25.09.2012

Als Eintracht Frankfurt die Deutsche Meisterschaft vergeigte

Ein dreckiger Haufen

Seite 2/4: Die Brandherde der Eintracht
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Die Brandherde waren vielfältig. Während Hölzenbein mit der Beharrlichkeit eines Bibers an seiner Idee von einer Spitzenmannschaft feilte, stellte er die Vernunft auch mal hintenan. Im Sommer 1990 lockte er Andreas Möller als Cocktailkirsche auf diesen Kader zurück an den Main. Dessen Berater Klaus Gerster – wegen seiner Haarpracht, dem Schnurrbart und seiner dunklen Mäntel in der Branche als »schwarzer Abt« bekannt – handelte für seinen Schützling nicht nur einen exorbitanten Vertrag aus. Gerster erhielt überraschend auch den Posten als Eintracht-Manager. Durch das viele Geld und die Protektion durch den Berater in Doppelfunktion erschien Möller einigen Teamkollegen in zweifelhaftem Licht. Dann wurde ruchbar, dass er vor seinem Wechsel eine Kaufoption bei Juventus Turin unterschrieben hatte, die seinen Verbleib in Hessen ohnehin zeitlich begrenzte. Anstatt die geschäftlichen Vereinbarungen durch bedingungslosen Einsatz zu rechtfertigen, befeuerte Möller sein Divenimage noch, indem er auf dem Platz je nach Tagesform zwischen Galavorstellung und Lustlosigkeit changierte. Für Keeper Uli Stein, den schon Ernst Happel gewarnt hatte, er solle aufpassen, dass sein Ehrgeiz ihn nicht auffräße, war das lethargische Supertalent von Anfang an ein rotes Tuch. Dass Möller zudem mehr als dreimal so viel wie der Rabauke zwischen den Pfosten verdiente, machte die Sache nicht besser.

Wer heute Klaus Gerster in seinem Büro in Bad Homburg besucht, betritt das Obergeschoss einer Neubauvilla. Auf dem Schreibtisch begrüßt ein Schild den Besucher. Auf Englisch steht dort: »Reden Sie nicht über sich selbst, wir machen das schon, wenn Sie gegangen sind.« Die Wände zieren Fotos von Andreas Möller bei seinen großen Erfolgen. »Der Andy« mit dem Europacup, nach der ersten Meisterschaft mit Borussia Dortmund, mit dem DFB-Pokal als Schalker. Der Ex-Kicker wohnt gleich um die Ecke, Gerster und er sind noch immer so vertraut wie Brüder. Eines der größten Bilder im Büro des sonnengebräunten Geschäftsmannes, auf dessen surrendem Smartphone ständig prominente Namen aus der Fußballszene aufleuchten, zeigt seine damaligen Klienten, die »Gerster-Boys« 
(Spitzname im Mannschaftskreis) Möller und Binz, wie sie in trauter Umarmung nach einem Vorbereitungsspiel Ende Juli 1991 am Bornheimer Hang vom Rasen schlendern. Sie sehen aus, wie zwei Nachschwärmer nach einer Partynacht auf dem Trottoir in der Morgensonne. Beglückt und schwelgerisch, es fehlt nur die Flasche Champagner. Soeben haben sie den Lokalrivalen vom FSV, damals ein Drittligist mit Aufstiegsambitionen, mit 16:0 aus dem Stadion gefegt. Ein Sieg wie ein Weckruf. In diesen Wochen reifte im Team das Bewusstsein, in der neuen Spielzeit Großes vollbringen zu können.

Stepanovic, ein Zigarillotyp im Zweireiher

Kurz zuvor hatte der Serbe Dragoslav »Stepi« Stepanovic das Traineramt von Jörg Berger übernommen, dessen ständiger Tritt auf die Euphoriebremse eine Meuterei bei den barocken Spielercharakteren heraufbeschworen hatte. Stepanovic war einst Hölzenbeins Mitspieler bei Eintracht gewesen. Ein Weltklasseverteidiger, nun ein solider Amateurtrainer, der im Hauptberuf eine Schänke in einem Einkaufscenter im Nordosten Frankfurts unterhielt. Ein Zigarillotyp im Zweireiher mit mächtig Balkanschmäh, der selbst in diesem dreckigen Haufen aus Exzentrikern noch als Paradiesvogel durchging. Einer mit der langen Leine.

