Die Sonne steht tief über Frankfurt. Bernd Hölzenbein sitzt am Schreibtisch in seinem schmalen Eckbüro mit Blick in die Arena und trifft mal wieder die Geister der Vergangenheit. Das Eintracht-Denkmal blättert im neuesten Pressespiegel und rollt den Stapel Meldungen, als wolle er die Buchstaben so in Unordnung bringen, dass sie ihren Sinn verändern. Zwischen die Berichte über die aktuelle Zweitligasaison hat sich eins dieser »Was macht eigentlich ...?«-Interviews verirrt. Anthony Yeboah plaudert über einen Vertrag, den er vor zwanzig Jahren mit Eintracht Frankfurt schloss. Es gab damals ein Steuerverfahren. Es ging um nicht abgeführte Mehrwertsteuer, um verdeckte Gehaltszahlungen. Yeboah sagt in dem Interview, er habe die Vertragsmodalitäten gar nicht richtig verstanden und gedacht, Eintracht würde alles regeln. Hölzenbein, der den Kontrakt damals als Vizepräsident des Klubs unterzeichnete, wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Er pfeffert den Pressespiegel auf den Tisch und sagt: »Ich habe den Fußball geliebt, den diese Jungs gespielt haben.« Hölzenbein sieht dabei aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Er ist ein Bauchmensch. Ein Instinktfußballer, der Tore im Sitzen schoss und in einem WM-Finale mal zur rechten Zeit am rechten Ort in den Staub tauchte. Einer, der die Schönheit, den Fintenreichtum, die Dynamik und Unberechenbarkeit des Fußballs liebt. Weiß Gott kein Mann der Zahlen.
Motto: »Hessen zurück an die Spitze«
Im Herbst 1988 trat er als ehrenamtlicher Vizepräsident bei seiner Eintracht an, die zu diesem Zeitpunkt gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpfte. Er hatte eine Vision und ein kämpferisches Motto: »Hessen zurück an die Spitze«. In 420 Bundesligaspielen für die Frankfurter hatte er sich stets auf Augenhöhe mit dem FC Bayern gesehen. Mit einem Näschen für spielstarke Fußballer machte er sich also auf die Suche nach Kickern aus der Region. Schon bald bestand die Hälfte des Kaders aus gebürtigen Hessen. Gemeinsam zelebrierten sie Angriffsfußball mit einer für deutsche Teams bis dato unerreichten Leichtigkeit und Eleganz – doch gleichzeitig setzten sie für das Klischee der »launischen Diva vom Main« neue Maßstäbe.
In der Saison 1991/92 lief eine Elf im Dress der Eintracht auf, die wie ein Versprechen an die Fans des Klubs anmutete, der seit 1959 auf einen Meistertitel wartete: im Tor der gnadenlose Rächer Uli Stein, der mit 37 Jahren im Zenit seiner Schaffenskraft stand. Der phlegmatische Libero Manfred Binz ging an guten Tagen als rechtmäßiger Erbe von Franz Beckenbauer durch. Für Uwe Bein war keine Gasse zu eng, um den tödlichen Pass hineinzuspielen. Vor ihm kreuzte der begnadete Andreas Möller, der mit Ball schneller lief als dreiviertel aller Bundesligaspieler ohne. Und im Sturmzentrum der Ghanaer Yeboah mit baumstammdicken Oberschenkeln. Ein Angreifer, bei dem allein die Kopfbälle strammer waren, als durchschnittliche Vorstopper schießen konnten. Diese Achse aus Künstlern ergänzte ein Kabinett aus Schlitzohren und Charakterköpfen, allesamt Gegenentwürfe zu angepassten Profis: Heinz Gründel, Axel Kruse, Lothar Sippel, Jörn Andersen, Edgar Schmitt, Ralf Weber.
