Als ein Sponsor den HSV zum Gespött machte

»Wir sind Medienprofis«

Sommer 1995. Aufgrund miserabler Leistungen wird der HSV von seinem Sponsor gedemütigt: Das Team soll ohne Trikotwerbung auflaufen. Präsident Ronald Wulff schippert derweil übers Mittelmeer – verfolgt von fliegenden Reportern. Als ein Sponsor den HSV zum Gespött machteimago

Da stand die Zaubermaus: Sergio Zarate. Der Transfercoup im Sommer 1994. Weil der 1. FC Nürnberg dringend Geld benötigte, verkauften sie uns den Argentinier für ’n Ei und ’n Butterbrot. Zarate, da waren sich viele sicher, würde uns in den internationalen Wettbewerb schießen.

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Doch es kam alles ganz anders. Die Zaubermaus zauberte nicht ein einziges Mal, schon in der Vorbereitung trabte er gelangweilt über den Platz. Und die Mannschaft, die durchaus die Qualität für einen UEFA-Cup-Platz hatte, ließ sich scheinbar von seiner Lethargie anstecken. Der HSV krebste durch die Saison, am 31. Spieltag standen wir auf Platz 12, zu allem Überfluss setzte es im Volkspark dann noch eine 0:4-Peitsche gegen Köln.

TV-Spielfilm wollte Imageschaden vermeiden

Ein paar Tage später erreichte mich ein Anruf von Martin Fischer, dem Geschäftsführer unseres Trikotsponsors »TV-Spielfilm«. Eigentlich war mein Verhältnis zu ihm sehr gut, wir waren Duzfreunde. Umso erstaunter war ich über das, was Fischer mir eröffnete: »Ronny, auch wenn wir Freunde sind: Wir müssen das jetzt machen«, sagte er und ich stutzte. Was machen? »Wir nehmen das Logo von der Brust.« Er erklärte, dass »TV-Spielfilm« durch die unterirdischen Leistungen des HSV einen Imageschaden erleiden würde. In Wahrheit aber wusste er, dass eine solche Aktion auch eine mediale Lawine auslösen würde. Er gab es sogar unverblümt zu: »Klar, Ronny, wir sind Medienprofis, wir wissen, wie der Hase läuft.«

Und der lief tatsächlich. »TV-Spielfilm« war in den kommenden Tagen omnipräsent. Überall, von »FAZ« über »Süddeutsche« bis »Bild«, stand der Name »TV-Spielfilm« geschrieben. Flächendeckende Werbung, kostenlos. Bei uns im Vorstand war der Aufschrei groß, unser Schatzmeister Gerhard Flomm, der eh nicht so gut auf den Geldgeber zu sprechen war, tobte. Doch was sollten wir machen? Juristisch betrachtet war die Aktion einwandfrei. Ein Sponsor bezahlt für die Brust und kann mit dieser machen, was er will.

Immerhin einigten wir uns darauf, dass wir die drei Buchstaben H, S und V auf die Brust flocken durften. Damit war das Theater allerdings nicht beendet: Schon lange hatte ich einen Geschäftspartner, die Musikfirma Polydor, auf einen Segeltörn nach Mallorca eingeladen. Auf meine Privatkosten, versteht sich.

Mit barbusigen Mädels auf Mallorca?

Schon kurz nach meiner Ankunft bekam die Presse davon Wind. Am nächsten Tag: überall Journalisten, von »Bild«, »Kicker«, »Morgenpost« und dem »Hamburger Abendblatt«. Sie versteckten sich am Hafen und in den Büschen. Später erfuhr ich, dass die Headline der »Bild«-Zeitung schon stand: »Der HSV verliert mit Oben-ohne-Trikots in Lautern, und der Präsident feiert mit Oben-ohne-Mädels auf Mallorca.« Die Journalisten glaubten scheinbar, dass ich mich auf meiner Yacht mit barbusigen Damen vergnügen würde. Einige charterten sich sogar einen Hubschrauber, um mich in einer Bucht zu fotografieren. Ihre Enttäuschung war groß, denn auf meiner Yacht erblickten sie nur ein paar Leute von Polydor, zum Beispiel Geschäftsführer Götz Kiesow, außerdem waren NDR-Mann Uwe Bahn und der dicke Klaus von »Klaus & Klaus« vor Ort.

Wir verhandelten über die Rechte von Polydor-Liedern, die die Plattenfirma gerne während der Halbzeit im Volkspark präsentieren wollte. Als die Journalisten erfuhren, dass ich rein geschäftlich auf der Insel weilte, düsten sie von dannen. In der Zeitung war trotzdem zu lesen: »Der Präsident feiert unter der Sonne von Mallorca – und der HSV verliert 1:4 in Kaiserslautern.« Die Zaubermaus hatte wieder nicht getroffen. Doch immerhin hatte ich einen 100.000-Mark-Deal mit Polydor eingefädelt, was auch meinen Schatzmeister wieder versöhnlich stimmte.

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Ronald Wulff war von 1993 bis 1995 und von 2002 bis 2003 Präsident des HSV. Von 2000 bis 2011 war er Mitglied des Aufsichtsrates.

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