Der Vize entschied sich für den Serben als Coach nicht etwa, weil er ihn für ein Taktikgenie hielt. Er sagt: »Die Mannschaft war so gut, die brauchte eigentlich gar keinen Trainer, die brauchte einen, der sie unterhält.« Und das tat Stepi. In der Saisonvorbereitung ließ er sein Starensemble nach einigen beinharten Konditionswochen nur noch in Freundschaftsspielen gegen Amateurteams antreten. Sie sollten Spaß am Fußball haben, ihr unwiderstehliches Pressing aufziehen und Appetit aufs Toremachen kriegen. Der Kantersieg gegen den FSV war nur einer von vielen Denkzetteln, die das Team im Juli 1991 im Rhein-Main-Gebiet verteilte. SpVgg Bad Homburg – Eintracht 0:9, FC Kufstein – Eintracht 0:8, FC Vils – Eintracht 0:11. Es ging so leicht, dass sie zum Saisonauftakt gar nicht mehr aufhören konnten. Beim ersten Heimspiel im Waldstadion wurde Schalke mit 5:0 gedemütigt. Auch in der Winterpause setzte der Trainer seine spielerische Linie fort. Zwischen den Jahren traf sich das Team in einem aufblasbaren Zelt am Riederwald. Jeweils sechs Profis spielten gegen sieben Kicker aus Amateurmannschaften. Kleinfeld, 45 Minuten Vollgas, ohne Seitenaus, kurze Pause. Und dann machten sich Stepis Rollkommandos daran, dem nächsten willigen Opfer aus einer regionalen Liga den Kopf zu waschen und es anschließend zum Trocknen auf die Leine zu hängen.

Wo so heftig gehobelt wurde, fielen auch Späne. Kapitän Stein war es seit seiner Zeit beim Hamburger SV gewöhnt, dass Trainingspartien mindestens so ambitioniert geführt wurden wie ein Punktspiel. Als die Kreativachse um Möller und Bein in einem Sieben-gegen-Sieben-Kick die Truppe des Keepers mit aufreizender Lässigkeit an die Wand spielte (Uwe Bein: »Das ging nur bopp, bopp, bopp, Tor«), kündigte der Keeper nach dem vierten Gegentreffer an: »Der Nächste, der mir zu nahe kommt, ist fällig.« Bei der darauffolgenden Ballstafette fuhr er Bein so halsbrecherisch in die Waden, dass nur ein reflexhaftes Hochspringen den Spielmacher vor Schlimmerem bewahrte. Zwei Wochen lang stellte der die Kommunikation mit seinem Tormann ein. Die Führungsetage ignorierte den Vorfall. Stepanovic auch. Erst heute jault er, wenn er zurückdenkt: »Uuuli! Ohh! Hätte Bein fast Beine gebrochen.«
Stein war das schlechte Gewissen des Teams. Am Flipper in der Kneipe am Riederwald legte er Abend für Abend neue High­scores hin und erwies sich als tresenerprobter Kumpeltyp. Aber sobald er den Rasen betrat, erwachte in ihm der eiskalte Erfolgsfanatiker, der auf jeden Fehler seiner Vorderleute ein furchterregendes Tribunal folgen ließ. Verteidiger gingen zitternd auf den Platz. Axel Kruse: »Wer bei Uli in der Mannschaft war, ließ seinen Gegenspieler nicht laufen.« Wenn die Künstler beim Torschusstraining zu Schlenzen anfingen, stellte der Purist im Kasten den Blick auf endlos und die Arbeit ein. Als die Mannschaft im Ligaspiel in Nürnberg kurz vor der Pause einen Treffer fing, rastete der Keeper in der Umkleide völlig aus. Während Stepi wortlos aus dem Fenster starrte, schmiss Stein mit Wasserflaschen und Schuhen um sich, brüllte die Kollegen zusammen und machte mit seiner Kritik auch beim Coach nicht Halt. Doch die aufrüttelnden Worte zeigten Wirkung. Der Club wurde in der zweiten Hälfte mit 3:1 besiegt.

Uli Steins rumpelstilzchenartige Anfälle

»Wenn Uli redete«, erklärt Manni Binz, »hörten die Leute zu.« Zumeist wurden die rumpelstilzchenartigen Anfälle mit stoischem Gleichmut zur Kenntnis genommen. Einmal jedoch, als Stein in der Halbzeit beim Stande von 2:0 für die Eintracht zum Unverständnis aller Dampf abließ, erinnerte sich Uwe Bein daran, dass er ein Leitwolf war: »Stein, nun halt endlich mal die Fresse.« Der Keeper hielt inne, und es wurde so still, dass man eine Stutze hätte fallen hören. Als der Keeper den Mittelfeldlenker am Abend in der Disco wiedertraf, nahm er ihn kumpelhaft am Arm, spendierte einen Drink und sagte versöhnlich: »Fand ich gut, dass du heute mal was gesagt hast.«

 
 
 
 
 
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