Wenn er es nicht ohnehin schon war, machte diese Elf aus Bernd Hölzenbein einen Melancholiker. Als Harmoniesüchtiger wollte er nur eins: dass sich diese großartigen Spieler gut in Frankfurt fühlten. Für sie war er sogar bereit, Verträge abzuschließen, die nicht im Einklang mit dem Steuerrecht standen. Wenn sie samstags zauberten, standen ihm Tränen der Rührung in den Augen. Im Sommer 1991 glaubten 70 Prozent der deutschen Fußballfans, dass diese Männer in der Lage seien, den Meistertitel zu erringen. Doch wie sagte schon Luis Cesar Menotti: »Ein Mythos wird erst durch das Ende der Geschichte geprägt.«
Alfred Konz aus Berg oder Alfred Berg aus Konz?
Das Ende war ein Pfiff, der am 16. Mai 1992 nicht ertönte. Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz übersah beim Stand von 1:1 in der 76. Minute des 38. Spieltags der ersten gesamtdeutschen Bundesligasaison ein Foulspiel am Frankfurter Ralf Weber im Strafraum von Hansa Rostock. Die Eintracht brauchte nach einer grandiosen Saison einen Sieg beim Absteiger von der Ostsee. In einem dramatischen Finale sicherte sich so der VfB Stuttgart den Titel, obwohl Eintracht insgesamt 19 Spieltage Tabellenführer gewesen war. Referee Berg erhielt nachher Todesdrohungen, die Familie flüchtete vorübergehend aus Angst vor Anschlägen aus ihrem Haus. Noch zehn Jahre später, als Eintracht-Fans für ein Buchprojekt um ein Gespräch baten, lehnte Berg ab. Die Sache habe ihn doch zu lang beschäftigt. Aber ein nicht gegebener Elfmeter allein reicht nicht als tragische Pointe auf die Story eines Teams, das so facettenreich war.
Der Karlsruher Michael Harforth war es, der im Sommer 1991 dem Eintracht-Spiel den Stempel großer Fußballkunst aufdrückte. Nach dem Spiel seines KSC in der dritten Runde des DFB-Pokals sagte er: »Wenn man die im Fernsehen sieht, meint man, da kann man mithalten. Doch wenn man dazwischen steht und sie mit Doppelpässen an einem vorbeirauschen, das ist schon was anderes. Das ist Fußball aus dem Jahr 2000.« Er meinte es keineswegs ironisch, auch wenn Harforth Eintracht kurz zuvor mit einem Tor aus dem Wettbewerb geschossen hatte. Die Tatsache, dass der Urheber des Begriffs »Fußball 2000« gleichzeitig einer seiner Bezwinger war, zeigt die Ambivalenz dieser Elf, die sich an ihrer Genialität ergötzen und gleichzeitig an ihrer Eitelkeit scheitern konnte. Als Axel Kruse im Herbst 1990 noch bei Hertha BSC kickte, wunderte er sich im Punktspiel gegen Eintracht, wie sehr es im Team des Gegners brodelte. Die Frankfurter pöbelten sich auf dem Platz gegenseitig an und ließen unliebsame Mitspieler auch mal vergeblich auf einen Pass warten. Aber sie spielten großartig.
Die Brandherde der Eintracht
Die Brandherde waren vielfältig. Während Hölzenbein mit der Beharrlichkeit eines Bibers an seiner Idee von einer Spitzenmannschaft feilte, stellte er die Vernunft auch mal hintenan. Im Sommer 1990 lockte er Andreas Möller als Cocktailkirsche auf diesen Kader zurück an den Main. Dessen Berater Klaus Gerster – wegen seiner Haarpracht, dem Schnurrbart und seiner dunklen Mäntel in der Branche als »schwarzer Abt« bekannt – handelte für seinen Schützling nicht nur einen exorbitanten Vertrag aus. Gerster erhielt überraschend auch den Posten als Eintracht-Manager. Durch das viele Geld und die Protektion durch den Berater in Doppelfunktion erschien Möller einigen Teamkollegen in zweifelhaftem Licht. Dann wurde ruchbar, dass er vor seinem Wechsel eine Kaufoption bei Juventus Turin unterschrieben hatte, die seinen Verbleib in Hessen ohnehin zeitlich begrenzte. Anstatt die geschäftlichen Vereinbarungen durch bedingungslosen Einsatz zu rechtfertigen, befeuerte Möller sein Divenimage noch, indem er auf dem Platz je nach Tagesform zwischen Galavorstellung und Lustlosigkeit changierte. Für Keeper Uli Stein, den schon Ernst Happel gewarnt hatte, er solle aufpassen, dass sein Ehrgeiz ihn nicht auffräße, war das lethargische Supertalent von Anfang an ein rotes Tuch. Dass Möller zudem mehr als dreimal so viel wie der Rabauke zwischen den Pfosten verdiente, machte die Sache nicht besser.
