feigling, den ich je gesehen habe.«

 
 
 
 
 
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