26.08.2012

Als die Bundesliga gegründet wurde

Die Liga der Alten Herren

Seite 2/3: Das eigentliche Thema: Geld
Text:
Uli Hesse
Bild:
Imago

Und damit war man beim Thema angekommen, um das es eigentlich ging: Geld. Das System mit den Oberligen war nämlich für viele Vereine selbst dann ein finanzielles Problem, wenn sie sich an die Regeln hielten. Im Sommer 1962 gab es gleich 74 Klubs, die formal gesehen erstklassig waren. Sie alle – und dazu viele Zweitligisten – bezahlten Vertragsspieler, um konkurrenzfähig zu sein. Doch für kleinere Vereine war das auf lange Sicht ruinös. Der Dortmunder SC 1895 nahm in der Saison 1960/61 nur 18 569 DM ein und sollte davon seinen Kader entlohnen und auch noch die anderen Abteilungen unterhalten. »Von den Vereinen, die den höchsten Spielklassen angehören, ist rund ein Drittel kaum lebensfähig«, stellte der »Spiegel« fest.

Diesen Zustand hatte Neuberger zwei Jahre vor dem entscheidenden Tag in Dortmund zu einem klugen Schachzug genutzt. Auf dem DFB-Bundestag 1960 stellte er fürs Saarland den Antrag, »geeignete Maßnahmen zur Minderung der Zahl der Vereine mit Vertragsspielermannschaften zu ergreifen«. Dagegen konnte niemand etwas haben. Die Frage war nur, was für »geeignete Maßnahmen« das sein sollten. Im Grunde konnte es nur um eine umfassende Reform gehen. Und so titelte die Zeitschrift »Sport-Magazin« eine Woche vor dem Bundestag: »Zielt der Vorstoß der Saar auf eine Bundesliga hin?« Weiter hieß es, dass die Vereine »längst Wege gefunden haben«, das alte Statut zu umgehen, was es nahelege, dem Vorbild eines Nachbarn zu folgen: »Der Schweizer Fußball-Verband überlässt es seinen Vereinen, nach Belieben zu zahlen und selbst mit dem Finanzamt fertig zu werden.«

Auch durch solche Artikel wuchs der Druck auf den DFB, etwas gegen die Finanznot der kleinen Klubs und die schwarzen Kassen der großen zu tun. Und so kam der saarländische Antrag im Sommer 1960 tatsächlich durch. Selbst der DFB-Alterspräsident Paul Flierl aus Fürth, eigentlich ein Verteidiger des Amateursports, sagte bei der Debatte: »Die Umstände ändern sich, und nur ein Dummer bleibt für immer bei seiner alten Meinung.« Der Bundestag beschloss, eine Kommission zu bilden, die die Möglichkeit einer »zentralen Spielklasse« prüfen und eine Empfehlung aussprechen sollte. Den Vorsitz dieser Kommission übernahm Dr. Gösmann.

Doch was hatten die Gegner der Bundesliga überhaupt gegen sie einzuwenden? Warum gab es in Deutschland so große Widerstände? Dass das »Sport-Magazin« das »Finanzamt» erwähnte, liefert einen wichtigen Hinweis: Auch die Traditionalisten sorgten sich nämlich ums Geld.
Zum einen wusste niemand, ob der deutsche Zuschauer nicht viel lieber Lokalduelle sehen wollte als Spiele gegen Klubs vom anderen Ende des Landes. Zudem konnte man eine nationale Liga nicht mit Amateuren oder Feierabendprofis bestreiten, Berufsfußballer aber würden die Klubs viel Geld kosten: nicht nur Gehälter, sondern auch Sozialabgaben. Ein noch größeres Problem betraf die Grundstruktur des deutschen Vereinswesens. Als gemeinnützige Organisationen, die den Breitensport förderten, genossen die Vereine Steuervorteile und bekamen Zuschüsse. All das war in Gefahr, wenn sie Profiabteilungen gründeten und Berufssportler anstellten.

Einige dieser Bedenken erklären, warum es ausgerechnet im Jahre 1962 endlich mit der Geburt der neuen Liga klappte. Man liest oft, das schlechte Abschneiden der Nationalelf bei der WM in Chile habe den Ausschlag gegeben. Aber es spielte auch eine Rolle, dass im Dezember 1961 ein acht Jahre alter Rechtsstreit beendet wurde.

Ende 1953 hatte die AOK den 1. FC Köln aufgefordert, für seine Fußballer Sozialbeiträge zu zahlen. Die Krankenkasse meinte, dass die »Vertragsspieler zu ihrem Verein in einem versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis« stünden, auch wenn sie noch einen Beruf hatten. Der FC hingegen behauptete, die Spieler bekämen kein Entgelt, sondern Aufwandsentschädigungen, die keine »wirtschaftliche Abhängigkeit zum Verein begründen, weil sie zu einem großen Teil durch die besonderen Aufwendungen verbraucht würden, die der Vertragsspieler im Hinblick auf die körperlichen und geistigen Anforderungen habe«. (Auf Deutsch: Spitzenfußball ist so anstrengend, dass das ganze Geld für Verpflegung draufgeht.) Dem wollte das Bundessozialgericht nicht folgen. Kurz vor Weihnachten 1961 entschied es, dass Fußballer Angestellte seien, für die ein Verein Renten- und Krankenversicherung abzuführen habe. Mit einem Schlag war das ganze Vertragsspielerkonstrukt juristisch durchlöchert.
Wahrscheinlich war die Niederlage dem 1. FC Köln gar nicht Unrecht, oder besser: seinem Präsidenten. Der 57-jährige Kettenraucher Franz Kremer handelte von Berufs wegen mit Werbeartikeln und war der größte Befürworter einer Profiliga in ganz Deutschland. Sieben Monate nach der Pleite vor Gericht applaudierte er deshalb im Dortmunder Goldsaal Neubergers Worten und lauschte dann der Schlussrede, gehalten von Jakob Koenen, Bürgermeister von Lippstadt und neuer Schatzmeister des DFB.

Koenen forderte die Abgeordneten auf, der Empfehlung der zwei Jahre zuvor eingerichteten Gösmann-Kommission zu folgen. Die hatte sich in ihrem Gutachten für die Bundesliga ausgesprochen und zudem – nach Gesprächen mit den Finanzministerien – für die Schaffung des »Lizenzspielers«. Das war ein Berufsfußballer ohne Nebenjob, aber auch für ihn sollte eine Gehaltsobergrenze gelten, wodurch den Vereinen die Gemeinnützigkeit erhalten blieb. Diese neue Halbherzigkeit würde schon bald für Ärger sorgen, aber im Sommer 1962 war der Kommission die Rechtslage zu unsicher. »Die Hinwendung zum unbeschränkten Professionalismus,« sagte Gösmann, »könnte zu im Augenblick noch nicht zu übersehenden Konsequenzen führen.«

 
 
 
 
 
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