Wer heute Klaus Gerster in seinem Büro in Bad Homburg besucht, betritt das Obergeschoss einer Neubauvilla. Auf dem Schreibtisch begrüßt ein Schild den Besucher. Auf Englisch steht dort: »Reden Sie nicht über sich selbst, wir machen das schon, wenn Sie gegangen sind.« Die Wände zieren Fotos von Andreas Möller bei seinen großen Erfolgen. »Der Andy« mit dem Europacup, nach der ersten Meisterschaft mit Borussia Dortmund, mit dem DFB-Pokal als Schalker. Der Ex-Kicker wohnt gleich um die Ecke, Gerster und er sind noch immer so vertraut wie Brüder. Eines der größten Bilder im Büro des sonnengebräunten Geschäftsmannes, auf dessen surrendem Smartphone ständig prominente Namen aus der Fußballszene aufleuchten, zeigt seine damaligen Klienten, die »Gerster-Boys«
(Spitzname im Mannschaftskreis) Möller und Binz, wie sie in trauter Umarmung nach einem Vorbereitungsspiel Ende Juli 1991 am Bornheimer Hang vom Rasen schlendern. Sie sehen aus, wie zwei Nachschwärmer nach einer Partynacht auf dem Trottoir in der Morgensonne. Beglückt und schwelgerisch, es fehlt nur die Flasche Champagner. Soeben haben sie den Lokalrivalen vom FSV, damals ein Drittligist mit Aufstiegsambitionen, mit 16:0 aus dem Stadion gefegt. Ein Sieg wie ein Weckruf. In diesen Wochen reifte im Team das Bewusstsein, in der neuen Spielzeit Großes vollbringen zu können.
Stepanovic, ein Zigarillotyp im Zweireiher
Kurz zuvor hatte der Serbe Dragoslav »Stepi« Stepanovic das Traineramt von Jörg Berger übernommen, dessen ständiger Tritt auf die Euphoriebremse eine Meuterei bei den barocken Spielercharakteren heraufbeschworen hatte. Stepanovic war einst Hölzenbeins Mitspieler bei Eintracht gewesen. Ein Weltklasseverteidiger, nun ein solider Amateurtrainer, der im Hauptberuf eine Schänke in einem Einkaufscenter im Nordosten Frankfurts unterhielt. Ein Zigarillotyp im Zweireiher mit mächtig Balkanschmäh, der selbst in diesem dreckigen Haufen aus Exzentrikern noch als Paradiesvogel durchging. Einer mit der langen Leine.
Der Vize entschied sich für den Serben als Coach nicht etwa, weil er ihn für ein Taktikgenie hielt. Er sagt: »Die Mannschaft war so gut, die brauchte eigentlich gar keinen Trainer, die brauchte einen, der sie unterhält.« Und das tat Stepi. In der Saisonvorbereitung ließ er sein Starensemble nach einigen beinharten Konditionswochen nur noch in Freundschaftsspielen gegen Amateurteams antreten. Sie sollten Spaß am Fußball haben, ihr unwiderstehliches Pressing aufziehen und Appetit aufs Toremachen kriegen. Der Kantersieg gegen den FSV war nur einer von vielen Denkzetteln, die das Team im Juli 1991 im Rhein-Main-Gebiet verteilte. SpVgg Bad Homburg – Eintracht 0:9, FC Kufstein – Eintracht 0:8, FC Vils – Eintracht 0:11. Es ging so leicht, dass sie zum Saisonauftakt gar nicht mehr aufhören konnten. Beim ersten Heimspiel im Waldstadion wurde Schalke mit 5:0 gedemütigt. Auch in der Winterpause setzte der Trainer seine spielerische Linie fort. Zwischen den Jahren traf sich das Team in einem aufblasbaren Zelt am Riederwald. Jeweils sechs Profis spielten gegen sieben Kicker aus Amateurmannschaften. Kleinfeld, 45 Minuten Vollgas, ohne Seitenaus, kurze Pause. Und dann machten sich Stepis Rollkommandos daran, dem nächsten willigen Opfer aus einer regionalen Liga den Kopf zu waschen und es anschließend zum Trocknen auf die Leine zu hängen.
Wo so heftig gehobelt wurde, fielen auch Späne. Kapitän Stein war es seit seiner Zeit beim Hamburger SV gewöhnt, dass Trainingspartien mindestens so ambitioniert geführt wurden wie ein Punktspiel. Als die Kreativachse um Möller und Bein in einem Sieben-gegen-Sieben-Kick die Truppe des Keepers mit aufreizender Lässigkeit an die Wand spielte (Uwe Bein: »Das ging nur bopp, bopp, bopp, Tor«), kündigte der Keeper nach dem vierten Gegentreffer an: »Der Nächste, der mir zu nahe kommt, ist fällig.« Bei der darauffolgenden Ballstafette fuhr er Bein so halsbrecherisch in die Waden, dass nur ein reflexhaftes Hochspringen den Spielmacher vor Schlimmerem bewahrte. Zwei Wochen lang stellte der die Kommunikation mit seinem Tormann ein. Die Führungsetage ignorierte den Vorfall. Stepanovic auch. Erst heute jault er, wenn er zurückdenkt: »Uuuli! Ohh! Hätte Bein fast Beine gebrochen.«
Stein war das schlechte Gewissen des Teams. Am Flipper in der Kneipe am Riederwald legte er Abend für Abend neue Highscores hin und erwies sich als tresenerprobter Kumpeltyp. Aber sobald er den Rasen betrat, erwachte in ihm der eiskalte Erfolgsfanatiker, der auf jeden Fehler seiner Vorderleute ein furchterregendes Tribunal folgen ließ. Verteidiger gingen zitternd auf den Platz. Axel Kruse: »Wer bei Uli in der Mannschaft war, ließ seinen Gegenspieler nicht laufen.« Wenn die Künstler beim Torschusstraining zu Schlenzen anfingen, stellte der Purist im Kasten den Blick auf endlos und die Arbeit ein. Als die Mannschaft im Ligaspiel in Nürnberg kurz vor der Pause einen Treffer fing, rastete der Keeper in der Umkleide völlig aus. Während Stepi wortlos aus dem Fenster starrte, schmiss Stein mit Wasserflaschen und Schuhen um sich, brüllte die Kollegen zusammen und machte mit seiner Kritik auch beim Coach nicht Halt. Doch die aufrüttelnden Worte zeigten Wirkung. Der Club wurde in der zweiten Hälfte mit 3:1 besiegt.
Uli Steins rumpelstilzchenartige Anfälle
»Wenn Uli redete«, erklärt Manni Binz, »hörten die Leute zu.« Zumeist wurden die rumpelstilzchenartigen Anfälle mit stoischem Gleichmut zur Kenntnis genommen. Einmal jedoch, als Stein in der Halbzeit beim Stande von 2:0 für die Eintracht zum Unverständnis aller Dampf abließ, erinnerte sich Uwe Bein daran, dass er ein Leitwolf war: »Stein, nun halt endlich mal die Fresse.« Der Keeper hielt inne, und es wurde so still, dass man eine Stutze hätte fallen hören. Als der Keeper den Mittelfeldlenker am Abend in der Disco wiedertraf, nahm er ihn kumpelhaft am Arm, spendierte einen Drink und sagte versöhnlich: »Fand ich gut, dass du heute mal was gesagt hast.«
Die verpasste Chance gegen betrunkene Bremer
Auch Steins Verhältnis zu Dragoslav Stepanovic war zwiespältig. Schon am Tag seiner Amtsübernahme am Riederwald hatte der Serbe ein Machtspiel mit zwei Führungsspielern begonnen. Heinz Gründel erinnert sich: »Einer der ersten Sätze, die Herr Stepanovic sprach, lautete: ›Weiß ich genau, dass alle Angst haben vor Stein und Gründel.‹« Zum Antreiber im Tor gab es für Stepi keine Alternativen, doch Gründel wurde nach der Winterpause zeitweise auf die Tribüne verbannt. Der »schöne Heinz« hatte sich nur bedingt begeistert vom Vorschlag des Trainers gezeigt, fortan als Wasserträger für Andreas Möller zu fungieren.
Trotz des Ärgers hielten sich die Flurschäden in Grenzen. Nach der Hinrunde war Eintracht Tabellenführer. Bei den Bayern hatten sie mit einem 3:3 grandios aufgetrumpft. Mit einem 3:6 in Duisburg bewiesen sie, dass es möglich ist, mit neun Angreifern ein Spiel zu gewinnen. Der 2:1-Sieg in Stuttgart, als es den Hessen gelang, einen 0:1-Rückstand beim schwäbischen Meisterschaftsaspiranten zu drehen, gilt für viele bis heute als das beste Spiel dieser Saison.
Im Winter kam die Diva raus
»Doch im Winter kam die Diva raus«, sagt Manfred Binz. Andreas Möller kokettierte öffentlich mit einem Wechsel nach Italien. Manager Gerster wurde wegen diverser Interessenkollisionen vom Klub beurlaubt. Möller hatte sich verpflichtet, bis 1993 in Frankfurt zu bleiben, andernfalls musste er sich für fünf Millionen Mark aus dem Vertrag herauskaufen. Doch erst hieß es, Juventus wolle von seiner Kaufoption Gebrauch machen, dann, Atalanta Bergamo habe Juve die Option abgekauft. Dann wieder bekräftigte Möller, es sei ihm »eine moralische Verpflichtung, für Frankfurt zu spielen.« Es blickte kaum noch einer durch, sogar die FIFA wurde angerufen und nannte Klaus Gerster zeitweise eine »unerwünschte Person«. Axel Kruse äußerte zur Causa Möller: »Der muss doch erst mal in seine Lügenfibel schauen.« Uli Stein ließ über seinen Anwalt einen Beschwerdebrief an die Klubführung schicken. Der Kernsatz lautete: »Innerhalb des Klubs laufen Dinge, die mit Profifußball nichts mehr zu tun haben.«
Die Mannschaft zerfiel in Lager: Da waren die »Gerster-Boys«; die neutrale Mitte mit umgänglichen Spielern wie Uwe Bindewald, Ralf Falkenmayer, Uwe Bein und Anthony Yeboah. Dragoslav Stepanovic sprach von Heinz Gründel, Axel Kruse, Stefan Studer und Lothar Sippel bald nur noch als »den Rebellen«. Bei einem von ihm angeordneten Spaziergang um einen Ententeich marschierten sie demonstrativ in entgegengesetzter Richtung zum Rest der Mannschaft. Uli Stein sympathisierte mit den Außenseitern, spielte aber mit seiner radikalen Haltung gegenüber dem geckenhaften Trainer und den zaudernden Funktionären in einer eigenen Liga. Stepi erkor die Not kurzerhand zur Tugend und zementierte das Image von der Frankfurter Zwietracht: »Kein Problem. Montag und Dienstag haben wir Theater, am Wochenende spielen wir dann gut. Vielleicht sollte ich noch zwei Spieler holen, damit Mittwoch und Donnerstag auch Theater ist – dann sind wir samstags noch besser.«
Die Rebellen ließen sich die Laune davon nicht verhageln. Selbst nach Niederlagen trafen sie sich zum Vorglühen in der Trattoria bei Rocco in Sachsenhausen, anschließend ging es zum Abhotten in die Mühlheimer Disco »Lemon« im Frankfurter Osten. Und wenn dort die Lichter ausgingen, zogen sie in die nahegelegene Wohnung von Lothar Sippel. Heinz Gründel: »Lothar war ein bisschen pingelig, wir mussten vor der Tür die Schuhe ausziehen.« Die weiße Auslegeware sollte schließlich nicht leiden. Einer drückte irgendwann mal die Sohlen in den Schmutz – und hinterließ an der Tapete lustige Spuren. Im Stockwerk über Sippel wohnte Stefan Studer mit seiner Freundin. Und wenn es unten hoch herging, entfuhr einem der Feierbiester auch mal ein lautstarkes: »Stefan, komm runter.«
Hölzenbein brauchte nach der »Sport-Bild«-Lektüre eine Magentablette
Es waren die letzten unschuldigen Jahre des Profifußballs. Medien hatten es nicht nötig, die Besäufnisse der Profis zu dokumentieren, denn der meinungsfreudige Kader lieferte auch so genug Stoff. Und wenn mittwochs die »Sport-Bild« erschien, musste Vizepräsident Bernd Hölzenbein nach dem Frühstück erst mal eine Magentablette einwerfen, damit er die Schlagzeilen des Tages ertrug. Keine Woche verging, ohne dass einer der streitbaren Eleven wieder vor Reportermikrofonen sein Seelenleben ausgebreitet hatte. Der »Kicker« schrieb: »Krach, Stunk, Eifersucht, Zwietracht und Neid beherrschen das Geschehen.«
Doch im Gegensatz zu heutigen Meisterschaftsaspiranten waren die kernigen Eintracht-Profis nicht nur in Bezug auf die Mitspieler selbstbewusst. Mit Ausnahme des FC Bayern gibt es keinen Klub mehr, der offen dazu steht, dass nur der Titel das Happy End einer Saison sein kann. Manni Binz sagt: »Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht und laut gesagt: Wir wollen Meister werden.«
Und so gelang es der Eintracht, nach 34 Spieltagen Deutscher Meister zu sein. In dieser Phase laborierte Uwe Bein an einer Knochenhautentzündung auf dem Spann und trainierte kaum noch. Im Umfeld des Teams grassierte der Gag: »Woran merkt man in Frankfurt, dass Freitag ist? Uwe Bein kommt zum Training!« Stepanovic, der bei seinen Aufstellungen stets mit kleinen Papierzetteln hantierte, auf denen die Namen der Profis standen, schob die Schnipsel immer willkürlicher über die Taktiktafel. Bei seiner Personalpolitik setzte er auf Überraschungseffekte, um den dauernden Zoff zu kompensieren. Ein Zitat aus diesen Wochen: »Hab isch neue Mann in de Spiel geworfe – und patsch, ham mer gewonne.« Am 34. Spieltag begnadigte er Minuten vor Anpfiff in Leverkusen Heinz Gründel und stimmte sich darüber mit dem Mannschaftsrat im Duschbereich ab. Eintracht siegte 3:1 und war Tabellenführer. Doch die deutsche Einheit hatte in diesem Jahr die Zusammenlegung der Ligen bewirkt – und damit die Verlängerung der Saison um vier weitere Spiele.
Borowka dachte »Och, nööööö!«
Am 9. Mai 1992 standen elf Eintracht-Profis im Spielertunnel des Waldstadions und warteten darauf, Seite an Seite mit der Mannschaft von Werder Bremen zum letzten Heimspiel der Saison einzulaufen. Die Bremer hatten drei Tage zuvor den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. In der Bundesliga bewegten sie sich längst im Niemandsland der Tabelle. Dieter Eilts und Uli Borowka hatten sich eine Glatze schneiden lassen, Partystimmung lag in der Luft. Ein entspannter Frühlingskick stand bevor. Borowka freute sich, nach dem Match mit den frischgebackenen Meistern einen Sekt-Aufguss zu machen: »Aber was machen die? Treten von der ersten Minute an wie die Irren! Binz! Gründel! Selbst der Möller! ›Och, nöööööö!‹, habe ich gedacht – und dann haben wir dagegen gehalten.« Erst in der 82. Minute konnte Tony Yeboah die Bremer 2:1-Führung ausgleichen. Selbst mit vereinten Kräften gelang es nicht, Schiedsrichter Lothar Löwer dazu zu bewegen, einen Strafstoß zu pfeifen. Dieter Eilts grätschte Uwe Bein in den Staub des 16-Meter-Raums, Borowka säbelte einer inneren Bestimmung folgend noch Sippel und Yeboah um –
doch der Pfiff blieb aus. Am Ende hieß es 2:2. Da wurde selbst Uwe Bein stinkig und schnauzte Richtung Referee: »Du bist der größte Feigling, den ich je gesehen habe.«
»Wir wollten doch zusammen Meister werden...«
Am letzten Spieltag in Rostock brauchte das Team also einen Sieg, um aus eigener Kraft den Titel zu gewinnen. Die »Kogge« hatte nur noch theoretische Chancen auf den Klassenerhalt. Bei Eintracht wurde ein Burgfrieden geschlossen – eine Woche lang sollten alle einfach mal die Klappe halten. Doch kaum war die Abmachung getroffen, kam wieder ein Detail aus dem Vertrag von Großverdiener Andreas Möller an die Öffentlichkeit: Während die anderen Eintracht-Spieler 50 000 Mark Meisterprämie erhalten sollten, war ihm das Vierfache versprochen worden. Um Ruhe ins Team zu bringen, quartierte sich die Eintracht zwei Nächte vor dem Saisonfinale in einem entlegenen Hotel in Graal-Müritz ein. »Großer Fehler«, sagt Coach Stepanovic heute. Denn dort hatten die Spieler viel Zeit, um bei ausgedehnten Strandspaziergängen über das Match im Ostseestadion zu sinnieren. Wenigstens sorgte Stepi wieder für Trubel, als er die Elf auf drei Positionen veränderte. Vor allem die Berufung des Ersatzspielers Frank Möller im Mittelfeld rief bei vielen Beteiligten nur noch Kopfschütteln hervor.
Stein und Möller holten die Sektkisten aus dem Kofferraum
Als Eintracht am Ende mit 1:2 verloren hatte, sprach keiner der Hitzköpfe mehr ein Wort. Als der Bus mit den Profis die einsame Landstraße von Rostock zum Flughafen nach Barth fuhr, gab Uli Stein bei Klein-Kusewitz das Zeichen zum Anhalten und forderte seinen Intimfeind Möller auf, mit ihm auszusteigen. Vor den leuchtenden Mecklenburger Rapsfeldern machten sich die beiden an den Ladeklappen des Busses zu schaffen und holten die Sektkisten heraus. Der Kapitän ließ die pathetische Queen-Hymne
»The Show Must Go On« in den Kassettenrekorder legen und sprach: »In 38 Bundesligaspielen haben wir nur auf dem Feld gezeigt, dass wir eine gute Truppe sind. Jetzt lasst es uns einmal auch außerhalb beweisen …«
Zum Bankett im Sheraton-Hotel an der Messe waren statt der erwarteten 600 Gäste nur 150 gekommen. »Sooo viel Essen«, jammerte Stepi. Der beurlaubte Manager Klaus Gerster sorgte noch für einen Eklat, als er ohne Einladung für ein ZDF-Interview vorbeischaute und von Eintracht-Präsident Manfred Ohms Hausverbot erteilt bekam. Als die Mannschaft tags drauf am Paulsplatz von 7000 dankbaren Fans erwartet wurde, sang Lothar Sippel, während er nach und nach seine Klamotten vom Balkon des Römers hinunter warf, den Hit der hessischen Band Rodgau Monotones »Frach mich net (wie’s mir geht)« – und sprach dabei ausnahmsweise mal allen Akteuren aus der Seele.
Was hätte aus diesem Team werden können? Die 10 Millionen Mark Antrittsgage in der Champions League, die nach dieser Saison das erste Mal ausgetragen wurde, hätten den Kader zusammengehalten. Es galt als sicher, dass Mehmet Scholl aus Karlsruhe nach Frankfurt käme, wenn der Titel eingefahren würde. So aber wechselte er nach München. Was bleibt, ist eine Elf aus Unvollendeten: Uwe Bein, der klügste Spielgestalter seiner Generation, ging als Zweite-Reihe-Weltmeister in die Geschichte ein. Vom Jungstar Ralf Weber blieb am Ende einer von Verletzungen geprägten Laufbahn das Bild eines Mannes, der in seiner Enttäuschung auf den Schiedsrichter los will und eine TV-Kamera zertritt. Uli Stein wurde 1994 nach harscher Kritik am Eintracht-Präsidium fristlos entlassen. Andreas Möller wechselte zu Juventus. Ein langer Rechtsstreit folgte, an dessen Ende der Profi dem Klub 2,54 Millionen Mark für seinen vorzeitigen Transfer zahlen musste. Wie im Falle von Tony Yeboah kam es wegen seiner Vertragsmodalitäten noch Jahre später zu einem Steuerverfahren. Ralf Falkenmayer, Axel Kruse, Uwe Bindewald, Jörn Andersen, Heinz Gründel – sie alle beendeten ihre Karriere ohne Meistertitel. Ein Jammer.
Manni Binz sagt: »Wir wollten doch zusammen Meister werden...«
Manfred Binz ist heute Co-Trainer bei Kickers Offenbach. Er sitzt in einem Café am Wilhelmsplatz, und wenn er über damals spricht, saust seine Faust oft in die Fläche der anderen Hand. Auch er hat nie mehr einen Titel gewonnen, obwohl er in acht Jahren 246 Spiele am Stück für Eintracht absolvierte. Die Verwerfungen in der Mannschaft von 1991/92 haben bei dem sensiblen Libero tiefe Narben hinterlassen. Uli Steins Führungsanspruch, sein ständiges Gestänker. Binz: »Nie war Ruhe – so gut es auch lief.« Auch Jahre später, als er dem Ex-Keeper beim Sportpresseball über den Weg lief, waren die Wunden noch nicht verheilt. Den Blick starr nach schräg links gerichtet, ging er wortlos am Ehepaar Stein vorüber. Als Binz in dieser Nacht nach Hause kam, konnte er nicht einschlafen. Er grämte sich bei dem Gedanken, nicht den Mumm gehabt zu haben, auf Stein zuzugehen und die Geister der Vergangenheit endlich ruhenzulassen. Es dauerte Jahre, ehe es eine neue Gelegenheit gab, sich mit ihm zu versöhnen.
Wieder schlägt Binz mit der Faust in die Handfläche. Jetzt, da er so ausführlich über den »Fußball 2000« redet, wünscht er sich, es hätte all die Streitereien, den »Ägga«, nie gegeben. Zwanzig Jahre später. Manni, der Libero. Heute ist er so frei, zu sagen: »Ich würde die Jungs alle gern mal wieder sehen –
und in den Arm nehmen. Wir wollten doch zusammen Meister werden …«